Auszeichnung

Forscherin: Orden für Gabalier „extrem ungute Entscheidung“

Andreas Gabalier hat den Karl-Valentin-Orden bekommen. In seiner Dankesrede schoss er gegen die Medien – und erklärte sich die Kritik.

Andreas Gabalier provoziert mit Kopftuch-Foto

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Andreas Gabalier provoziert mit Kopftuch-Foto

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München.  Nun hat er seinen Orden: Der österreichische Sänger Andreas Gabalier hat am Samstagabend den Karl-Valentin-Orden von der Faschingsgesellschaft Narrhalla überreicht bekommen. Der Verleihung ging heftige Kritik voraus – worauf Gabalier denn auch einging.

„Wenn alle Leute so tolerant wären wie ich, ich glaube, dann hätten wir auf dieser Welt überhaupt keine Sorgen“, sagte er am Samstagabend bei seiner Dankesrede in München. Die Kritik wies Gabalier in seiner Dankesrede für den Orden zurück, verbunden mit einer „Rüge mit einem Augenzwinkern an die Medienlandschaft“.

Andreas Gabalier sieht Neid als Grund für Kritik

Die Anschuldigungen seien haltlos und er distanziere sich von dem, was ihm vorgeworfen werde. Ein Grund für die Kritik sei für ihn Neid, deutete Gabalier an. „Wenn da so ein Lausbua in der Lederhosn daherkommt, dann mag das schon sein, dass das dem einen oder anderen nicht schmeckt, dass man da solche Massen bewegt.“

Professor Astrid Deuber-Mankowsky, Kulturwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum sagte unserer Redaktion, die Verleihung des Narrhalla-Ordens an den österreichischen Kabarettisten Andreas Gabalier sei „eine extrem ungute Entscheidung“.

Andreas Gabelier in der Kritik – darum geht es:

  • Andreas Gabalier ist am Samstag mit dem Karl-Valentins-Orden ausgezeichnet worden
  • Er steht allerdings in der Kritik, rechtspopulistisch, homophob und frauenfeindlich zu sein
  • Diese Vorwürfe wies Gabalier am Samstag als haltlos zurück
  • Auch die Verantwortlichen des Karl-Valentin-Ordens verteidigten die Wahl Gabaliers
  • Eine Kulturwissenschaftlerin hält die Verleihung für eine „extrem ungute Entscheidung“
  • Beim schwulen Rosenmontag darf der Faschingsverein Narhalla nicht mehr mitfeiern
  • Gabalier betont, nicht homophob zu sein – einige Aussagen sind aber eindeutig

Forscherin: Valentin war viel klüger als Gabalier

Die Behauptung, dass hier ein Volksmusiker ausgezeichnet wird, suggeriere ja, dass es sich um die Stimme des Volkes handele. Aber wie könnte man jemandem, der dieses Bild von Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Rechtspopulismus vertritt, in einem Atemzug mit Karl Valentin nennen?

„Das widerspricht der Vorstellung von der Volkskultur, wie sie Valentin geprägt hat, komplett.“ Dem Künstler habe die Toleranz am Herzen gelegen. „Valentin war viel differenzierter und viel klüger. Dass es jetzt so gekommen ist, ist wirklich alles sehr traurig.“

Männerbündnisse hätten hinterfragt werden müssen

Statt ihm den Orden zu verleihen und die Diskussion damit auch noch zuzuspitzen, hätten die Verleiher dieses Ordens ihre gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen und die Hintergründe der Debatte beleuchten sollen: „Es wäre ihre Aufgabe gewesen, diese Männerbündnisse zu hinterfragen und zu sprengen, statt sie zu bestätigen.“

Einen Platz für den Karl-Valentin-Orden habe er auch schon: Er werde ihn „mit einem breiten Grinser“ über die Fotoserie seiner bisherigen Münchner Konzerte hängen.

Laudator Peter Kraus: Gabalier hat Rock’n’Roll zu neuen Höhen gebracht

Alt-Rock’n’Roller Peter Kraus (79) nannte Gabalier in seiner Laudatio einen „jungen, gut aussehenden Lederhosenfreak“, der den Rock’n’Roll zu neuen Höhen empor katapultiert habe. „Du hast die Lederhose salonfähig gemacht – und ich vor Jahren die Jeans.“

Die Verleihung des Ordens schlug in den vergangenen Tagen hohe Wellen. Kritiker werfen Gabalier unter anderem Nähe zum Rechtspopulismus und Frauenfeindlichkeit vor. Narrhalla hingegen würdigt den 34-Jährigen („Hulapalu“) als „Volkssänger 2.0“, der bei seinen Konzerten volkstümliche Musik mit Stadionrock verbinde.

Faschingsgesellschaft darf nicht mehr zum Schwulen Rosenmontagsball

Die Faschingsgesellschaft wurde aufgrund der Wahl Gabaliers bereits vom diesjährigen schwulen Rosenmontagsball in München ausgeladen. Gabalier selbst sieht sich als Opfer des Erfolges.

