Voyeurismus

Heimliche Fotos: Südkoreanerinnen protestieren gegen Voyeure

In der U-Bahn, in der Sauna und auf Toilette – viele südkoreanische Frauen fühlen sich von Voyeuren verfolgt. Jetzt regt sich Protest.

Im Juni dieses Jahres protestierten in Seoul (Südkorea) etwa 22.000 Frauen gegen Voyeurismus.

Im Juni dieses Jahres protestierten in Seoul (Südkorea) etwa 22.000 Frauen gegen Voyeurismus.

Foto: Youjin Do/Korea Exposé

Berlin/Seoul.  Wenn man das Wort „Straße“ bei der Google-Bildersuche eingibt, zeigt das Suchprogramm Fotos mit verschiedenen Ansichten von Autobahnen, Alleen und Dorfstraßen. Gibt man das gleiche Wort auf Koreanisch ein, erscheinen heimlich aufgenommene Fotos von Frauen, die in der U-Bahn sitzen. Die Köpfe sind nicht zu erkennen, dafür lange Beine und Bereiche des Intimbereichs.

Goo­gle zeigt die Bilder an, weil sie in Korea häufiger angeklickt werden. Die Fotos demonstrieren auf erschütternde Weise, wie verbreitet „Molka“ ist.

Molka ist die Abkürzung für „Molrae Kamera“, also versteckte Kamera, und bezeichnet die Unart von meist männlichen Tätern in Südkorea, heimlich Fotos von Frauen in der U-Bahn, auf der Straße oder auf der Toilette zu machen. Sie halten dafür ihr Mobiltelefon entweder in die entsprechende Richtung und drücken ab oder – und das ist neu – bauen heimlich Kameras in Gegenstände des täglichen Gebrauchs ein.

Voyeure verstecken Kameras in Alltagsgegenständen

In den vergangenen Monaten hat die koreanische Polizei kleine Kameras in Wasserflaschen, Zigarettenpackungen, Autoschlüsseln und Lesebrillen gefunden. Nach rund 1000 gemeldeten Fällen im Jahr 2010 in Südkorea waren es 2014 schon 6600 und vergangenes Jahr sogar 21.000 gemeldete Fälle von Molka. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches größer sein. Man kann sagen, das Problem gerät außer Kontrolle.

Vor wenigen Tagen haben im Zen­trum von Seoul 22.000 Frauen demonstriert. Es war die größte Frauen­demonstration in der Geschichte des Landes. Die Demonstrantinnen versteckten ihre Gesichter hinter Sonnenbrillen oder Masken und riefen im Chor „Mein Leben ist nicht dein Porno“ oder „Bringt die Molka-Männer hinter Gitter“.

Dieser Protest war auch so groß, weil die Polizei kurz zuvor hart durchgegriffen hatte – aber dieses Mal war die Täterin eine Frau. Sie hatte Fotos eines männlichen Aktmodells aus der Kunstuniversität im Internet verbreitet. Wenn diese Täterin schnell ausfindig gemacht wurde, so riefen die Demonstrantinnen, warum dann nicht auch die vielen männlichen Täter?

In Südkorea nur Handys mit Ton beim Kameraauslöser im Verkauf

Die Proteste sind auch die Ausläufer der weltweiten #MeToo-Bewegung , bei der Frauen sich gegen sexuelle Belästigung wehren. Doch weil Südkorea so hoch technisiert ist, die Mobiltelefon-Dichte so groß wie in keinem anderen Land weltweit, hat sich die Belästigung schnell auf diesen Bereich ausgedehnt.

Aufgrund der eigenen Schrift sind diese koreanischen Voyeur-Seiten für Nicht-Koreaner nur schwer zu finden. In Deutschland sind diese Delikte seltener, da seit Jahrzehnten hohe Geld- und Gefängnisstrafen von bis zu einem Jahr für das heimliche Fotografieren verhängt werden. Dies war schon vor der Einführung der Smartphones der Fall, die Gesetze wurden mit der neuen Technologie auch verschärft.

Die koreanische Polizei nimmt sich nun seit einigen Jahren dieses Problems mehr und mehr an. So kann man zum Beispiel in Japan und Südkorea nur Smartphones kaufen, bei denen sich das Klick-Geräusch der Kamera nicht ausstellen lässt.

Seit ungefähr einem Jahr gibt es zusätzlich speziell ausgerüstete Suchtrupps, die nach versteckten Kameras im öffentlichen Raum suchen. Sie werden häufig fündig. Nahezu jede U-Bahnhaltestelle in Seoul hat eine öffentliche Toilette, hinzu kommen Räume in Bibliotheken, Schwimmbädern und Saunen.

Überwachungskameras gehören in Korea zum Alltag

Kang Haeryeon ist Chefredakteurin des Independent-Magazins „Korea Exposé“. Es berichtet regelmäßig über gesellschaftskritische Themen, die nicht in Tageszeitungen stehen. „Man muss aber darüber berichten, damit Frauen endlich von diesem Problem in der Fläche erfahren.“ Sie erlebe es noch oft, dass Frauen noch nichts davon gehört haben, obwohl es bereits zu einem großen Problem geworden ist.

„Weil in Südkorea Überwachungskameras viel mehr zum Alltag gehören als in anderen Ländern“, sagt Kang, „sind sie auch überall zu kaufen, niemand stört sich daran.“ Dass sie zweckentfremdet würden, daran denke schließlich zunächst niemand.

Dass das Thema überhaupt so groß wahrgenommen wird im Land, liegt auch daran, dass es in Korea Frauen nicht mehr länger hinnehmen, dass sie von Männern gedemütigt werden. Und doch geht die Polizei weiter davon aus, dass die Zahl der gemeldeten Vorfälle sich noch erhöhen wird. Derweil sorgen die Frauen inzwischen vor: Beim Hinauflaufen einer Treppe halten sie meist die Handtasche hinter sich – und zwar so, dass sie trotz Rock kein Fotomotiv bilden.