Musikgeschichte

Freda Kelly: Die Sekretärin – und gute Seele – der Beatles

Freda Kelly war Sekretärin der berühmtesten Band der Welt – viele Geheimnisse der Beatles bewahrt sie bis heute.

Für viele junge Mädchen ein Traum, für Freda Kelly Alltag. Hier nimmt sie George Harrison in den Arm.

Für viele junge Mädchen ein Traum, für Freda Kelly Alltag. Hier nimmt sie George Harrison in den Arm.

Foto: CAP/NFS / 0000356

Liverpool.  Am Freitag ist es später Nachmittag, als Freda Kelly die Bar im Hard Day’s Night Hotel in der ­Liverpooler City betritt. Ein schwarzes Kleid mit rot-weißen Blumen trägt sie und ein freundliches Lächeln im Gesicht. Fest ist der Händedruck, gut die Laune. „Nenn mich Freda“, sagt sie und dass sie gerade von der Arbeit kommt.

Sie ist 74, sie müsste das nicht mehr, sie macht es freiwillig. „Um das Gehirn fit zu halten“, hilft sie zwei Mal in der Woche in einem Anwaltsbüro. „Das ist okay“, erzählt Freda. Und schiebt mit britischem Understatement hinterher: „Aber mein erster Job war schon interessanter.“ Glaubt man gerne. Denn sie hat als Sekretärin der Beatles gearbeitet.

Das macht Freda Kelly immer wieder zu einer gefragten Gesprächspartnerin. Auch jetzt, kurz vor dem 50. Jahrestag der Veröffentlichung des legendären „White Album“. Weil Freda weiß, was andere nicht mal ahnen, Dinge erlebt hat, von denen andere nur träumten. Lange hat sie über all das geschwiegen, mittlerweile gibt sie zumindest ein paar Einblicke ins „Yesterday“.

Bis zu 3000 Briefe am Tag

Gerade 17 Jahre ist sie, als sie die Band erstmals hört – im legendären Cavern Club, wo die Jungs zum Lunch aufspielen. „Etwas wie sie hatte ich noch nie gesehen. Ihr Äußeres, ihre Musik – ich war sofort begeistert.“ So begeistert, dass sie wiederkommt und von den fast 300 Auftritten der Band in diesem Liverpooler Lokal knapp 200 live miterlebt hat. Wer so oft kommt, fällt auf, wird zu einem bekannten Gesicht.

Auch für Brian Epstein, der damals einen der größten Plattenläden des Landes betreibt. Früh hat er das Potenzial der Beatles erkannt, ist ihr Manager geworden. Nun braucht er eine Sekretärin für die Band. Er fragt Freda, ob sie den Job haben will. Eine rhetorische Frage. „Natürlich wollte ich.“ Ihr Vater allerdings sagt: „Let it be“ („Lass es sein“). Er mag die jungen Wilden nicht. „Ist doch nur für ­kurze Zeit“, beruhigt ihn die Tochter. „Ich habe ja nicht gedacht, dass die Band so erfolgreich wird.“

Erst sind es 200, bald 3000 Briefe am Tag

Wahrscheinlich gibt Freda deshalb auch ihre Privatadresse als Postadresse an, als sie neben dem Job als Sekretärin auch die Leitung des Fan-Clubs übernimmt. Schon bald bringt der Briefträger 200 Briefe am Tag nach Hause und mault: „So kann das aber nicht weitergehen.“ Geht es auch nicht. Wenig später sind es bis zu 3000 Stück täglich. Und als Papa Kellys Stromrechnung in dem Berg verschwindet, muss die Post künftig ins Büro der Band geschickt werden.

Es sind nicht nur Autogramme, die die Fans haben wollen. Sie wollen auch etwas Persönliches. Ein verschwitztes T-Shirt etwa oder eine Locke. „Ich konnte das verstehen“, sagt Freda. „Ich war ja irgendwie auch Fan.“ Deshalb geht sie mit, wenn die Pilzköpfe zum Friseur gehen, fegt die abgeschnittenen Haare zusammen, packt sie – nach Namen sortiert – in Tüten und verschickt sie nach Feierabend in alle Welt, manchmal bis morgens um fünf. „A Hard Day’s Night“ – jeden Tag.

Kelly schreibt auch das Fan-Magazin

Aber sie beantwortet nicht nur die Post, sie schreibt auch für das Fan-Magazin. Ganz nah dran ist sie an den Jungs. Und bis heute wollen die Gerüchte nicht verstummen, dass sie an einem der vier besonders nah dran war. Doch dazu sagt Freda nur diplomatisch: „Ich habe mich jeden Tag in einen anderen verliebt.“ Auch sonst ist sie diskret. Das wissen die Beatles zu schätzen. „Good ol’ Freda“ – so nennen sie sie. Und während die Beatlemania Mitte der 60er-Jahre ihren Höhepunkt erreicht, geht Kelly ganz unaufgeregt bei den Familien der Jungs ein und aus. „Ich habe lange nicht begriffen, wie berühmt die Band war.“

Dafür kriegt sie mit, dass die Spannungen unter den Bandmitgliedern in den späten 60ern wachsen. Epstein ist jung gestorben, John hat Yoko kennengelernt. Aber Freda winkt ab. „Das alles war es nicht“, sagt sie. „Die vier haben sich einfach unterschiedlich entwickelt.“ 1970 trennt sich die Band. Freda, die bereits zwei Jahre zuvor geheiratet hat, wickelt noch den Fan-Club ab. Dann ist das Beatles-Kapitel auch für sie geschlossen.

Ihr Tagebuch war heiß begehrt

Kaum jemand hatte damals so viel exklusives Material über die Band wie sie: Fotos, Briefe, Fan-Magazine. „Hätte ich das alles verkauft, ich wäre Millionärin“, sagt sie. Hat sie aber nicht, denn „das gehört sich nicht“. Viel hat sie verschenkt im Laufe der Jahre, ein kleiner Rest liegt auf dem Dachboden. Ihr Tagebuch aus den 60ern aber, für das britische Zeitungen ihr hohe Summen geboten haben, hat sie nach eigener Aussage vor Jahren verbrannt.

„Vielleicht wäre der Druck, es zu verkaufen, sonst zu groß geworden.“ Bereut hat sie das nie. Letztes Jahr hatte sie es am Herzen. „Ich wäre fast gestorben.“ Es stand Spitz auf Knopf: Notoperation, lange im Krankenhaus, „eine harte Zeit“. „Danach weißt du, was wichtig ist im Leben.“ Viel Geld zu haben, ist es für sie nicht. „Hauptsache, es geht meiner Familie und mir gut.“

Die Fußgängerzone ist eine Reise durch die Vergangenheit

Abend ist es geworden, Freda muss gehen. Jeder Meter durch die Fußgängerzone ist eine Reise in die Vergangenheit. Da war der alte Cavern Club. Und wo es jetzt Kleidung für junge Mädchen gibt, stand einst Epsteins Schallplattenladen. Viel hat sich verändert, geblieben sind die Erinnerungen. Und der Kontakt zu Paul und Ringo, worüber Freda sehr glücklich ist. „Ich werde“, sagt sie, „immer stolz darauf sein, für die Beatles gearbeitet zu haben.“

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