Single Mom

Warum ich auf Rezo ein bisschen neidisch bin

Als Kind schrieb unsere Kolumnistin dem Bürgermeister. Und bekam nie eine Antwort. Einem Influencer würde das nicht passieren.

Wenn Caroline Rosales schon Twitter gehabt hätte, dann hätte sie keinen Brief an den Bürgermeister schreiben müssen – und hätte wohl eine Antwort bekommen.

Wenn Caroline Rosales schon Twitter gehabt hätte, dann hätte sie keinen Brief an den Bürgermeister schreiben müssen – und hätte wohl eine Antwort bekommen.

Foto: Werner/Rosales

Berlin. Als ich elf Jahre alt war, schrieb ich einen Brief an den Bürgermeister von Bonn. Es war das Jahr 1993, ich besuchte die achte Klasse – und tatsächlich machte mir die Umweltverschmutzung in meiner Heimatstadt Sorgen. Ich erinnere mich, dass ich etwas schrieb wie: „Wenn ich mir eine Landkarte von Bonn anschaue, dann sehe ich nur Autobahnen.“ Mein Vater half mir, den Brief zu verschicken, wir gingen zur örtlichen Post, kauften eine Marke und warfen ihn ein. Ich habe nie eine Antwort bekommen.

Vermutlich genauso wenig wie die dutzenden Demonstranten, die an den Wochenenden mit Transparenten vor dem Rathaus standen. „AKW – nicht okay“, skandierten Menschen, die sich für Nieselregen oder Schnee nicht zu schade waren. Schon als Kind lernte ich unterschwellig, dass Demonstrationen unter Umständen wenig Sinn ergeben, der Bürger und Wähler, er war lange in meinen Augen und gegen mein Gerechtigkeitsempfinden machtlos.

Rezos CDU-Video wurde über 14 Millionen mal angeguckt

Tatsächlich änderte sich dieses Verständnis plötzlich mit meinem 30. Lebensjahr. Ich war mittlerweile Blogger und kämpfte mit einer NGO und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gegen hormonwirksame Stoffe in Baby-Creme. Und dann geschah das Undenkbare: Drei Wochen und Hunderte Unterschriften später, die wir über die Petitionsplattform Change.org gesammelt hatten, gab einer der größten Hersteller weltweit bekannt, künftig auf diese Stoffe zu verzichten. Das war vor fünf Jahren.

Und längst ist meine Aktion, gegen all das Engagement von Influencern, Bloggern und YouTubern eine Bagatelle. Das Video zur CDU von Rezo, einem Informatiker aus Aachen, wurde fast 14 Millionen Mal geklickt . Die US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez hat fast 4,5 Millionen Follower auf Twitter. Sie ist seit Januar mit 29 Jahren die jüngste Abgeordnete der US-Geschichte. Die 16-jährige Greta Thunberg hat einen Instagram-Account mit 1,8 Millionen Followern, YouTuber Le Floid, der schon Angela Merkel interviewte, hat dort einen Fan-Kreis von rund 700.000. Die Generation YouTube prägt die Agenda, nur 14 Prozent der 18- bis 29-Jährigen wählten bei der Europawahl die CDU. Bei der Bundestagswahl waren es in dieser Zielgruppe noch 25 Prozent.

Heute würde ich den Bürgermeister einfach antwittern

Anfang der Neunziger musste der Bürgermeister meinen Brief noch nicht lesen. Heute könnte ich ihn auf Twitter daran erinnern, es zu tun. „Hey @HansDaniels“, würde ich schreiben. „Haben Sie meinen Brief schon gelesen?“ Und vier Stunden später: „@HansDaniels hat noch nicht geantwortet.“ Heute steckt hinter @HansDaniels übrigens ein DJ und kein Oberbürgermeister.

Die Generation YouTube ist lauter, dynamischer. Sie kann so viel Stress machen, so viel Einfluss aufbauen, wie sie möchte. Sie hat das Recht dazu, nicht faktensicher zu sein, weil das keiner von uns mit Anfang 20 war. Sie wird die etablierte Politik in absehbarer Zeit agiler machen, reaktionsschneller und schlagfertiger.

YouTuber und Influencer sorgen neben der deutschen Presse dafür, dass es keine Müdigkeitserscheinungen innerhalb der Demokratie gibt, dass Wähler-Anliegen ernst genommen werden. Themen wie Klimaschutz, Familienpolitik, Tierschutz und Verbraucherschutz sind keine Nischen mehr, keine unwichtigen Themen neben der Außen- und Wirtschaftspolitik. Politiker können und werden über solche stolpern. Die Parteien sind sicher gut beraten, sich Expertise zu suchen und sich auf eine neue Form der direkten Bürgerbeteiligung vorzubereiten. Denn da braut sich etwas zusammen.

Ich bin nicht alt mit 36 Jahren, aber ich wäre so gerne noch einmal elf Jahre wie damals. Ich wünschte, ich hätte einen Twitter-, einen YouTube-, einen Instagram-Channel gehabt. Heute bleibt mir nur, denen zuzujubeln, die es können. Rezo und allen jungen Influencern, die es wagen, den Regierungsparteien ans Bein zu pinkeln und echte Veränderungen zu fordern. Benutzt Eure Jugend, gebraucht sie so gut ihr könnt, ich beneide Euch so sehr!