Ex-Präsident

Viel Pathos, keine Einblicke: Das ist Bill Clintons Thriller

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Dirk Hautkapp
Bill Clinton, ehemaliger Präsident der USA, hat mit Thriller-Superstar James Patterson „The President Is Missing“ geschrieben.

Bill Clinton, ehemaliger Präsident der USA, hat mit Thriller-Superstar James Patterson „The President Is Missing“ geschrieben.

Foto: Bebeto Matthews / dpa

Ex-Präsident Bill Clinton geht mit Star-Autor James Patterson als Huckepack-Schreiber unter die Romanciers: „The President Is Missing“.

Washington.  Der leichte Verdruss fängt schon auf dem Buchrücken an: „The President Is Missing.“ Da denkt man doch mindestens an Entführung. Und heldenhafte Rettung. In Wahrheit aber ist Jonathan Lincoln Duncan abgesehen von einer kühnen Undercover-Aktion, die ihn aus Weltrettungsgründen aus dem Weißen Haus führt, so gar kein bisschen verschwunden. Sondern als omnipotenter Ich-Erzähler im Stile von Francis Underwood in „House of Cards“ ständig präsent.

Warum Amerikas Alt-Präsident Bill Clinton bei seinem jetzt mit einer Startauflage von einer Million Exemplare erschienenen Debüt als Romancier dennoch auf diesen Titel verfiel, erschließt sich auch nicht, wenn man dem Co-Autor des 71-Jährigen zuhört. Einerlei. James Patterson, 375 Millionen Mal erfolgreich gewesener Fließband-Erfolgsautor in der Sparte Thriller, hat dem Erstlingswerk von Präsident Nr. 42 wenigstens jene vorwärts treibende Dynamik geliehen, die die teilweise ermüdenden Längen und etwas durchhängenden Spannungsbögen leichter erträglich machen.

Terrorschurke will die USA mit Computer-Virus besiegen

Dabei ist der Stoff süffig und zeitaktuell. Suliman Cindoruk, digital versierter Terror-Schurke und Chef der „Söhne des Dschihads“, will Amerika mit einem Computer-Virus flächendeckend in die Knie zwingen. Und Duncan droht die Amtsenthebung. Das zerstörerische Dings namens „Dark Ages“ (finsteres Mittelalter) ist von einer attraktiven Separatistin entwickelt worden, deren Beschreibung aus öligen Bildunterschriften der „Praline“ stammen könnte: „strammer, agiler Körper“ und ein „unersättlicher Appetit auf Erforschung in der Welt des Cyberkriegs und des Schlafzimmers“.

Apropos Frauen: Die interessantesten Charaktere des Buches (neben der Virus-Fachfrau, der Vize-Präsidentin, der Direktorin des FBI, Duncans Leibärztin und einer klassische Musik liebenden Auftragskillerin namens „Bach“, die ihr Gewehr „Anna Magdalena“ nennt) sind weiblich und dominant. Was die zuweilen schablonenhaft geratenen Alt-Männer-Dialoge und Sinnsprüche in den für spätere Verfilmung (der „Homeland“-Sender Showtime hat die Rechte gekauft) erfundenen Jagd-Szenen im Auto und im Helikopter nicht aufwiegt.

Clintons Figuren reden furchtbar pathetisch daher

Mal lässt Clinton seinen literarischen Möchtegern-Avatar sagen, dass „ein sicheres und stabiles Amerika ein sicheres und stabiles Israel bedeutet“. Puuh. Mal fahren seinem im Irak gefolterten Commander-in-Chief Weisheiten wie „Alles, was ich getan habe, diente dazu, mein Land zu schützen“ oder „Solange wir nicht tot sind, sind wir noch am leben“ durch die Zähne. Ächz.

Während die Lektoren auch in der bei Droemer erschienenen deutschen Version (480 statt 518 Seiten) damit locken, dass Clinton seinen Lesern einen einzigartigen Blick hinter die Kulissen der Macht gewährt, konnte der Rezensent der „Washington Post“ seinen Spott kaum verbergen: „The President Is Missing“ enthalte so viele Geheimnisse über die innere Mechanik der amerikanischen Regierung wie „Der rosarote Panther“ Intimes über das Wesen der französischen Administration verrate. Sprich: zero. Stimmt.

Donald Trumps Ungeist schwebt permanent im Hintergrund

Stattdessen gibt es am Ende eine präsidiale Rede, die im Hier und Jetzt auch ein echter (demokratischer) Präsident gehalten haben könnte: Über die Notwendigkeit einer Einwanderungs-Reform. Über eine ernsthafte Klimawandel-Debatte. Über vernünftige Waffengesetze. Und darüber, wie man Wahlen vor Manipulationen schützt.

Donald Trump kommt glücklicherweise an keiner Stelle explizit vor. Sein Ungeist ist aber permanent vorhanden, wenn Duncan die Seuche der Fake News anprangert oder über gute Regierungsführung sinniert. „Sich mit Kriechern und Stiefelleckern zu umgeben“, sagt der Präsident an einer Stelle, „ist die kürzeste Route zum Scheitern.“ Lesern, die in Duncan nach Zaunpfahl-Gewinke zu den echten Clintons suchen, bekommen Nachdenk- und Schmunzelstoff geliefert. Im Buch stirbt Duncan große Liebe (wie die junge Hillary Clinton einst eine hoffnungsvolle Jura-Studentin) einen frühen Krebs-Tod und nimmt den Gatten quasi auf dem Sterbebett in die Pflicht: „Versprich mir Jonathan, dass Du eine neue Partnerin finden wirst.“

Bisher hatte Jimmy Carter mit seinem 2004 erschienenen Bürgerkriegs-Roman „Die Rebellen“ die Alleinstellung unter den fiktional schriftstellernden US-Präsidenten. Bill Clinton mit Patterson im Huckepack haben nun nachgezogen. Die Literatur-Abteilung der Pittsburgh Gazette hat in diesem Frühsommer nach eigenem Bekunden noch nichts Bezwingenderes zur Rezension vorgelegt bekommen. Ein Urteil, das noch etwas einsam in der Landschaft steht