Stuttgart

Anschlag geplant? Flughafen Stuttgart offenbar ausgespäht

Die angeblichen Ausspähungen am Flughafen Stuttgart haben sich als harmlos erwiesen. Ein Irrtum in Aachen führte zum Terror-Verdacht.

Polizisten beobachten im Stuttgarter Flughafen die Check-in-Schalter. Nach Hinweisen auf Ausspähversuche waren die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt worden.

Polizisten beobachten im Stuttgarter Flughafen die Check-in-Schalter. Nach Hinweisen auf Ausspähversuche waren die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt worden.

Foto: Sven Kohls / dpa

Stuttgart.  Die Alarmstufe am Stuttgarter Flughafen war hoch. Polizisten mit Maschinenpistolen sicherten die Terminal-Hallen, andere Flughäfen erhöhten die Sicherheit. Steht ein Terroranschlag bevor? Ziehen sich Verbindungen von Deutschland und Frankreich bis nach Marokko? Nun ist klar: Es gab keinen Terror-Plot, keine islamistischen „Gefährder“ und auch keine Zusammenhänge mit nordafrikanischen oder syrischen Extremisten. Was bleibt, ist ein Fehlalarm.

Die Ermittler hatten eine Hypothese, die gravierend schien: Eine Gruppe von vier Beschuldigten plant einen Anschlag auf einen Flughafen in Frankreich oder Deutschland. Vielleicht in Stuttgart. Vielleicht in Paris oder im Grenzgebiet zwischen den beiden Nachbarländern. Drei Puzzle-Teile waren es, die Kriminalpolizisten in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sowie die Bundespolizei und das Bundeskriminalamt aufhorchen ließen.

Drei verdächtige Puzzle-Teile

  • Verdachtsmoment 1: Anfang Dezember bekamen die deutschen Sicherheitsbehörden vom Nachrichtendienst aus Marokko einen brisanten Tipp. Die Geheimdienstler hatten verdächtige Chat-Gespräche abgefangen. Darin kommunizierte ein Mann, der sich als junger Syrer in Frankfurt ausgab, mit einer Frau aus Nordafrika und prahlte damit, einen Anschlag auf ein prominentes Ziel zu begehen, zum Beispiel einen Flughafen an der deutsch-französischen Grenze. Besonders brisant war: Die Marokkaner schickten den Deutschen Namen und Nummern. Die Ermittlungen nahmen Fahrt auf.
  • Verdachtsmoment 2: Am 12. Dezember waren am Flughafen Stuttgart zwei Männer ohne Reisegepäck beobachtet worden, die dem Anscheinen nach Kontrollmaßnahmen am Terminal 2 beobachtet hatten. Sie hielten sich länger in dem Gebäude auf. Der Polizei kam das verdächtig vor. Doch eine Streife der Bundespolizisten kam zu spät, die Verdächtigen waren weg. Die Polizei in Baden-Württemberg schickte Fotos der Überwachungskamera an die anderen Polizeibehörden. Passt das zusammen mit dem Hinweis aus Marokko?
  • Verdachtsmoment 3: Einen Tag nach dem Vorfall in Stuttgart fiel den französischen Polizisten am Pariser Flughafen Charles de Gaulle ein weißer Transporter auf. Deutsches Kennzeichen. Auch diesmal verhielten sich die Männer auffällig, fotografierten offenbar sogar das Flughafen-Gebäude, verschwanden wieder. Die französischen Polizisten meldeten den Fall ihren deutschen Kollegen. Das Kennzeichen führte zu einem 48 Jahre alten Mann aus Aachen, dessen Familie aus Marokko stammt. Er ist Halter des Wagens – und sein Sohn den Staatsschützer offenbar aus der islamistischen Szene bekannt.

Anschlagsziel Flughafen

Immer wieder macht die Polizei an deutschen Flughäfen auffällige Beobachtungen. Meist erledigen sich die Fälle schnell und ohne großes Aufsehen. Und auch Warnungen von Nachrichtendiensten aus dem In- und Ausland sind für die Polizei nichts Ungewöhnliches.

Im Gegenteil: Die Hinweis-Frequenz mutmaßlicher dschihadistischer Terrorpläne hat sich in den vergangenen Jahren drastisch erhöht. In den allermeisten Fällen zerschlagen sich die Warnungen als haltlos oder lassen sich nicht weiter überprüfen, weil sie zu unkonkret sind.

Doch im aktuellen Fall war das anders. Die Lage spitzte sich zu. Nach Recherchen unserer Redaktion wollte die Polizei in Aachen den Mann auf den Fotos der Überwachungskamera am Stuttgarter Flughafen erkannt haben.

Es soll der Sohn des Mannes sein, dem der Transporter vom Pariser Flughafen gehörte. Das wäre eine Verbindung möglicher Tatorte und Täter. Agierte hier ein Netzwerk? Spionierten Islamisten Ziele für Terroranschläge aus, so wie es der Chat eines Syrers suggerierte?

Alarmstufe 3

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart eröffnete Ermittlungen gegen vier Beschuldigte, darunter eine Frau. Tatvorwurf: Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat, ein Anschlag. Die Kriminalämter in NRW und Baden-Württemberg erhöhten die Alarmstufen. In NRW lief der Vorfall auf „gelb“, eine Stufe vor „rot“.

