ARD-Krimi

„Polizeiruf 110“: Werden Heimkinder wirklich zum Geschäft?

Im Rostocker „Polizeiruf“ schieben Behörden verhaltensauffällige Jugendliche ins billige Ausland ab. Sieht so etwa die Realität aus?

Szene aus dem „Polizeiruf“ aus Rostock: Sami (Jack Owen Berglund, r.) geht es zusehends schlechter. Keno (Junis Marlon) hält die Stellung.

Szene aus dem „Polizeiruf“ aus Rostock: Sami (Jack Owen Berglund, r.) geht es zusehends schlechter. Keno (Junis Marlon) hält die Stellung.

Foto: NDR/Christine Schroeder

Berlin. Der Leiter eines privaten Kinderheimträgers wird tot im Wald gefunden, erschossen von Keno, einem seiner verhaltensauffälligen Jugendlichen. Erster Ladendiebstahl mit fünf, erster Fall von Vandalismus mit sechs. Voller Wut auf die Welt der Erwachsenen, in der er niemandem vertraut, macht er sich auf den Weg zu seinem Halbbruder – der in einer anderen Pflegefamilie in der polnischen Provinz lebt. Derart abgeschieden, ärmlich, voller sprachlicher und kultureller Barrieren, dass er mehrfach versuchte, sich das Leben zu nehmen.

Der Rostocker „Polizeiruf“ war ein Film über Behördenversagen, ein wachsendes Geschäft mit Pflegekindern und letztlich Jugendlichen, die von allen aufgegeben wurden und stattdessen als „tickende Zeitbomben“ gefürchtet werden. Den wahren Verhältnissen scheint er damit erstaunlich nah zu kommen.

„Polizeiruf 110“ im Faktencheck: Zahl der Pflegekinder wächst

Da sind zunächst die Zahlen: In den vergangenen zehn Jahren ist die Anzahl der Pflegekinder in Deutschland um 65 Prozent gestiegen. Holger Wendelin, Professor für Erziehungswissenschaft an der Evangelischen Hochschule in Bochum sieht dafür mehrere Gründe: „Zum einen gibt es eine zunehmende Sensibilisierung für das Thema Kinderschutz.“ Da habe sich gesetzlich einiges getan, etwa mit dem Kinderschutzgesetz von 2012.

Ein anderer Faktor seien gesellschaftliche Veränderungen. „Es gibt Jugendliche, die es nicht schaffen, sich in unserer immer komplexer werdenden Welt zu orientieren und dann auf der Strecke bleiben.“ Die gewachsene Freiheit bedeute auch eine „Gestaltungsnotwenigkeit“, die man als Leistung erstmal vollbringen müsse.

Mehr zum Thema: Kinderschutzbund: „Unser Schulsystem vom Ansatz her falsch“

Wie umgehen mit „Systemsprengern“?

Die, die dann auf der Strecke bleiben und verhaltensauffällig werden, werden dann zum Teil von den Jugendämtern in Obhut genommen, wie es im Fachjargon heißt. Doch wie mit ihnen umgehen? Im Film prallen verschiedene Auffassungen aufeinander.

Da ist Valli, die Betreuerin in Kenos Wohngruppe. Sie setzt auf Vertrauen. Sie hofft: Wenn ich Keno einfach so annehme, wie er ist, wird er selbst merken, dass er mit seinem Grenzüberschreitungen nicht weit kommt. Ihr Vorgesetzter Stig baut hingegen auf Strenge, schließt die Kinder notfalls in ihrem Zimmer ein, in dem es nichts gibt außer einem Bett und einem Tisch mit Stuhl.

Beide Ansätze scheitern. Valli unterschätzt die Situation, sieht nicht das Maß an Verletzungen, die Keno schon erfahren hat. Ihr pädagogischer Ansatz scheint zu spät zu kommen. Die harte Hand ruft dagegen noch mehr Wut und Aggressionen in dem Jungen hervor – und führt letztlich zum tödlichen Schuss.

