Zugverkehr

Flixtrain lässt Rollstuhlfahrerin stehen - So kam es dazu

Mit dem Flixtrain wollte eine behinderte Frau von Berlin ins Ruhrgebiet fahren. Warum das Unternehmen sie am Bahnsteig zurückließ.

Flixtrain: Diese vier Dinge muss man wissen

Flixbus will der Deutschen Bahn auf der Schiene Konkurrenz machen. Sehen Sie im Video vier Dinge, die man zu Flixtrain wissen muss.

Beschreibung anzeigen

Berlin/Duisburg. Schwere Vorwürfe gegen den Fernzug-Anbieter Flixtrain: Der Rivale der Deutschen Bahn hat eine Rollstuhlfahrerin am Bahnsteig stehen gelassen, weil kein Platz für sie war. Dabei wirbt das Unternehmen damit, eine Alternative zur Bahn zu sein – das gilt aber offenbar nicht für Menschen mit Behinderung.

Das Unternehmen weist die Verantwortung von sich und schiebt sie der Deutschen Bahn zu. Flixbus hat der betroffenen Rollstuhlfahrerin den Fernpreis erstattet. Immer mehr Fernzüge des Flixbus-Ablegers auf immer mehr Strecken durch Deutschland. Menschen mit Behinderung aber bleiben dabei mitunter am Bahnsteig zurück.

Das Unternehmen hat schlicht nicht für alle im Fahrplan angebotenen Züge einen Waggon, in den auch ein Rollstuhl passt, wie eine 60-jährige Frau aus dem Ruhrgebiet am eigenen Leib erfahren musste.

Flixtrain lässt Frau im Rollstuhl sitzen – Das Wichtigste in Kürze

  • Flixtrain ließ eine Behinderte einfach stehen
  • Grund: Der Zug war nicht rollstuhlgerecht
  • Nicht alle Verbindungen sind entsprechend ausgestattet
  • Schon auf der Hinfahrt hatte es Probleme gegeben

Hannelore Gerke sitzt im Rollstuhl. Doch das hält die 60-jährige nicht davon ab, immer wieder einmal „auf Tour“ zu gehen. Urlaub, Verwandtschaftsbesuche, regelmäßig ist die Frau aus Bocholt unterwegs. Über Pfingsten will sie in diesem Jahr ihre Nichte in Berlin besuchen.

Sie wählt den Zug, bucht bei Flixtrain, das seit einigen Monaten regelmäßig mit eigenen Zügen vom Ruhrgebiet aus in die Bundeshauptstadt fährt. „Zu günstigen Preisen“, wie Gerke feststellt. Nur 13,49 Euro kostet die Hinfahrt, für gerade einmal 26,99 Euro geht es wenige Tage später zurück. Bei der Deutschen Bahn ist das viel teurer. Auch interessant: Diese Verbindungen plant der Bahn-Rivale Flixtrain.

Flixtrain lässt Behinderte stehen: „Niemand fühlte sich zuständig“

Sie sei auf den Rollstuhl angewiesen, sagt Gerke bei der telefonischen Buchung, könne zum Ein- und Aussteigen nicht aufstehen. „Kein Problem“, heißt es aus dem Flixtrain-Service-Center. Ist es aber doch. Denn als Gerke, ihre Mann und ihre Schwester in den gebuchten Zug einsteigen wollen gibt es weder eine Rampe noch einen Lifter. Es gibt auch keinen, der überhaupt weiß, dass eine Rollstuhlfahrerin an Bord kommen soll. „Niemand fühlte sich zuständig“, erinnert sich die Bocholterin.

Gerkes fragen hier und bitten dort. In letzter Minute heben Bahn-Mitarbeiter sie mit einem Lifter samt Rollstuhl in den Zug. Unterwegs versucht das Flixtrain-Personal nach eigener Aussage, am Berliner Hauptbahnhof anzurufen, kommt aber nicht durch. Deshalb muss der Zug dort eine halbe Stunde warten, bis eine Rampe organisiert ist. Unnötig zu erwähnen, dass die anderen Passagier wenig begeistert sind. „Und ich habe mich auch nicht wohl gefühlt“, sagt Gerke.