„Der Sänger Andreas Gabalier hatte sich in der Vergangenheit wiederholt homophob geäußert. Die Veranstaltenden des Schwulen Faschingsballs am Rosenmontag wollen diese Haltung nicht auch noch belohnen und ziehen Konsequenzen“, teilte das Münchner Schwulenzentrum Sub mit.

Andreas Gabalier: Anschuldigungen stimmen alle nicht

Dem Wiener „Kurier“ erklärte Gabalier bereits, er sei nicht homophob, auch nicht frauenfeindlich oder rechtspopulistisch. Er glaube, er sei zu erfolgreich, deshalb die Kritiken. Man kenne solchen Erfolg in Österreich nicht. Die Vorwürfe stammten von einer kleinen Minderheit, die sich weder mit seiner Person noch seinen Liedtexten auseinandersetze.

„Die selbst ernannten Toleranten sind oft intolerant“, sagte Gabalier an die Adresse seiner Kritiker.

Andreas Gabalier in der Kritik

Viele kritisieren den Schlagersänger. Sie werfen ihm vor, rechtspopulistisch, frauenfeindlich und homophob zu sein. Gabalier hat sich bereits geäußert: Er fordert mehr Wertschätzung.

„Wenn sich ein paar Einzelne aufregen, die mich persönlich überhaupt nicht kennen, dann juckt mich das nicht“, sagte er der „Bild“-Zeitung (Bezahlinhalt). „Ich bin wohl einigen zu bodenständig, aber das werde ich ganz sicher nicht für diese Leute ändern.“

Im Gespräch mit der österreichischen „Krone“ antwortete Gabalier seinen Kritikern. Die wichtigsten Aussagen:

  • Auf die Frage, warum er polarisiert: „Vielleicht ist es Angst. Weil ich Massen mobilisiere. Angst vor Andersdenkenden vielleicht.“
  • Seine konservative Einstellung ärgere die Menschen: „Ich stehe dazu, politisch inkorrekt zu sein. Auch wenn die sogenannte Kunstszene es nicht verstehen kann, dass ich mit meinem konservativen Standing Erfolg habe.“
  • Zum Thema Frauenfeindlichkeit und Homophobie: „Auf diese Vorwürfe werde ich nächste Woche ganz groß eingehen.“

Seines Wissens habe es bei all seinen Ordens-Vorgängern „Wirbel gegeben“, weil Kritiker der Ansicht gewesen seien, mancher Preisträger habe den Orden nicht verdient. „Man muss mich wirklich nicht mögen, aber ich würde mir von einigen Leuten etwas mehr Wertschätzung wünschen“, sagte er der „Bild“.

Vom Management des Künstlers hieß es zuvor, Gabalier freue sich über die Auszeichnung: „Deshalb können wir negative und oberflächliche Interpretationen weder nachvollziehen noch bestätigen.“

Gabalier wegen politischer Haltung in Kritik

Wegen seiner gesamtpolitischen Haltung war Gabalier schon mehrfach in die Kritik geraten. Einige halten den 34-jährigen Musiker für rechtspopulistisch, eindeutig homophob und frauenfeindlich.

Gabalier selbst nennt sich einen „Volks-Rock’n’Roller“. Der österreichische Musiker kokettiert gern mit seinem Image. Ein echter Mann (oder was er dafür hält), Liebhaber althergebrachter Rollenbilder. Die Münchner Faschingsgesellschaft Narrhalla stört sich daran kaum – zum Entsetzen von Valentins Nachlassverwaltern.

Gabalier: Schwule sollen sich zurückhalten

2017 schlug Gabalier voll in die rechtspopulistische Kerbe und postete aus „Solidarität“ mit „unseren Frauen“ ein Foto, auf dem er ein Kopftuch trug, Schnaps trank – „nach meinem geliebten Schweinsbraten“. Ein Spiel mit der Angst vor der Islamisierung, die auch deutsche Parteien wie die AfD gern nutzen.

Auch das Portal queer.de hat ein paar Beispiele herausgesucht, die die These unterstützen, Gabalier fische zumindest am erzkonservativen bis rechten Rand nach Hörern:

  • Als Heterosexueller fühle man sich inzwischen diskriminiert
  • Homosexuelle sollten sich aus Respekt vor Kindern in der Öffentlichkeit zurückhalten
  • Dass Schwule und Lesben gehasst würden, liege daran, dass sie inzwischen so oft auf Plakate gedruckt und in der Werbung zu sehen seien, das löse Abwehr, Überdruss und Antipathie aus
  • Dass Frauen in der Nationalhymne Österreichs erwähnt würden, hielt er für „Gender-Wahnsinn“. Es ging darum, dass neben den „Söhnen“ auch die „Töchter“ des Landes erwähnt werden

Narrhalla-Vize: Rechte Ecke werde „oberflächlich betrachtet“ bedient

Die Verantwortlichen begründen ihre Entscheidung für den Orden damit, dass Andreas Gabalier nicht der sei, für den ihn die Kritiker halten. Narrhalla-Vize Günter Malescha sagte der Zeitung „tz“: Oberflächlich betrachtet entstehe vielleicht für den ein oder anderen der Eindruck, Gabalier sei „der rechten Ecke zugeneigt.“ Das sei bei genauerer Betrachtung aber nicht haltbar.

