Meeresbiologie

Von wegen nur tapsig: Was wir von Pinguinen lernen können

Der Meeresbiologe Klemens Pütz erforscht seit 30 Jahren „die lustigsten Tiere, die es gibt“. Dabei könne er viel von Pinguinen lernen.

Gast in der Pinguinkolonie: Der Meeresbiologe Klemens Pütz erforscht seit vielen Jahren das Leben der flugunfähigen Vögel.

Gast in der Pinguinkolonie: Der Meeresbiologe Klemens Pütz erforscht seit vielen Jahren das Leben der flugunfähigen Vögel.

Foto: ZRB / Privat

Berlin.  Wenn Klemens Pütz beschreibt, wie ein Pinguinjunges das erste Mal in das eisige Wasser am Südpol steigt, zieht sich dem Zuhörer das Herz zusammen, so putzig klingt das: „Wenn sie flügge werden“, berichtet der 57 Jahre alte Wissenschaftler, „stellen die Eltern die Fütterung ein, und dann watscheln die Tiere wie eine Kindergartengruppe unkoordiniert ins Wasser und merken erst einmal, dass das mit dem Schwimmen überhaupt nicht von selbst geht.“

Pütz, der sich seit annähernd 30 Jahren mit dieser Tierart beschäftigt, benutzt Wörter wie „plantschen“, „tapsig“ und „flauschig“, und man merkt, dass er sich ein bisschen Sorgen macht, um die Tiere. „Aber dann sieht man, sie machen das selbstständig.“

Klemens Pütz kann gleich wieder umschalten in den ernsthaften Wissenschaftsmodus und erklären, dass von fünf Pinguinjungtieren nur eines das erste Jahr überlebt. Dass zehn von 18 Pinguinarten derzeit vom Aussterben bedroht sind und dass ihre Lebens- und Jagdräume immer weiter eingeschränkt werden. Doch dann erzählt er wieder putzige Geschichten aus dem Leben eines kleinen Pinguins und sagt: „Pinguine sind die lustigsten Tiere, die es gibt.“

Er hat seine Frau inmitten von Pinguinen geheiratet

Die Welt der Pinguinforscher ist überschaubar. Es gibt rund 150 von ihnen, weltweit verteilt. Ihr Forschungsobjekt ist eben nicht nur putzig, es hat einen scharfen Schnabel und lebt im Wasser.

Dass Pinguine, die zur Gattung der Vögel zählen, immer wieder vermenschlicht werden, mag an ihrem Gefieder liegen, das oft mit einem Frack verglichen wird. Und an ihrem aufrechten Gang. Oder an der Art ihres Zusammenlebens: Pinguine wirken unglaublich sozial, sie leben vermeintlich monogam und nehmen sich sogar für die Kinder „Elternzeit“. Und wie bereits erwähnt: Sie haben sogar einen Kindergarten.

Klemens Pütz hat über dieses Phänomen ein Buch geschrieben, das die Pinguinwissenschaft zur wohl fröhlichsten Wissenschaft macht. Der kleine Band „Unverfrorene Freunde“, soeben erschienen, ist eine Liebeserklärung an die Antarktis, an ihre Tiere und ein bisschen auch an seine Frau, die er – wie er in einem Kapitel schreibt – inmitten von Pinguinen geheiratet hat.

Mit jeder Seite lernt man nicht nur mehr über das Paarungsverhalten der Pinguine, sondern auch, warum diese Tiere Pütz so sehr fasziniert haben, dass er nichts lieber tut, als im europäischen Winter auf ein Boot zu steigen, sich in das ewige Eis zu begeben und seiner Familie für vier Monate den Rücken zuzukehren.

„Man kann viel von ihnen lernen“

„Zunächst einmal sind sie schon allein deshalb fantastisch für die Wissenschaft, weil sie nicht wegfliegen“, sagt Pütz. „Außerdem sind sie eine ideale Indikator-Spezies, an der man ziemlich genau ablesen kann, wie es dem Ökosystem geht, in dem sie leben.“ Ob Klimawandel, Plastikmüll oder kleiner werdende Fischbestände – jede Veränderung wirkt sich auf die Pinguine aus: auf das Balzen, das Brüten, die Fütterung. „Temperaturen von minus 40 Grad, ein Wind von 200 Stundenkilometern und monatelang nichts zu fressen: Menschen würden das schlicht nicht überleben.“

Man könne viel von ihnen lernen, sagt Pütz – zum Beispiel das, was er als die „Fokussiertheit“ der Pinguine bezeichnet: „Pinguine haben wenig Zeit, manchmal nur wenige Wochen, um ihre Jungen aufzuziehen.“ Sie müssten ihre gesamte Aufmerksamkeit in der Brutsaison auf den Nachwuchs konzentrieren.

Da hat er es schon wieder getan, was er im Buch immer wieder verteufelt und doch gleichzeitig der Anlass zum Schreiben des Buches war: die Vermenschlichung. Aber mit der gleichen Betroffenheit, mit der er die Trauer eines Pinguins beim Tod eines Kükens beschreibt – genauso nüchtern kann er aufzählen, dass bei 10.000 Adelie-Pinguinen-Paaren, die je zwei Eier legen, sich dieses Drama tausendfach wiederholt.

Fast wie ein Mensch

Wer mit Pütz länger spricht, hört nicht nur das Raubein eines bärtigen Seemanns durch, sondern auch, dass er sich ganz gern in eine unwirtliche Natur begibt, um sich „seinen“ Tieren zu nähern. Dafür ­erträgt er das Wetter und auch die Attacken der scharfen Schnäbel. Und auch er ist nicht davor gefeit, in ihrem Verhalten etwas Menschliches „wiederzuentdecken“. „So hielt sich hartnäckig der Glaube, dass die Pinguin-Kindergärten einen Erzieher hatten“, sagt Pütz. „Aber es stellte sich heraus, das waren nur zufällig dabeistehende erwachsene Tiere.“

Genauso die „Monogamie“. Erst beschreibt Pütz beinahe rührend, wie sich ein Pinguinpärchen, das sich ein halbes Jahr nicht gesehen hat, allein am Kreischen wiedererkennt – und sich wieder beim Brüten füreinander entscheidet. Aber kurz darauf schreibt er: „Die Scheidungsrate von Jahr zu Jahr ist hoch, bei Kaiserpinguinen liegt sie sogar bei bis zu 80 Prozent.“ Die kleinen Arten seien treuer, weil sie Nester bauen. Aber: „In Sachen Monogamie sind Albatrosse und Raubmöwen besser geeignet.“

Am liebsten aber verbringt Klemens Pütz seine Forschungswochen auf einem Schiff, das hinter Pinguinen her ist, die einen Peilsender tragen. Denn das ist sein Hauptforschungsfeld: zu erkunden, was Pinguine eigentlich tun, wenn sie für Wissenschaftler schwer zugänglich im Eismeer nach Fischen und Tintenfischen jagen.

Dank seiner Forschung weiß man, dass sie Tausende Kilometer zurücklegen können, immer die gleichen Gebiete ansteuern und dass sie im Meer vermutlich schlafen wie Delfine: Sie schalten nur eine Gehirnhälfte aus, die andere bleibt im Überlebensmodus. An Land aber tun sie es wie die meisten Vögel und stecken den Schnabel unter einen Flügel – oder sie legen sich auf den Bauch, kuscheln sich in den Sand und machen die Augen zu. Fast wie ein Mensch.

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