Automatenwirtschaft

Schweinsteiger bekommt heftige Kritik für Glücksspielwerbung

Fußballstar Bastian Schweinsteiger wirbt in einer Kampagne für die Automatenwirtschaft. Nicht nur Suchtexperten sind darüber empört.

Fußballweltmeister Bastian Schweinsteiger sorgt aktuell nicht mit seinen sportlichen Leistungen für Schlagzeilen, sondern mit seiner Werbung für die deutsche Automatenwirtschaft.

Fußballweltmeister Bastian Schweinsteiger sorgt aktuell nicht mit seinen sportlichen Leistungen für Schlagzeilen, sondern mit seiner Werbung für die deutsche Automatenwirtschaft.

Foto: Wilson Tsoi / dpa

Berlin.  Die erste Szene zeigt die Häuserschluchten von Chicago, der Wahlheimat von Bastian Schweinsteiger. Dann sieht man den Fußballer im Auto sitzen. Er fährt vorbei an einer Spielhalle – und sagt: „Fairness ist etwas, das muss man immer wieder aufs Neue vorleben. Deshalb braucht es legale Spielhallen, die sich an Recht und Gesetz halten.“ Alles ist in Schwarz-Weiß gefilmt – so sieht es aus, wenn der Weltmeister von 2014 einen Reklamefilm dreht und die Vorzüge einer umstrittenen Branche anpreist.

Schweinsteiger, der in der US-Liga mehr als fünf Millionen Euro im Jahr verdient, hat schon für Salami, Kartoffelchips und Kopfhörer geworben. Doch mit seinem neuen Nebenverdienst hat es sich der 34-jährige Oberbayer mit vielen Fans verscherzt – er gerät deswegen massiv in die Kritik.

3500 Plakate hängen an Bushalte­stellen

Ausgerechnet von der Spielhallen-Lobby hat er sich unter Vertrag nehmen lassen. Die Deutsche Automatenwirtschaft (DAW) ist der Dachverband eines Sektors, der sein Geld auch mit Spielsucht verdient. Um ihr Schmuddelimage aufzupolieren, hat die DAW den Clip fast 700 Mal im Fernsehen und im Kino geschaltet, 3500 Plakate mit Schweinsteigers Gesicht hängen an deutschen Bushalte­stellen und U-Bahnhöfen.

Legale Spielhallen, sagt Schweinsteiger in dem Video, erkenne man etwa daran, dass Minderjährige keinen Zutritt bekommen und dass dort kein Alkohol ausgeschenkt wird. Seine Kernaussage: Spielhallen sind keine zwielichtigen Buden, in denen Süchtige ihr Vermögen verzocken, sondern ein sauberes Vergnügen.

Das sehen viele Suchtexperten ganz anders. „Die DAW präsentiert die Aktion als Aufklärungskampagne, dabei ist sie nur eine Werbemaßnahme für Geldspielautomaten“, sagt der Mainzer Diplom-Psychologe Kai Müller. Er berichtet von bis zu 800.000 Spielsüchtigen in Deutschland. Auch der Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern, Konrad Landgraf, findet die Kampagne problematisch. „Die Automatenwirtschaft versucht, sich als die ­gute Branche darzustellen.“ Und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erinnert an Schweinsteigers Vorbildfunktion.

Dabei hätte er gewarnt sein können. Im Juni moderierte die ZDF-Journalistin Dunja Hayali (44) den Verbandskongress der Automatenwirtschaft. Schon damals entzündete sich Kritik daran, dass sich eine Prominente von der DAW bezahlen lässt.

Schweinsteiger ist ein Werbestar

Ähnlich wie Hayali trat Schweinsteiger bislang gerne als moralische Instanz in Erscheinung, die Kleidung für Flüchtlinge spendete und Münchner Obdachlose unterstützte. Im August verlieh ihm Ministerpräsident Markus Söder (CSU) den Bayerischen Verdienstorden. Nicht zuletzt deshalb stören sich viele Anhänger des ehemaligen Nationalmannschaftskapitäns an der Kampagne. Schweinsteigers Management ließ eine Anfrage unserer Redaktion dazu unbeantwortet.

Schweinsteiger und Hayali zeigen, wie Promis als Zugpferde funktionieren. „In Zeiten von Scripted Reality, von Scheinwirklichkeiten, sehnen sich die Menschen nach authentischen Werbefiguren. Nach Influencern, wie es im Fachjargon heißt, denen sie vertrauen können“, glaubt Dirk Benninghoff, Chefredakteur der Hamburger Kommunikationsagentur Fischer Appelt. Manche Stars sind alles andere als wählerisch mit der Auswahl ihrer Angebote. Der Fußballer Cristiano Ronaldo (33) etwa verdient so im Jahr 40 Millionen Euro nebenbei.

Schweinsteiger ist nicht der erste Sportstar, der sein Gesicht der Glücksspielindustrie zur Verfügung stellt. Auch Lukas Podolski (33) und Oliver Kahn (49) haben schon Pate gestanden. Suchtexperte Landgraf entrüstet sich: „Ich würde mir wünschen, dass Persönlichkeiten wie Schweinsteiger besser überlegen, wofür sie werben.“

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