Flixtrain: Mobilitätszentrale war nicht informiert

Flixtrain-Sprecher Sebastian Meyer kann den Ärger verstehen, sieht sein Unternehmen aber nur teilweise in der Verantwortung. „Wenn ein Fahrgast mit Rollstuhl mit dem Flixtrain reisen möchte, muss er dies bei der Mobilitätszentrale der Deutschen Bahn anmelden. Die Kollegen helfen körperlich beeinträchtigten Reisenden dann beim Ein- und Ausstieg.

In diesem Fall lag keine entsprechende Anmeldung vor.“ „Hätten wir gemacht“, sagt Gerke, „wenn uns das jemand gesagt hätte.“ Hat aber keiner. „Darauf hätten die Reisenden durch den Flixtrain-Kundenservice hingewiesen werden müssen“, gibt Meyer zu.

Einen Vorteil haben die Probleme auf der Hinfahrt. Familie Gerke weiß nun, was für die Rückfahrt zu beachten ist. „Da haben wir natürlich diese Mobilitätszentrale angerufen, um den Rollstuhl anzumelden.“

Dort benötigt an allerdings eine Wagen- und Sitzplatznummer, um das benötigte Gerät an den richtigen Ort zu schaffen. Doch die kann Flixtrain nicht liefern, weil es in dem fraglichen Zug keine reservierten Plätze gibt. Aber wieder kommt die Versicherung, Hannelore Gerke komme auf jeden Fall in den Zug.

In einigen Zügen kein Platz für einen Rollstuhl

Kommt sie nicht. Nicht weil bei der für 8.30 Uhr geplanten Abfahrt aus Berlin wieder niemand etwas weiß beim Personal, sondern weil an der Lok nicht ein einziger Waggon hängt, in den ein Standard-Rollstuhl passen würde. Der Flixtrain fährt ohne Gerke. Sollte nicht passieren, heißt es aus der Pressestelle des Unternehmens. Ist aber offenbar kein Einzelfall, wie sich beim Blick auf einschlägige Internet-Foren zeigt.

„Wir beziehen unser Wagenmaterial von verschiedenen Anbietern. Einige Wagentypen sind dabei schwerer zu bekommen als andere, so dass es aktuell noch passieren kann, dass auf einzelnen Fahrten kein Wagen mit rollstuhlgerechtem Einstieg verfügbar ist“, räumt Sebastian Meyer ein. Man arbeite an dem Problem.

Hannelore Gerke ist mit der Deutschen Bahn aus Berlin zurückgekommen. „Ohne Probleme“, aber auch für knapp 120 Euro. „Das ist sehr viel Geld für mich.“ Flixtrain hat ihr den Betrag „aus Kulanz“ erstattet und noch einen Gutschein für eine kostenlose Fahrt dazu gelegt. Doch den will Gerke nicht nutzen. „Ich habe mich selten so diskriminiert gefühlt, wie in diesem Fall“, sagt sie. „Ich fahre nicht mehr mit denen.“

Das Unternehmen hat immer wieder PR-Probleme

Zuletzt gab es mehrfach Probleme von Reisenden mit den Bussen des Unternehmens. So erhob eine Reisende Rassismus-Vorwürfe gegen Flixbus. Andere Fahrgäste blieben einfach stehen – war das rechtens? Anderer Flixbus-Passagiere standen stundenlang in der Hitze.

Auch kam es zu diversen Unfällen. Etwa zwischen Osnabrück und Bremen auf der A1 mit sieben leicht verletzten Fahrgästen. Dramatische Szenen spielten sich auch auf der A9 ab – wie ein Opfer seinen Retter fand.