Erziehung

Wie Eltern mit extremen Kindern die Nerven behalten

Der Nachwuchs kann Eltern in die Verzweiflung treiben. Autorin Nora Imlau klärt über das Phänomen der „gefühlsstarken Kinder“ auf.

Kinder können einen manchmal in den Wahnsinn treiben. Lassen Sie es nicht so weit kommen.

Kinder können einen manchmal in den Wahnsinn treiben. Lassen Sie es nicht so weit kommen.

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Leipzig. Eines ihrer drei Kinder war von Anfang an anders als andere. Wilder, energiegeladener, gleichzeitig empfindlicher, sehr schnell überreizt und feinfühliger. Es wechselten sich ab: Wut, Freude, Schreianfälle und Traurigkeit. Nora Imlau musste sich fragen: Wie gehe ich mit einem solchen Kind um? Auch andere Eltern stellen sich diese Frage oft, wenn ihr Kind mal wieder einen Wut-Anfall durchlebt.

Nora Imlaus Kind fällt in die Kategorie „gefühlsstarkes Kind“. Oft wissen Eltern eines solchen Kindes, es ist irgendwie anders. Auch hören sie das ungefragt oft von Tanten, Omas, Nachbarn und Freunden, vor allem die Mütter natürlich. Aber was tun?

Kinder, die gefühlsstark sind, was unterscheidet sie von anderen?

Das zweite Kind muss nicht so gut durchschlafen wie das erste, nicht so früh zahnen oder laufen lernen. Nora Imlau (36), heute mehrfache Bestseller-Autorin und vierfache Mutter aus Leipzig, hatte keine besonderen Erwartungen, als ihr zweites Kind auf die Welt kam. Schnell war aber klar: Ihre Tochter ist wunderbar, aber eben anstrengender.

Vier Kinder, die die Welt verändert haben

Sie weinte als Baby manchmal stundenlang, als Kleinkind neigte sie zu extremen Wutanfällen, die mit dem Schulalter nicht besser wurden. „Auf der anderen Seite war sie sehr sensibel und sorgte sich um andere“, erzählt Nora Imlau. „Sie war ein ganz normales Durchschnittskind, bis heute ohne jede Diagnose, aber trotzdem war mir irgendwann klar, dass sie nicht wie die meisten Kinder war.“

Gefühlsstarke Kinder richtig erziehen? So gelingt es:

  • Kinder, die häufig unter Wutanfällen leiden, bereiten den Eltern Probleme
  • Häufig wissen sie nicht, wie sie mit ihnen umgehen sollen
  • Drohungen sind keine Lösungen, oftmals führt das oft zum Gegenteil

Kinder, die ein bisschen mehr von allem sind

Für ihre Tochter begann sie zu recherchieren, später ein Buch zu schreiben über „gefühlsstarke Kinder“. Der Ratgeber „So viel Freude, so viel Wut“ traf bei vielen Eltern den Nagel auf den Kopf und verkaufte sich bis heute 75.000 Mal.

In Zeiten, in denen viel über kindliche Bedürfnisse, Erziehungsstile und Schulformen diskutiert wird, stieß Nora Imlau auf ein US-Sachbuch über „spirited children“. Die Autorin Mary Sheedy Kurcinka beschreibt darin Kinder, die ein bisschen mehr von allem sind, intensiver in jeder Stimmungsausprägung und kaum Ruhe kennen.

In den USA gibt es mittlerweile über 44 Millionen Suchtreffer zu dem Thema. Viel geklickt: die Fragen von besorgten Eltern und Indizien, an denen sie gefühlsstarke Kinder erkennen können. Zum Beispiel würden diese Kinder unruhiger schlafen, viele Dinge gleichzeitig machen wollen.

Vor allem aber würde auch oft der Freundes- und Bekanntenkreis reagieren, wenn sie beobachteten, dass die betroffenen Kinder wie Flummibälle von einem heftigen Gefühl zum nächsten sprängen, ohne kaum je zur Ruhe zu kommen. Einfach mal so mittelzufrieden sind diese Kinder eigentlich nie.

„Für diese Kinder ist es wichtig, den Leistungsdruck rauszunehmen“

Genau wie Imlaus Tochter, die sie oft ans Ende ihrer Belastbarkeit und ihrer Nerven brachte. „Früher – vor 20 oder 50 Jahren – wurde diesen Kindern oft erklärt, dass sie dieses Verhalten abstellen sollen, schlimmer, sie waren nicht selten jene, die verprügelt wurden, nicht in die erzieherische Norm passten“, erklärt die Expertin.

Es gab aber auch schon früher Eltern, die einsahen: Mein Kind geht hier unter. Und die ihrem Nachwuchs deshalb einen Schutzraum geboten haben, weiß Nora Imlau.

Heute ist ihre Tochter zehn Jahre alt und besucht eine alternativpädagogische Schule in Leipzig. Dort, erklärt ihre Mutter, habe sie die Möglichkeit, in ihrem eigenen Tempo zu arbeiten, auch mal Kopfhörer gegen Lärm aufzusetzen, um Ruhe von dem ständigen Geräuschpegel im Klassenraum haben zu können.

Gefühlsintensive Kinder müssen trotz ihrer Niedergeschlagenheit, trotz ihrer Wutanfälle und Eigenheiten nämlich sozialverträglich bleiben – davon ist Nora Imlau überzeugt.

Jedes Kind ist anders – ans Ziel kommen sie alle

Heute versucht die vierfache Mutter, deren neuestes Buch zum Thema am 30. September erscheint („Du bist anders, du bist gut“, Kösel), aus allem den Leistungsdruck für ihre Tochter rauszunehmen. Das könne zeitlicher („Schnell, Schuhe anziehen“) oder emotionaler Stress (Freundschaften, Streit mit den Eltern) sein.

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Auch mit Drohungen zu arbeiten („Wenn du nicht dein Zimmer aufräumst, dann ...“), führe genau zum Gegenteil des Erwünschten. „Gut ist, wenn diese Kinder einen geregelten, berechenbaren Alltag haben“, erklärt Imlau. Auch weiß sie nach vier Kindern (12, 10, 3 Jahre und 8 Monate), dass jedes Kind anders ist. „Aber alle kommen ans Ziel.“