Serie Öko? Logisch

Was die junge Generation bewegt

Letzter Teil der großen Abendblatt-Serie: Wie sich die Jugend in Harburg und Umland auf den Klimawandel einstellt.

Eva Wolf hat sich im Rahmen der Protestaktionen von Fridays for Future demonstrativ mit ihrem Plakat zum Thema Plastikmüll vor das Hamburger Rathaus gesetzt - so wie Klimaaktivistin Greta Thunberg dies viele Monate in Stockholm getan hat.

Eva Wolf hat sich im Rahmen der Protestaktionen von Fridays for Future demonstrativ mit ihrem Plakat zum Thema Plastikmüll vor das Hamburger Rathaus gesetzt - so wie Klimaaktivistin Greta Thunberg dies viele Monate in Stockholm getan hat.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Der Himmel ist wolkenverhangen. Es hat geregnet. Und es ist kühl an diesem Freitagmorgen im August. Eva Wolf hat sich dennoch auf den Weg gemacht. Genauso wie Annika und Silja, Hendrik, Carl und die vielen hundert anderen Schüler und Studierenden, die sich auf dem Hamburger Rathausmarkt versammeln.

Sie kommen aus allen Teilen der Stadt und aus dem Umland. Viele von ihnen haben Plakate gemalt. Darauf stehen Sätze wie: „Stoppt den Klimawandel.“ „There’s no planet B“. Und: „Make love not CO2“. Auch Eva hält ein Schild aus Pappe hoch. Darauf hat sie eine Menge Plastikmüll geklebt.

Protest wie Greta Thunberg

Mittendrin schwimmt ein Clownfisch. „Findet Nemo“ steht darüber. Die Studentin hat es gebastelt, als die Proteste von Fridays for Future losgingen. Im Januar.

Seitdem ist sie fast jeden Freitag dabei, wenn tausende junge Leute durch die Hamburger Innenstadt ziehen, um für eine bessere Klimapolitik zu demonstrieren. Eva hat einen einfachen Grund dafür: Sie hat Angst. „Angst davor, was auf uns zukommt.

Angst vor den Problemen, mit denen wir klar kommen müssen“, sagt die 23-Jährige. „Die Wissenschaft hat deutlich formuliert, dass die Zivilisation zusammenbrechen wird, wenn wir so weitermachen. 2030 ist Schluss. Das ist nicht mehr lange hin. Da frage ich mich, lohnt es sich überhaupt noch zu studieren? Oder ist in ein paar Jahren eh alles egal.“

Ortsgruppen protestieren und machen Klimaschutz-Projekte

Eva sagt, was hier viele denken. Sie ist eigentlich ein stiller Typ. Aber auf der Demo, da ist sie laut. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, ruft sie im Chor.

Es ist eine gewaltige Bewegung der jungen Generation, die die schwedische Schülerin und Klimaaktivistin Greta Thunberg mit ihrem Protest vor dem Reichstag in Stockholm seit August 2018 losgetreten und die längst auch Hamburg und seine Regionen erfasst hat.

Überall haben sich Ortsgruppen gegründet

Überall haben sich Ortsgruppen der Klimabewegung gegründet, auch im Landkreis Harburg. Gruppen von Jugendlichen, die nicht nur auf die Straße gehen, sondern vor Ort Projekte für den Klimaschutz anschieben.

Die Jugend ist umweltpolitisch so interessiert wie selten zuvor. Das zeigen auch die stetig steigenden Zahlen von Aktiven in den Naturschutz- und den Umweltverbänden. Allein beim NAJU Hamburg stieg die Zahl der Mitglieder im Alter von sechs bis 27 Jahren in den vergangenen Monaten von 4000 auf 4800.

„Sowohl bei den Aktiven, als auch bei den Kindergruppen, Kinderfreizeiten und Naturgeburtstagen – überall verzeichnen wir Zulauf“, sagt die NAJU-Jugendbildungsreferentin Thea Wahlers. „Wir spüren, dass die jungen Menschen etwas tun wollen.“

Mehrheit der Jugendlichen ist sozial engagiert

Das bestätigt auch Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann, der mit seinen Beiträgen zur Sozialisations- und Bildungsforschung mit den Schwerpunkten Familie, Kindheit, Jugend und Schule einer der prägenden deutschen Wissenschaftler auf diesen Gebieten ist.

„Die große Mehrheit der Jugendlichen ist sozial engagiert, bei ihr stehen inzwischen die Themen Umweltschutz und Lebensqualität an erster Stelle“, sagt er. Hurrelmann verfolgt das Engagement der jungen Generation mit Interesse.

„So etwas hat es meines Wissens historisch bisher noch nie gegeben: Eine sechzehnjährige schwedische Schülerin als Idol einer Bewegung, die von ungefähr gleichaltrigen Jugendlichen begeistert aufgenommen und weitergetragen wird und es schafft, ein politisches Thema in die öffentliche Diskussion zu bringen, das inzwischen auch von der mittleren und der älteren Generation akzeptiert wird“, so Hurrelmann. „So gut informiert und so selbstbewusst und aufgeklärt war wohl eine junge Generation noch nie.“

Vier von fünf Jugendlichen kennen Fridays for Future

Laut einer Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung an der TU Berlin im Auftrag des Bundesumweltministeriums halten Jugendliche den Schutz von Umwelt und Klima für eine der größten Aufgaben. Von der Bewegung Fridays for Future, die freitags zu Demonstrationen aufruft, haben demnach vier von fünf jungen Menschen in Deutschland schon mal gehört. Fast ein Viertel gab an, sich an den Demos während der Schulzeit zu beteiligen.

Vielen reicht das Demonstrieren allein jedoch nicht. Sie wollen mehr tun als nur ihre Stimme erheben. Eva zum Beispiel engagiert sich seit vier Jahren bei der NAJU Hamburg und erforscht mit Kindern die Gewässer. „Ich möchte den Mädchen und Jungs zeigen, wie wichtig die Natur ist und wie sie mit ihr umgehen sollten“, sagt sie.

Jugendliche verteilen Jutebeutel

Darüber hinaus schreibt sie einen Blog, in dem es vor allem um die Themen Naturschutz und Nachhaltigkeit geht, und was jeder Einzelne zum großen Ganzen beitragen kann.

Auch Jannes Mittelbach und Jurek Meyer aus Buchholz haben ihren Protesten Taten folgen lassen. Erst gründeten sie mit anderen Jugendlichen eine eigene Ortsgruppe von Fridays for Future, dann pflanzten sie Bäume, sammelten Zigarettenkippen und verteilten Jutebeutel in der Innenstadt. Gemeinsam mit den örtlichen Parteien erarbeiteten sie konkrete Vorschläge zum Klimaschutz.

„Wir haben so viele Ideen“, sagt der 17 Jahre alte Jurek.„Doch die Politik ist träge“, ergänzt sein vier Jahre älterer Mitstreiter Jannes. Und weil sie wissen, dass der Klimaschutz nicht warten kann, greifen sie auch zu unkonventionellen Mitteln.

Im Frühjahr baten sie die Verwaltung, mit dem Besitzer der Rütgersfläche, einer 16 Hektar großen Brache am Rande von Buchholz, Gespräche aufzunehmen. Die Idee: die mit Altlasten versehene Fläche vorübergehend zu einer Blühwiese für Insekten umwandeln.

Als nichts passierte, schritten die Jugendlichen selbst zur Tat. Mit Saatbällen bewaffnet griffen sie das Gelände an. Inzwischen blüht immerhin ein kleiner Teil der Fläche. Zum Eigentümer aber gibt es bis heute keinen Kontakt.