Energie

Analyse: Welche Schuld haben Windräder am Insektensterben?

Windräder sollen jährlich in Deutschland für den Tod von einer Billion Insekten verantwortlich sein. Kritiker zweifeln an der Studie.

Die Windenergieanlagen in Deutschland werden immer größer. Aktuell sind an Land und auf dem Meer über 31.000 Anlagen installiert.

Die Windenergieanlagen in Deutschland werden immer größer. Aktuell sind an Land und auf dem Meer über 31.000 Anlagen installiert.

Foto: istock / iStock

Berlin. Weltweit äußern sich Wissenschaftler besorgt über einen dramatischen Rückgang von Insektenarten. Die Intensivierung der Landwirtschaft mit dem Einsatz von Pestiziden oder Monokulturen auf den Feldern gilt als Hauptgrund.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrt (DLR) bringt nun einen anderen Akteur ins Spiel: Ausgerechnet die umweltfreundliche Windenergie soll Mitschuld haben, dass die Populationen von Bienen, Schmetterlingen und anderen Arten schwinden. Denn Jahr für Jahr erschlagen die Rotorblätter der 31.000 Windräder in Deutschland mehr als eine Billion Insekten, ergab die Rechnung des DLR.

Insekten in Windparks – Zustimmung und Kritik an Studie

„Das Echo auf unsere Untersuchung ist gewaltig“, sagt Mitautor Franz Trieb. „Das Feedback reicht von Zustimmung bis hin zu massiver Kritik und der Weigerung, unsere Ergebnisse anzuerkennen.“ Trieb analysiert beim DLR Szenarien neuer Energiesysteme. Deutschlands Energiewende und der Weg in ein CO2-freies Zeitalter erfordert die Errichtung von Windparks. Doch die Anlagen, so folgert Trieb, müssten in der Zeit zwischen April und Oktober eigentlich abgeschaltet werden. „Wir sprechen über eine große Menge beschädigter Fluginsekten, die so gewaltig ist, dass sie für die Stabilität von Insektenpopulationen durchaus bedrohlich sein könnte.“

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Kern der Untersuchung ist eine Rechnung. Trieb und die beiden weiteren Autoren, Thomas Gerz vom DLR in Oberpfaffenhofen und Matthias Geiger vom Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere in Bonn, ermittelten für das Jahr 2017, dass die Rotorfläche der rund 31.000 Windenergieanlagen in Deutschland insgesamt etwa 158 Millionen Qua­dratmeter beträgt. Gemeint ist der Kreis, den die Rotorblätter bei der Umdrehung beschreiben.

Acht Millionen Kubikkilometer Luft von April bis Oktober

Die Auslastung der Anlagen und die Windgeschwindigkeit führten zu der Aussage, dass während der Insektenflugsaison von April bis Oktober etwa acht Millionen Kubikkilometer Luft durch die Windparks wehen – das ist das Zehnfache des deutschen Luftraums bis 2000 Meter Höhe.

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Angenommen wurde zudem, dass ein Kubikkilometer Luft etwa neun Kilogramm Insekten enthalte, von denen fünf Prozent beim Durchfliegen von den Rotorblättern getötet würden. So kommen die Forscher auf Insektenverluste von 1200 Tonnen pro Jahr oder fünf bis sechs Milliarden Insekten pro Tag. Doch welche Aussagekraft hat die Zahl getöteter Insekten?

Wie belastbar ist die Studie?

