Single Mom

Warum die Elternzeit in Deutschland zum Zwang geworden ist

Mütter haben keine Wahl, wenn es um die Versorgung ihres Babys geht: Sie müssen Elternzeit nehmen, auch wenn sie lieber arbeiten gehen.

Autorin Caroline Rosales mit ihren Kindern. Sie hat insgesamt zwei Jahre Elternzeit genommen.

Autorin Caroline Rosales mit ihren Kindern. Sie hat insgesamt zwei Jahre Elternzeit genommen.

Foto: Caroline Rosales

Berlin. Der Wiedereinstieg nach einem Kind in den Job ist Hölle. Ein Jahr hat es mich gekostet, mich wieder wohlzufühlen, das Gefühl der Zerrissenheit zwischen Zuhause, Kindergarten und Büro abzustreifen, mich selbst in meiner Rolle zu mögen. Das Härteste aber war, mich in den Job zurückzukämpfen. Mein Schreibtisch gehörte jetzt einem Praktikanten namens Holger, mein Chef bot mir gleich am ersten Tag an, früher zu gehen.

Jetzt fällt das Schnürsenkelschließen aus dem Stand wieder schwer, die Treppenstufen machen meine Beine schwer wie Beton, abends schlafe ich um 21.15 Uhr nach 20 Minuten Fernsehen ein: Ich bin mit dem dritten Kind schwanger. Ich habe die alten Bilder im Kopf.

Ich weiß, was es heißt von vorne anfangen zu müssen, während der Arbeit vom Babysitter angerufen zu werden, ständig nach seinen Kindern gefragt zu werden, vorsichtig, Jahre später erst, nach Karrierechancen nachfragen zu können. Und bei diesem Kind will ich es anders machen. Drei Monate nach der Geburt will ich wieder in den Beruf einsteigen – ja, verdammt, das muss doch möglich sein.

Elternzeit: 90 Prozent der Mütter nehmen sie, aber nur 37 Prozent der Väter

Meine Eltern wiegen langsam den Kopf von links nach rechts – und auch die Freunde. „Wozu der Stress“, fragt meine Freundin. Meinem Freund, dem Vater des Kindes, ist es nicht wichtig, wie lange ich zuhause bleibe, nur, dass es mir gut geht. Ich frage bei Tagesmüttern nach.

„Wir nehmen Kinder ab einem Jahr“, lautet die immer gleiche Antwort am Telefon. Ein Baby, das bedürfe einer Eins-zu-Eins-Betreuung, dafür sei der Betrag, den eine Tagesmutter per Gesetz maximal nehmen könne, nicht ausreichend. Das sehe ich natürlich ein.

Also versuche ich mit privaten Babysittern. Die Kosten liegen hier etwa bei 800 Euro – auf Rechnung. Auch das ist fair – der Babysitter soll sein Geld bekommen. Als Doppelverdiener ist es so möglich für mich als Mutter etwa 30 Stunden die Woche zu arbeiten. Plus 400 Euro monatlich für die Aupair, denn die Baby-Babysitterin ist damit nur bis 15 Uhr bezahlt und kann in der Zeit nicht die zwei ersten Kinder um 16 Uhr vom Hort abholen, geschweige denn bis abends für sie da sein. Macht also in der Theorie Betreuungskosten von etwa 1200 Euro für drei Kinder im Monat.

Elternzeit ist als Privileg getarnt, aber eigentlich ein Zwang

Und spätestens das ist der Moment, in dem bei mir als Schwangere Befremden und Angst einsetzt. Als Mutter stehe ich unter besonderem Schutz des Gesetzes. Bekomme Transferleistungen für meine Elternzeit – und das bis zu zwei Jahre. Das ist ein Privileg, aber wohl eines, dass wir als Frauen bitteschön auch annehmen müssen, weil es finanziell für viele nicht anders machbar ist.

Der Staat fördert Elternzeit im ersten Babyjahr, die Mütter (90 Prozent der Mütter deutschlandweit nehmen Elternzeit, aber nur 37 Prozent der Väter), die sofort wieder nach der Geburt arbeiten wollen, lässt er allerdings im Regen stehen. Einen Mangel in der staatlichen Versorgung erkennt man daran, dass ein Missstand durch erhebliches privates Geldausgeben ausgeglichen werden muss. Bestes Beispiel: Kinderbetreuung im Jahr 2019 in Deutschland.

Was Angela Merkel mit einer Tagesmutter gemeinsam hat

Ganz im Gegensatz zum Nachbarland Frankreich. Meine Cousine hat drei Kinder und ist Lehrerin. Nach zwei Monaten Mutterschutz brachte sie ihre Kinder in eine staatlich finanzierte Krippe, um sechs Stunden am Tag arbeiten gehen zu können. Hierzulande ist die Chance eine Tagesmutter für ein Baby zu finden so wahrscheinlich wie Angela Merkel im Berghain zu treffen.

„So klein schon in die Kita“, sagen meine Bekannten. „Eine Mutter gehört zum Kind.“ Darüber herrscht gesellschaftlicher Konsens. Und so kommt es, dass im Jahr 2019 über zwei Drittel aller Mütter – Akademikerinnen, Pflegekräfte, Oberste Richterinnen, Politikerinnen alternativlos ein Jahr Elternzeit auf einer Bank neben einem Sandkasten absitzen.