Erziehungswissenschaftler Wendelin beobachtet, dass es wieder stärker „in Richtung harter strikter Antwort“ gehe. Aus seiner Sicht eine problematische Entwicklung: Der Begriff „Systemsprenger“, wie er auch im Film fällt, habe in letzter Zeit deutlich an Zuspruch gewonnen. Damit signalisiere man jedoch: Du bist das Problem. Nicht, wir haben gemeinsam ein Problem. „Das feuert die problematische Entwicklung der Jugendlichen nur noch mehr an.“

Die Probleme der Kinder werden zur „Industrie“

Eine Entwicklung, die sich offenbar auch als Geschäft eignet. Bereits vor vier Jahren hatte eine ARD-Dokumentation darüber berichtet, wie in Deutschland mit Pflegekindern zunehmend Kasse gemacht wird – und das Wohl der Kinder selbst nachrangig erscheint. Denn die Betreuung ist inzwischen größtenteils in privater Hand, der Markt der freien Träger wächst.

Heinz Buschkowsky, damaliger Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln sprach darin von einer „Industrie der Kinderbetreuung“ und „Milliarden, die der Staat herausreicht, ohne jede faktische Kontrolle“. Der Polizeiruf-Regisseur Lars Jessen betont jedoch: „Uns geht es nicht darum, Leute in sozialen Berufen zu diskreditieren oder Jugendämter pauschal zu verurteilen“, erklärt er. „Wir wollten vor allem auf den Rückzug des Staates aufmerksam Regisseur Lars Jessen machen.“

„Outsourcing in den billigen Osten“

Wenn die Betreuung von Kindern und Jugendlichen von ökonomischen Zwängen abhängig gemacht werde und ihre Probleme zu etwas, mit dem sich Geld verdienen ließe, könne das nur zu Missständen führen. Etwa dazu, dass Kinder aus Kostengründen ins Ausland „ausgelagert“ werden, vollkommen legal.

„Outsourcing in den billigen Osten“, nennt es Kommissarin Katrin König im Film. „Wohin mit den Kindern?“, verteidigt sich daraufhin die Jugendamts-Mitarbeiterin. Pflegefamilien im Ausland, gerade im osteuropäischen, scheinen dabei für beide Seiten der Ausweg zu sein. Aktuell leben etwa 850 Kinder aus Deutschland in Pflegefamilien im europäischen Ausland, heißt es im Abspann.

Ausland kann Abstand zu Problemen schaffen

Auch für die Jugendlichen selbst verspricht man sich von manchen Ländern bestimmte pädagogische Einflüsse, etwa durch eine besondere Kultur oder andere Lebensweise, erklärt Wendelin. „Man geht davon aus, dass die Jugendlichen über die räumliche Distanz auch eine psychische Distanz zu den Problemen zu Hause bekommen, auch zum Straßenstrich oder Drogenmilieu“, sagt der Erziehungswissenschaftler.

Zudem erwarte man, dass sie nicht mehr gewalttätig werden oder weglaufen, weil sie sich im Gastland nicht auskennen. In etwa in einem Viertel der Betreuungsfälle im Ausland hat der Wissenschaftler tatsächlich Lebensverhältnisse erlebt, wie sie in der polnischen Familie gezeigt werden. Das bäuerliche Leben sei aber nicht prinzipiell problematisch.

„Es kann auch gezielt dazu dienen, die Komplexität des Alltags zu reduzieren“, sagt Wendelin. Studien hätten sogar belegt, dass viele der Auslandshilfen hochwirksam sind – wenn sie gut betreut werden. Bei einzelnen Trägern, so Wendelin, habe er jedoch das Gefühl, dass manche Träger mit Auslandshilfen schlichtweg mehr Geld verdienten als im Inland.

Die kommunalen Jugendämter überprüften bisher nur im Einzelfall. Und: „Die haben möglicherweise das Interesse, dass ihnen jemand die Jugendlichen abnimmt.“ Damit tolerierten einige auch Auslandshilfen, über die „sich fachlich streiten lässt“. (Verena Müller)