Auch dass Gabalier frauenfeindlich sein soll, sei schlicht Unsinn. „80.000 Mädels in einem Stadion irren sicher nicht“.

Malescha stört sich also nicht daran, dass Gabalier oberflächlich erstmal „Eindrücke“ erzeuge, die rechtspopulistisch sind. Andere hingegen schon.

Twitter: Hohn und Lob für Entscheidung

Online wird die Vergabe und die Reaktionen darauf heftig diskutiert. Auf Facebook erhält Gabalier Zuspruch dafür, dass er klassische Ideale hochhalte und sich nicht von „linken Weltverbesserern“ verbiegen lasse.

Aber es gibt auch andere Töne. Der Autor und Moderator Micky Beisenherz etwa nennt Gabalier in einem Post auf Twitter – in Bezug auf AfD-Mitglied Björn Höcke – „Schunkel-Höcke“.

Der Blogger Benny Illinger äußerte sich in seinem Twitter-Kanal sarkastisch und sieht die Entscheidung in einer Reihe mit einem Friedensnobelpreis für den nordkoreanischen Staatsführer Kim Jong-Un.

In die Diskussion mischte sich inzwischen auch die Politik ein. Heinz-Christian Strache, Vizekanzler Österreichs von der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei FPÖ, schrieb auf Facebook: „Das ist schon pathologischer Hass gegenüber andersdenkenden Kunstschaffenden.“

Nachlassverwalter und andere entsetzt über Nominierung

In offiziellen Kreisen gibt es viel Unverständnis für die Entscheidung der Faschingsgesellschaft.

  • „Es ist nicht hinzunehmen, dass Gabalier mit seinem offenkundigen Spiel mit faschistischen Symbolen wie dem nachgestellten Hakenkreuz auf dem CD-Cover, seiner Frauenfeindlichkeit und seiner Homophobie mit dem Namen Karl Valentins in Verbindung gebracht wird“, sagt Rechtsanwalt Gunter Fette der „tz“. Er ist Nachlassverwalter Valentins. Ihm sei bei der Bekanntgabe „der Kragen geplatzt“.
  • Frauenfeindlich, homophob und rechtspopulistisch findet Sabine Rinberger, die Leiterin des Valentin-Karlstadt-Musäums (das schreibt man wirklich so), Gabaliers Werke – und erinnert im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk (BR), dass sich Valentin immer gegen Volkstümelei gestellt habe. Dass Gabalier diesen Orden bekommen soll, „das halte ich für kriminell“, so Rinberger.
  • Wie der BR berichtet, will sich der Kabarettist Holger Paetz in einem offenen Brief gegen die „Entwürdigung des großen Münchners“ Valentin wehren.
  • Auch Münchens ehemaliger Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) versteht die Auszeichnung Gabaliers nicht, er sprach gegenüber der „tz“ von einem „schockierenden Fehlgriff“.

In seinem Song geht es ums eiserne Kreuz, Kameraden und Sturmwind

Auch die Zeitschrift „Vice“ hatte zumindest kritische Passagen aus Gabaliers Liedern herausgesucht: Im Song „Biker“ grüße er Italiener, Deutsche und Japaner – wohl zufällig die Achsenmächte des Zweiten Weltkrieges, vermutet „Vice“.

Auch die Passage „Kameraden halten zusammen ein Leben lang/eine Freundschaft, die ein Männerleben prägt/wie ein eisernes Kreuz das am höchsten Gipfel steht/und selbst dem allerstärksten Sturmwind widersteht“ stieß dem Autoren sauer auf.

Es heiße, zitiert er das Portal „Belltower“, „dass das Eiserne Kreuz nicht zwangsläufig ein rechtsextremes Symbol ist, doch ,ein gern und allumfassend genutztes Symbol der rechten Szene’. Was dieses Symbol aber auf einem Gipfel zu suchen haben soll, wird wohl nur Gabalier beantworten können.“

Karnevalsverein: Gabalier verkörpert Valentins Ideale

Dass Gabalier die Auszeichnung bekommen soll, steht schon seit November fest. Die Närrische Gesellschaft Narrhalla sehe Gabalier als angemessen geeignet, die Spitzfindigkeiten des großen Münchner Humoristen Valentin und seine Ziele und Ideale in der heutigen Zeit zu verkörpern, hieß es in der Begründung. Es gebe Parallelen zwischen Gabalier und Karl Valentin, der „sich zeitlebens als Volkssänger sah“.

Papst Benedikt, Loriot und Philipp Lahm bekamen Orden

Die Narrhalla verleiht die Auszeichnung seit 1972. Träger des Karl-Valentin-Ordens sind unter anderen Loriot, Helmut Dietl, Udo Wachtveitl und Senta Berger, aber auch der emeritierte Papst Benedikt XVI., Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Ex-Fußballer Philipp Lahm.

(ses/moi/dpa)