Single Mom

Wir brauchen diesen „Gender-Unfug“ – sogar ganz dringend!

Gender-Unfug? Ja! Denn wer Kinder großzieht, merkt, wie wichtig das Ablegen von klassischen Rollenbildern ist. Besonders für Jungs.

Wir müssen die klassischen Rollenbilder ablegen, findet Caroline Rosales.

Wir müssen die klassischen Rollenbilder ablegen, findet Caroline Rosales.

Foto: Werner/Rosales

Berlin. Meine Kinder und ich haben nicht viele, ja, nennen wir es „Traditionen“, aber wir gehen gerne zu Tanzshows, ins Ballett, in den Zirkus – der Akrobaten wegen. Vergangene Woche war „Disney on Ice“ dran, ein weltweit tourendes Ensemble, bei dem Tänzer in Disney-Kostümen auf Kufen singen und Pirouetten drehen.

Das große Highlight der Show ist auch nach vielen Jahren immer noch Elsa, die Eiskönigin – doch dieses Jahr war etwas anders. Meine vierjährige Tochter und ich sangen den Titelsong wie schon hundertmal zu Hause von der CD begeistert mit, nur mein siebenjähriger Sohn verschränkte während der ganzen Show die Arme.

Wenn ich versuchte, seine Hand zu nehmen, riss er sie weg und sagte: „Mama, lass mich“. Nur ganz kurz, als die große rote Krabbe von „Arielle, die Meerjungfrau“ auf das Eis stürmte, huschte ein zartes Lächeln über sein Gesicht. Später im Auto fragte ich ihn, was los war, und er erklärte mir: „Elsa und die Krabbe, das ist doch für Babys.“ Er sagte das so cool, mein lieber Sohn, er sah aber nicht glücklich dabei aus.

Elsa-Kostüm für Jungen in Ordnung – aber doch nur zu Hause

Sicher, es ist der natürliche Reflex eines Erstklässlers, groß und abgeklärt sein zu wollen, aber seine Worte wirkten aufgesetzt. Zu Hause fragte ich ihn dann vor dem Einschlafen: „Würdest Du das Elsa-Kleid deiner Schwester tragen?“. Ich fragte aus Neugierde. „Ja“, antwortete er sofort. „Aber nur zu Hause, niemals in der Schule.“ Seine Worte trafen mich mitten ins Herz.

Dieser Tage wird so viel geredet und debattiert, über den Unterschied der Geschlechter und die Sinnhaftigkeit der Unterscheidung in der Gesellschaft. Gegen eine sogenannte gendergerechte Sprache haben sich der „Verein Deutsche Sprache“ und 100 Erstunterzeichner vor allem aus Wissenschaft, Medien und Kultur in einem „Aufruf zum Widerstand“ gewendet.

Der politische Aschermittwoch stand zeitgleich im Zeichen vermeintlich rassistischer Kostüme. Eine Kita in Hamburg hatte Indianer-Kostüme verboten, weil sie Minderheiten beleidigten und Stereotypen förderten. Hier empörten sich CSU-Chef Markus Söder und der Grünen-Politiker Cem Özdemir. Letzterer nannte das Ganze eine „skurrile Debatte“.

Hintergrund: Kita gegen Indianer-Kostüme: Politiker mischen sich ein

„Verein Deutsche Sprache“: Abtun und weitermachen wie die vergangene 100 Jahre

Wenn ich nun einen Strich unter die Diskussionen der vergangenen Woche ziehe und den Blick dabei auf meinen Sohn wende, dann ist es sicherlich leicht, die ganze Empörung als „Gender-Unfug“, wie es der „Verein Deutsche Sprache“ nennt, abzutun und weiterzumachen wie die vergangenen 100 Jahre zuvor.

Vielmehr haben wir aber jetzt die historische Chance, den Blick auf das Detail zu wenden, sensibel für die kleinen Unterscheidungen zu sein und unseren Kindern eine differenzierte Welt zu ermöglichen.

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Einerseits unseren heranwachsenden Mädchen zu signalisieren, dass die weibliche Form in der Sprache und damit in der Realität die gleiche Beachtung findet, andererseits unseren heranwachsenden Jungs zu zeigen, dass jedes Kostüm, jede Identität als Spiel mit den Rollen, als Entdeckung seiner selbst akzeptabel und sogar erwünscht ist. Und ja, das ist anstrengend, pedantisch, nervig für manche.

Ältere Herrschaften, die ihre Sprachgewohnheiten verletzt sehen

„Blödsinn“ zu rufen ist dagegen bequem, komfortabel und beendet jede Diskussion zuverlässig. Der Linguistik-Professor Anatol Stefanowitsch von der FU Berlin findet dagegen, dass der Aufruf gegen das Gendern der Sprache „mit Vollgas zurück in die Vergangenheit“ führt. Unterzeichnet hätten ihn „vorwiegend ältere Herrschaften, die ihre Sprachgewohnheiten verletzt sehen“. Und ich gebe ihm recht.

Denn es ist nicht wichtig, wie wir, die wir seit mindestens 30 Jahren schreiben können, die besagten umstrittenen Gender-Sternchen begreifen. Auch nicht, was wir von Kinder-Karnevalskostümen halten – das Argument „das habe ich schon damals getragen“ hinkt. Denn unsere Welt vor 30 Jahren ist nicht die unserer Kinder heute.

Wir sind nur dafür da, ihnen den Weg zu ebnen, sodass sie in einer offeneren, sensibleren Gesellschaft leben können als es uns möglich war, sodass sie Elsa-Kostüme tragen können, egal ob Mädchen oder Junge.

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