Im Süden stuften Ermittler den Fall nach Berichten von Spiegel Online sogar als „Stufe 3“ ein – auf einer Skala von eins („Mit einem gefährdenden Ereignis ist zu rechnen“) und acht („Keine Gefahr“). Ab diesem Mittwoch sicherte die Bundespolizei den Stuttgarter Flughafen, auch an anderen Flughafen in Deutschland erhöhten die Sicherheitskräfte die Alarmbereitschaft.

Die Polizei suchte nach den Tatverdächtigen. Da sie Kennzeichen und Namen schnell hatten, begannen Durchsuchungen in den beiden betroffenen Bundesländern. Medien berichteten über die laufenden Ermittlungen, die „Bild“-Zeitung bastelte sogar eine Schlagzeile aus dem „Terror-Alarm“ an deutschen Flughäfen.

Angriffe in Moskau und Brüssel

Der Fall zeigt, wie alarmiert die Polizei auf Terrorismus-Verdacht reagiert. Und wie schnell diese Fälle in den Medien zu Schlagzeilen werden. Die drei Verdachtsmomente ergeben auf den ersten Blick eine gefährliche Lage. Und: Flughäfen gelten seit vielen Jahren als Ziel von Terroristen. Schon 2001 kaperten al-Qaida-Mitglieder Flugzeuge und nutzen sie als Waffen für Angriffe auf das World Trade Center in New York.

Auf die Flughäfen in Moskau und Brüssel gab es in den vergangenen Jahren Terrorangriffe mit vielen Toten. 2016 konnten die deutschen Sicherheitsbehörden mit Hilfe eines Hinweises von Geheimdiensten aus den USA einen mutmaßlichen Anschlag auf den Flughafen Berlin-Tegel verhindern. Der Islamist Dschaber al-Bakr hatte in seiner Wohnung in Chemnitz bereits Sprengstoff hergestellt.

Doch im aktuellen Fall des Terror-Alarms in Stuttgart zerschlugen sich die Hinweise am Freitag. Am Nachmittag schließen die Ermittler einen terroristischen Hintergrund der Vorfälle aus. So konnte die Polizei die Tatverdächtigen ausfindig machen, die den Flughafen ausgespäht haben sollen. Freitagmorgen sind die Wohnungen eines 28-jährigen Mannes in Baden-Württemberg und eines 48-jährigen Mannes in Nordrhein-Westfalen durchsucht worden. Anhaltspunkte für die Vorbereitung eines islamistisch-terroristischen Anschlags gab es nicht.

Ein Irrtum der Polizei

Eine Verbindung zwischen angeblichen Ausspähungen der Terminals in Stuttgart und Paris ließ sich ebenfalls nicht erhärten. Der entscheidende Fehler: Nach Informationen unserer Redaktion hatte ein Staatsschützer der Polizei in Aachen den jungen Mann auf dem Foto einer Überwachungskamera am Stuttgarter Flughafen irrtümlich für den Sohn des Mannes aus Aachen gehalten, dem der Transporter vom Pariser Flughafen gehörte.

Doch das war eine falsche Zuordnung. Die Männer hatten offenbar nichts miteinander zu tun. Damit brach den Ermittlern auch die Verbindung zwischen den Vorfällen in Stuttgart und Paris weg. Damit brach auch ein islamistisches Motiv der angeblichen Ausspähung von Terror-Zielen weg.

Ein Terror-Plot zerfällt

Die Tatverdächtigen konnte die Polizei vernehmen. In der Wohnung fanden sich keine Hinweise auf Terror-Pläne. Die Männer in Stuttgart hatten die ebenfalls kurzzeitig tatverdächtige Frau lediglich zum Flughafen begleitet und gewartet, bis sie durch die Sicherheitsschleuse war. Das dauerte offenbar eine Weile.

Der ältere Mann aus Aachen hatte laut Ermittler ebenfalls eine plausible Erklärung, warum sein Wagen am Flughafen in Paris auftauchte. Details sind unserer Redaktion nicht bekannt. Jedoch schließen die Strafverfolgungsbehörden einen kriminellen Hintergrund aus.

Trotzdem Lob für die Polizei

Erst der große Alarm, dann der große Irrtum – und doch loben Innenexperten das Agieren der Polizei nach den Vorfällen in Stuttgart und Paris. „Unabhängig von den Ermittlungsergebnissen möchte ich die vorbildliche grenzübergreifende Zusammenarbeit der Dienste und der Sicherheitsbehörden in diesem Fall loben“, sagte der Sicherheitsexperte der Unionsfraktionen im Bundestag, Christoph de Vries, unserer Redaktion.

„Durch den funktionierenden Austausch konnten Reisende sensibilisiert und die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt werden und dies sogar ohne Einschränkung des Luftverkehrs.“

Und auch die Chat-Protokolle des angeblich jungen Syrers erwiesen sich offenbar als unspektakulär. Denn dahinter steckte ein zweifacher Vater aus dem Libanon, der in einem kleinen Ort in Süddeutschland lebt.

Der Mann prahlte offenbar nur angeblichen Anschlagsplänen und unter einer falschen Identität im Chat mit einer Frau aus Nordafrika. „Spiegel Online“ hatte zuerst darüber berichtet. Demnach ist der 28 Jahre alt Mann wegen Schleusungskriminalität bekannt – jedoch nicht als Islamist.

Derzeit wird auch gegen ihn ermittelt. Allerdings nicht wegen des Terrorverdachts am Stuttgarter Flughafen.

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