Er wird an diesem Sonnabend an den Bahndamm hinuntergehen, allein vor der Gedenkwand verharren und an den Tag vor 20 Jahren denken, der sein Leben für immer in ein Vorher und Nachher teilte. Die Namen seiner Frau Christl und seiner Tochter Astrid stehen auf dem sechsten der zehn Granitblöcke.

    Am Sonntag wird Heinrich Löwen dann um 10.45 Uhr an der Gedenkstätte wie jedes Jahr seine Ansprache halten. Diesmal wird der Kreis größer sein: Zum 20. Jahrestag des ICE-Unglücks von Eschede werden neben Angehörigen auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil und Bahnchef Richard Lutz erwartet. Nach der Rede werden die Versammelten schweigen, die Züge drosseln in diesen Minuten auf 60 Stundenkilometer. Genau hier entgleiste am 3. Juni 1998 nach einem Radreifenbruch um 10.59 Uhr der ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ und prallte gegen eine Brücke. 101 Tote, 88 Schwerverletzte – das größte Zugunglück der deutschen Nachkriegsgeschichte.

    Witwer erzählt von seinen schwersten Stunden

    Vilshofen, ein warmer April-Tag in Niederbayern. Heinrich Löwen wartet schon am Bahnhof. Es ist der Bahnhof, an dem er im Morgengrauen des 3. Juni 1998 seiner Frau Christl und seiner Tochter Astrid ein letztes Mal winkte. Die Frauen fuhren mit dem Regionalexpress nach Nürnberg, stiegen dort in den ICE nach Hamburg um. Die Lehrerinnen wollten sich an der Ostsee über Pfingsten ein paar Tage erholen – eine Auszeit von der kräftezehrenden Pflege der anderen Tochter, Wiltrud.

    Löwen erzählt von den schwersten Tagen seines Lebens. Von seinen Anrufen bei der Hotline mit Tanzmusik in der Warteschleife – nach Eschede fahren konnte er nicht, da er sich um seine pflegebedürftige Tochter kümmern musste; sie ist blind und geistig behindert. Von der Verzweiflung seines damals 16-jährigen Sohnes Christoph. Am dritten Tag nach dem Unglück klingelten zwei Polizeibeamte: „Herr Löwen, Ihre Tochter ist gestorben.“ Wieder drei Tage später überbrachten Polizisten die Nachricht vom Tod seiner Frau. „Damals habe ich mich gefragt, wie viel Leid eine Familie eigentlich ertragen kann“, sagt Löwen.

    Schon die Trauerfeier empfanden einige Angehörige als ersten Akt einer Reihe von Demütigungen. Platz nehmen durften sie erst ab Reihe 14, die vorderen Bänke blieben für die Prominenz mit Bundespräsident Roman Herzog und Bundeskanzler Helmut Kohl an der Spitze reserviert. Löwen erinnert sich noch gut an die kleinen Zettel: „Bitte behalten Sie Platz, bis die Verfassungsorgane die Kirche verlassen haben.“

    Was die Organisatoren als Sicherheitsmaßnahme gedacht hatten, fügte sich für die Schicksalsgemeinschaft in ein Gesamtbild: dort der Staat, hier wir Opfer. Manche Gedankenlosigkeit war wohl dem Chaos nach dem Unfall geschuldet. Briefe des von der Bahn eingesetzten Ombudsmannes Otto Ernst Krasney, ehemaliger Vizepräsident des Bundessozialgerichts, trugen den Werbestempel „Fahr mal wieder Bahn“, einem Schreiben lag Werbung für eine Bahncard bei. Einen Schwerstverletzten, der nach zahlreichen Operationen um seine Genesung kämpfte, lud die Bahn zu einem Skiurlaub ein.

    Als „besondere Zuwendung“ – um keine Schuld anzuerkennen, vermied die Bahn den Ausdruck Schmerzensgeld – zahlte der Konzern für jeden Toten 30.000 Mark. Auch zwei Jahrzehnte später spricht Löwen von einem Skandal. Dabei weiß niemand besser als er, dass kein Geld der Welt die Liebsten zurückbringen kann. Aber schon angesichts der Schäden an Zug und Strecke von 27,5 Millionen Euro seien die 30.000 Mark ein „Akt der Geringschätzung“. Auch Udo Bauch, der nach dem Unfall mit einem doppelten Schädelbruch, vierfachem Kieferbruch und Frakturen in Oberschenkel und Schienbein im künstlichen Koma lag, klagt: „Nach dem Unfall versprachen Bahnvorstand und Politiker, dass man großzügig und unbürokratisch helfen will. Davon konnte keine Rede sein. Ihr Verhalten war teilweise unmenschlich.“ Durch die Folgen des Unfalls ist Bauch zu 100 Prozent behindert und erwerbsunfähig.

    Erst 2013 sorgte der damalige Bahnchef Rüdiger Grube mit seiner Entschuldigung für eine Geste der Versöhnung. „Auf dieses Signal haben wir 15 bittere Jahre gewartet“, sagt Löwen. Ohne Grubes Geste würde sein Nachfolger Lutz kaum an der Gedenkfeier teilnehmen. Beim 10. Jahrestag waren Deutsche-Bahn-Manager noch ausdrücklich unerwünscht gewesen.