Naturerlebnis

Waldbaden ist Wellness-Trend für die Großstadt-Seele

Vor allem gestresste Großstädter entdecken einen Trend aus Asien: Waldbaden. Ein Psychiater verspricht dabei „geniale“ Erfahrungen.

Waldbaden soll ]

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Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance / Bildagentur-o

Berlin.  Eine Gruppe von Frauen und Kindern steht im Frankenwald bei Teuschnitz und hört einem Mann zu, der mit tiefer, besonnener Stimme spricht. Es ist die von Holger Schramm. „Ich atme ein und hebe den Fuß und ich atme aus und setze ihn langsam wieder ab“, sagt der Natur-Coach. Er möchte so „diesen schönen Wurzelpfad für eine kleine Gehmeditation nutzen“.

Die Frauen nicken, es geht los zum Waldspaziergang oder – wie es jetzt viele Alternativmediziner und Therapeuten bezeichnen – zum Waldbaden. Es folgt eine Qigong-Übung im Kreis auf einer Waldlichtung und anschließendes Sitzen unter einem hohen Baum. „Es bringt eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit und auch Dankbarkeit mit eigentlich sehr einfachen Mitteln“, sagt Teilnehmerin Cornelia Müller am Ende des Waldbadens. Die anderen, die Ruhe unter Bäumen suchen, stimmen ihr zu.

Die Rückbesinnung zur Natur liegt im Trend. So sehr, dass ganze neue Geschäftszweige um das Thema Natur geschaffen werden. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) meldet wachsende Mitgliederzahlen, ebenso der Deutsche Alpenverein. Laut dem Jahresbericht 2016 des Nabus erreicht die Zahl der Mitglieder und Förderer heute mit 620.000 Naturfreunden mehr als eine halbe Million.

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Waldbaden wird in Büchern beschrieben

Wie sehr der Wald in den Köpfen der Menschen ist, zeigt auch die hohe Nachfrage der Bücher zum Thema von Peter Wohlleben wie zuletzt die „Gebrauchsanweisung für den Wald“. Seine Bücher sind europaweit allesamt Bestseller. Erst vor Kurzem brachte der Suhrkamp-Verlag einen Wegweiser durch die urbane Pflanzenwelt heraus und traf auch damit den Nerv der Zeit. Und auch der japanische Professor Yoshifumi Miyazaki, der jüngst das „Heilsame Waldbaden“ hierzulande in Buchform auf den Markt brachte, kann in Fachkreisen und unter Patienten auf eine große Fan-Gemeinde blicken.

Der Forstwissenschaftler von der Universität Tokio lässt seit über 20 Jahren Menschen mit Burn-out zum Beispiel gefällte Bäume schleppen. Zudem dürfen sie nur das essen und trinken, was der Wald hergibt.

Was in Japan seit den 1980er-Jahren eine anerkannte Heilmethode ist, wird in abgeschwächter Form auch in Europa praktiziert: „Shinrin Yoku“, kurz mit „Waldbaden“ übersetzt. Laut Miyazakis Forschungen stellen sich die Effekte der Waldtherapie sofort ein. Zu diesen zählen die Verbesserung der Immunabwehr, die Senkung des Blutdrucks nach nur 15 Minuten und Stressreduzierung durch die verringerte Aktivität des Nervensystems.

Der Wald als Erlebnisraum

In Zeiten von Personal-Einsparungen, unsicheren Renten, Überreizung durch Smartphone-Konsum und daraus resultierenden Ängsten und Leistungsdruck scheinen Erholungsformen wie Kräuterwanderungen im Umland oder urbane Naturrundgänge vielen Menschen zu gefallen.

Laut Krankenkasse DAK sind etwa 15 Prozent der Krankheitstage von Arbeitnehmern auf psychische Störungen zurückzuführen. Das geht aus einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hervor. Außerdem steigt die Zahl derer, die wegen einer psychischen Erkrankung vorzeitig in Rente gehen müssen. Lag deren Anzahl im Jahr 2000 noch bei 50.000, waren 2014 laut Deutscher Rentenversicherung bereits 75.000 Menschen betroffen.

Christine Müller ist dabei so etwas wie die deutsche Pionierin der Waldwellness. Die ärztliche Leiterin des Hotels „Das Kranzbach“ bei Garmisch-Partenkirchen spaziert mit Gästen in den Wald auf eine Yogaplattform und macht dort mit ihnen Atemübungen. „Der Wald ist ein Erlebnisraum, in dem man wunderbar zu sich selbst zurückfindet.“

Psychiater verspricht „geniale“ Ergebnisse

Auch der Bonner Familienpsychiater Michael Winterhoff stimmt dem bei und empfiehlt: „Einen langen Waldspaziergang über einen Zeitraum von vier bis fünf Stunden. Alleine, nicht joggen, nicht Fahrrad fahren, keinen Hund mitnehmen, das Handy abgeschaltet.“ Wenn man sich darauf einlasse, erlebe man Folgendes: Kaum sei man im Wald, lasse der enorme Druck schon ein wenig nach. Nach zwei bis drei Stunden passiere aber „etwas Geniales“: Man sei wieder man selbst. Kein Druck mehr, stattdessen reine Glücksgefühle.

Tatsächlich gibt es in vielen Regionen Deutschlands und im Alpenraum zahlreiche Waldbaden-Angebote und vergleichbare Therapie-Angebote. Der Wald spielt etwa in der Niedersächsischen Landesgartenschau 2018 eine Rolle: Bad Iburg hat lokale Führer geschult, damit sie im Waldkurpark in der Nähe des neuen Baumwipfelpfades eine Sinnesreise moderieren. Im Westerwald und am Klimapfad in Oberstaufen kann man sich beim Waldbaden in eine Hängematte legen. Thüringen hat ein „WaldResort“ am Nationalpark Hainich samt Expeditionen.

Es gibt aber auch in Deutschland medizinische Ansätze: Karin Kraft ist Stiftungsprofessorin für Naturheilkunde der Universitätsmedizin Rostock und begleitet den ersten europäischen Kur- und Heilwald in Heringsdorf auf Usedom wissenschaftlich. Was für Asthmapatienten gut ist, hilft auch gestressten Großstädtern, da sind sich Experten einig. Die übrigens einen Tipp bereithalten: Selbst Yoga im Stadtpark entspannt die Seele. Und gibt neue Kraft.

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