Waffengewalt

Mord an US-Journalisten – Rache wegen Berichterstattung?

Ein Racheakt? Der Mann, der fünf Menschen in einer Redaktion erschossen haben soll, fühlte sich von der US-Zeitung verunglimpft.

Fünf Menschen erschossen: Die Polizei soll 60 Sekunden nach dem dem ersten Alarm am Tatort gewesen sein.

Fünf Menschen erschossen: Die Polizei soll 60 Sekunden nach dem dem ersten Alarm am Tatort gewesen sein.

Foto: AP Content / picture alliance/ASSOCIATED PRESS

Washington.  Die moderne, rot-braune verklinkerte Fassade des Bürokomplexes an der Bestgate Road in Annapolis täuscht. Hier hat die siebtälteste Zeitung Amerikas ihren Stammsitz, die ihre Wurzeln bis ins Jahr 1727 zurückverfolgen kann. Die „Capital Gazette“, ein kleines, feines Blatt mit 31 Mitarbeitern und einer Auflage von 30.000 Exemplaren wochentags, deckt engagiert das lokale Geschehen in der Hauptstadt des US-Bundesstaates Maryland ab. Verkehrsunfälle, das örtliche Theater, die Touristen am Hafen und die wechselhafte Wasserqualität in der nahen Chesapeake Bay gehören zu den Dauerthemen.

Massenmorde nicht. Bis Donnerstagnachmittag Jarred Ramos mit einer geladenen Schrotflinte in der Redaktion auftauchte, aus Rache wegen kritischer Berichterstattung über ihn um sich schoss, dabei fünf Menschen tötete und Annapolis landesweit in die Hauptnachrichtensendungen der großen TV-Sender katapultierte.

Der 38-jährige Computer-Techniker aus dem 40 Kilometer entfernten Laurel wurde am Freitag dem Haftrichter wegen fünffachen vorsätzlichen Mordes vorgeführt. Er soll nach Angaben der Polizei vier langjährigen Redakteure und eine Vertriebs-Assistentin gezielt getötet haben. Zwei weitere Angestellte wurden verletzt. Einen schlimmeren Anschlag auf Journalisten hat es in den USA vor und nach dem Terror-Großereignis am 11. September 2001 nach Angaben von Medienwissenschaftler nie gegeben.

Medienbranche verneigte sich vor den Überlebenden

Aus vielen Zeitungsgshäusern ergingen Solidaritäts- und Beileidstelegramme. Die Branche verneigte sich vor den Überlebenden, die trotz des Schocks professionell reagierten und sich zu Chronisten ihrer Tragödie machten. Schon 45 Minuten nach dem Blutbad liefen auf der Internetseite Eilmeldungen. Auf der Titelseite waren gestern die Fotos der Opfer abgebildet: Rob Hiaasen, Wendi Winters, Rebecca Smith, Gerald Fischman und John McNamara.

Der hauseigene Polizeireporter Phil Davis, der Augenzeuge wurde, schrieb: „Es gibt nichts Furchteinflößenderes als zu hören, wie Menschen erschossen werden, während man selbst unter einem Schreibtisch hockt und hört, wie der Schütze nachlädt.“

Zeitung hatte über Ramos’ Straftaten berichtet

Nachlädt, so die Ermittler, weil Ramos seit Jahren mit der „Vierten Gewalt“, die die „Capital“ in der Region Nahe der Hauptstadt Washington verkörpert, tief im Clinch lag. Der Reporter Eric Hartley hatte 2011 geschrieben, wie Ramos einer früheren Highschool-Mitschülerin in Sozialen Netzwerken in fiesester Cyber-Mobbing-Manier nachstellte und sie – als sie ihn freundlich abwies – bei ihren Arbeitgebern anschwärzte, bis sie entlassen wurde, und später zum Selbstmord aufforderte.

Dafür wurde der frühere Angestellte einer Statistikbehörde nach einem Schuldeingeständnis verurteilt. Ramos aber ließ nicht locker. Er überzog die Zeitung 2015 mit einer Verleumdungsklage. Sie scheiterte krachend. Der zuständige Richter bescheinigte der „Capital Gazette“, sie habe absolut seriöse Arbeit abgeliefert. Ramos inszenierte trotzdem eine regelrechte Vendetta. Auf einer Interseite denunzierte er die Arbeit der Redaktion, griff Autoren persönlich an, wünschte ihnen den Tod und drohte mit Gewalt.

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Wie der Verdächtige an die Waffe gekommen ist, wird noch untersucht. Nach Angaben der Polizei hatte sich der Schütze, der sich nach den Schüssen unter einem Schreibtisch verkroch und ohne Gegenwehr festnehmen ließ, intensiv vorbereitet. Er trug Blendgranaten mit sich und verstümmelte die eigenen Fingerkuppe, um erkennungsdienstliche Methoden zu torpedieren.

Blutbad fällt zeitlich mit schärfer werdenden Attacken Trumps zusammen

Jimmy DeButts, einer der leitenden Redakteure der „Capital Gazette“, war am Boden zerstört: „Unsere Reporter geben jeden Tag alles. Es gibt keine 40 Stunden-Wochen und keine großen Gehälter – nur die Leidenschaft, die Geschichten aus unserer Stadt zu erzählen“.

Weil das Blutbad zeitlich zusammenfällt mit schärfer werdenden Attacken von Präsident Donald Trump, der Leitmedien als „Feinde des Volkes“ abkanzelt und mit Eingriffen in die Pressefreiheit liebäugelt, wurde das Geschehen national sofort politisiert. Der Sender Fox News, Trump zugetan, analysierte im Schnellverfahren die „ideologische Neigung“ des Blattes, konnte aber keine „polarisierende Berichterstattung“ feststellen. Sean Hannity, Lieblings-Moderator des Präsidenten, wies jede ideelle Mitverantwortung Trumps zurück und versuchte das Blutbad der demokratischen Kongress-Abgeordneten Maxine Waters anhängen. Sie gehört zu Trumps schärfsten Kritikerinnen gehört und spricht sich für zivilen Ungehorsam wegen dessen Einwanderungspolitik aus.

Andere Kommentatoren stellten zu dem rechtslastigen Provokateur Milo Yiannopoulos her, der Trump lobt und die US-Medien in die Ecke linksradikaler Tugendwächter rückt. „Ich kann es nicht abwarten, bis die Bürgerwehren damit beginnen, Journalisten auf der Stelle abzuknallen“, hatte er am Dienstag gesagt. Nach Annapolis beteuerte der Brite: „Es war ein Scherz.“

Trump selbst schickte zunächst pauschale „Gebete“ nach Annapolis und bedankte sich bei Polizei und Notärzten. Freitagmittag (Ortszeit) erklärte er dann: „Journalisten, wie alle Amerikaner, sollten frei von Angst vor gewalttätigen Angriffen sein, während sie ihre Arbeit erledigen“. Dass dazu eine Verschärfung der Waffengesetze hilfreich sein könnte, wie eine Mehrheit der Amerikaner in Umfragen betont, erwähnte der Präsident nicht.

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