Professor Lars Krogmann vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart ist skeptisch: „Wir kennen die Gesamtzahl aller Insekten nicht einmal annähernd. Deswegen würde ich es für eine gewagte These halten, dass die errechnete Zahl der durch Windräder getöteten Fluginsekten relevant für die gesamte Population sei“, sagt Krogmann. „Man könnte ebenso annehmen, dass die über 40 Millionen Autos in Deutschland insgesamt Mitschuld am Insektensterben haben, wenn sie während der Fahrt Tiere töten.“

Die Masse getöteter Insekten an den Rotorblättern allein lasse noch keine Rückschlüsse darauf zu, ob eine Population gefährdet sei, ergänzt Krogmann. „Wir wissen weder, welche Insektenarten betroffen sind, noch, ob es junge oder alte Exemplare sind. Denn entscheidend für den Fortbestand sind die Larven, die geeignete Lebensräume brauchen, um sich zu erwachsenen Insekten entwickeln zu können. Larven geraten nicht in Windräder.“

Großer Anteil fliegender Insekten gar nicht auf Höhe von Windrädern

Experten des Bundesumweltministeriums merken an, dass die DLR-Studie die einzige bekannte Studie ist, die Insektenschlag an Windenergieanlagen mit Insektenrückgang in Verbindung bringe. Keine weitere Studie habe einen Forschungsbedarf in diesem Feld aus Naturschutzsicht nahegelegt oder belegt. Die Windenergienutzung sei erst im letzten Jahrzehnt in der Fläche in den Ausbau gegangen und könne somit für diese langfristigen Rückgänge nicht verantwortlich sein.

Drittens sei zu bedenken, dass sich ein großer Anteil der flugfähigen Insekten überwiegend bodennah auf Höhe der Vegetation und damit deutlich unterhalb der Rotorblätter bewege. Und schließlich gebe es Insektenrückgang auch bei relevanten, nicht flugfähigen Insekten, die nicht von der Windkraft betroffen sein können.

Windradhersteller widerspricht der Studie

Dabei sagt Trieb selbst, dass die Studie keine genaue Schuldzuweisung zulasse. „Man kann zurzeit aus unseren Zahlen weder ableiten, dass die Windenergie eine nennenswerte Rolle beim Insektenschwund spielt, noch, dass sie daran unbeteiligt ist“, so Trieb.

Er sieht Forschungsbedarf: „Die von uns ermittelte Zahl sollte empirisch verifiziert werden. Es wäre gut, wenn wir etwa in den Bereichen Landwirtschaft oder Straßenverkehr eine vergleichbare Zahl hätten.“

Deutschlands größter Hersteller von Windenergieanlagen, Enercon, widerspricht der Studie. Es sei zwar unstrittig, dass Insekten mit den Rotorblättern von Windenergieanlagen kollidieren könnten. Dass aber Insektenreste an den Rotorblättern laut DLR-Recherche die Leistung hiesiger Windkraftanlagen um bis zu 50 Prozent verringern könne, sei nicht nachzuvollziehen, teilt das Auricher Unternehmen mit.

„Spätestens nach dem nächsten Regenschauer sind diese Verschmutzungen wieder abgewaschen. Ihr Einfluss auf die Ertragseigenschaften von Windenergieanlagen ist deutlich geringer als zum Beispiel die Erosion an Rotorblattoberflächen aufgrund von Staubpartikeln in der Luft und Niederschlag.“

Abschalten der Anlagen ist einfachste, aber nicht einzige Option

Franz Trieb ist gesprächsbereit. „Wir bieten unser Wissen und das Know-how der einjährigen Recherche an, damit Forscher unterschiedlicher Fachrichtungen gemeinsam Maßnahmen entwickeln können, um die Umweltschäden durch Windparks zu verringern“, sagt er. Das Abschalten der Anlagen sei sicherlich die einfachste, aber glücklicherweise nicht die einzige Möglichkeit der Schadensvermeidung und stehe deshalb aber auch nicht zur Diskussion. Trieb schlägt vor, Radarsysteme zur Erkennung von Insektenschwärmen zu nutzen und sie mit der Steuerung der Rotoren zu verbinden.

Dass sich die gesamte Rotorfläche aller Windenergieanlagen in 30 Jahren derart vergrößert, habe so niemand vorausgeahnt. Eines aber sei ihm klar, sagt Trieb: „Die Annahmen, die damals zu einem Verzicht auf einen Verträglichkeitsnachweis von Windkraftanlagen gegenüber Fluginsekten geführt haben, sind falsch.“