Filmemacherin

Erika Lust ist die Pionierin des korrekten Pornofilms

Regisseurin und Unternehmerin Erika Lust produziert Sexfilme mit Emotionen. Das kommt an: Die Politik will die „guten“ Pornos fördern.

Erika Lust ist Regiesseurin und Produzentin für feministische Pornofilme.

Erika Lust ist Regiesseurin und Produzentin für feministische Pornofilme.

Foto: Reto Klar

Berlin. Sie sind auf jedem Schulhof, weil so leicht über Smartphone und Computer verfügbar, in Jugendzimmern, bei Partys sowieso – ob Eltern, Lehrer und Aufsichtspersonen nun wollen oder nicht: Jugendliche in Deutschland sehen einer Studie zufolge im Durchschnitt erstmals mit etwa 14 Jahren Pornos.

Das fand eine Studie von den Universitäten Hohenheim und Münster vor Kurzem heraus. Im Schnitt schauen Jugendliche von 14 bis 16 Jahre rund eine Stunde pornografisches Material in der Woche. Längst warnen Psychologen, dass diese Filme auf Heranwachsende regelrecht wie Lehrfilme wirken.

Erika Lust ist wichtigste Filmemacherin von Pornos mit Niveau

Dazu kommen sexistische Inhalte auf Facebook und Instagram, Mädchen in Bikinis, Models auf einer Yacht. Auf dem Hintern einer der Frauen stellt ein durchtrainierter Typ, der Internetstar Dan Bilzerian, seinen Pokal ab.

Es sind Fotos wie diese, die Erika Lust, gebürtige Hallqvist (42), aus Schweden zu Hunderten als Anschauungsmaterial für ihre Vorträge auf ihrem Rechner hat.

Die Regisseurin und Produzentin empfängt in ihrer Hotelsuite im Berliner Soho-Haus, ihr Mann Pablo Dobner sitzt mit seinem silbernen Laptop auf dem Hotelbett, sie auf einer türkisfarbenen Couch wenige Meter entfernt mit der Reporterin. Ob es stört, wenn er arbeitet, fragt er höflich nach. Nein, es stört nicht.

Zweifache Mutter leitet Produktionsfirma

Erika Lust, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ist die wohl wichtigste Filmemacherin anspruchsvoller Sex-Filme weltweit, die Pionierin des feministischen Pornos. Aufnahmen, die echte Menschen beim Akt zeigen, Akteure, die aber immer auch eine emotionale Ebene untereinander entwickeln.

Mit ihrem Mann leitet die zweifache Mutter von zwei Mädchen seit dem Jahr 2004 die Produktionsfirma „XConfessions“ in Barcelona, auf der dazugehörigen Videoplattform mit 200.000 aktiven Mitgliedern sind über 100 Kurzfilme zu finden, teils von Erika Lust inszeniert, teils von Gastregisseuren.

Ein Jahres-Abo kostet rund 120 Euro. Erika Lusts Motivation dabei war von Anfang an, aufzuklären und zu unterhalten, Sex als „etwas Schönes, Tolles darzustellen“, das man gemeinsam genießen sollte.

Viele Pornos sind rassistisch und frauenfeindlich, sagt Lust

„Aber schauen Sie sich die üblichen Pornos an: Frauen werden darin erniedrigt, wie Objekte behandelt“, sagt Erika Lust im Interview. Die ganze Branche sei männlich dominiert, rassistisch und menschenverachtend.

„Nennen Sie mir eine andere Branche, in der es toleriert wird, dass Menschen nach Geschlecht, Körperbeschaffenheit und sexueller Ausrichtung in Kategorien gesteckt werden“, sagt Lust. „Zudem passieren in klassischen Pornofilmen fast standardisiert Gewaltinszenierungen und Demütigungen.“

Pornokonsum verändert Jugendliche

Der Massenkonsum von Pornos, gerade in jungen Jahren, verändere die Sexualität von Jugendlichen, erklärt Lust. „Unsere Kinder werden alleingelassen“, betont sie. Und das Segment boomt: Rund ein Viertel aller Anfragen im Internet weltweit drehen sich um Pornografie. Das sind global etwa 68 Millionen Anfragen und 12,6 Millionen Euro Umsatz pro Tag.

Die Flut an Porno-Videos, die ungefiltert auf Heranwachsende und auch Erwachsene einströmen – Experten wie die Sexualtherapeutin Heike Melzer nennen, was da passiert, „eine digitale sexuelle Revolution“.

Zwang zur Selbstoptimierung verschärfen das Problem

„Mädchen fragen, oft schon mit 14 Jahren, ob sie Anal- oder Oralverkehr haben müssen“, sagt Lust weiter. Dazu komme der Zwang zur Selbstoptimierung und die Zweifel. „Mädchen fragen sich heutzutage, ob sie gut genug aussehen, sorgen sich um ihre Sexyness – und das ist grotesk.“ Sie wolle, insbesondere auf dem europäischen Markt, eine neue Art der Pornografie etablieren.

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Ihre Filme sollen dafür einen interessanten Plot haben: Junge Frau nimmt Backpacker in ihrer Airbnb-Wohnung auf, die Mutter ist auf Tinder unterwegs, eine Therapeutin unterzieht ein junges Paar einer „Eifersuchtstherapie“ – nichts oscarreifes, aber ein emotionaler Spin sei ihr wichtig, sagt Erika Lust. Von ihren Akteuren verlange sie, dass sie sich vorher kennenlernen. „Und wenn es nur Skype-Gespräche sind.“

SPD will feministische Pornos fördern

Am Set behalte sie dann stets die Kontrolle. „Ich greife auch manchmal ein, frage, ob es den Darstellern noch gut geht, vor allem setze ich niemanden unter Druck“, erzählt sie. Wenn am Ende Ausschnitte fehlen, rette sie den Film im Schnitt. „Es gibt immer Möglichkeiten, einen Orgasmus anzudeuten oder darzustellen, dass er stattgefunden hat“, sagt sie.

Feministische Pornos, die Jugendlichen keine verstörende Sexualität präsentieren, auch die SPD in Berlin will sich für eine Förderung solcher „guter“ Pornos durch Rundfunkbeiträge einsetzen, wie auf dem Landesparteitag im Juni 2018 beschlossen wurde.

Schwedischer Staat fördert Pornos

Vorbild für die Initiative ist das Projekt „Dirty Diaries“ (dt. „Schmutzige Tagebücher“) in Erika Lusts Heimatland Schweden. Dort finanzierte das staatliche Filminstitut bereits im Jahr 2009 eine frei zugängliche feministische Porno-Sammlung. Zusätzlich gibt Lust über ihre Webseite „The Porn Conversation“ Eltern Material an die Hand, um ihre Heranwachsenden über die Risiken von Porno-Konsum aufzuklären.

Dürfen ihre Töchter (sechs und zehn Jahre) eines Tages ihre Filme sehen? „Ja, selbstverständlich“, sagt sie. Bislang wissen beide allerdings nur, dass sie Regisseurin und Geschäftsfrau sei. Und mit ihrem Vater viel verreise.

An diesem Abend ist sie mit ihrem Mann von einem Veranstalter auf ein erotisches Dinner-Spektakel in Berlin eingeladen. Ganz privat, das gibt es auch.