Alter

Hilfe, ich werde 40! – Überlebenstipps einer Buchautorin

Für viele Frauen hat die Altersgrenze 40 etwas Bedrohliches. Die Buchautorin Dagmar da Silveira Macêdo nimmt ihnen die Angst davor.

Die 40er-Panik erwischt auch Filmfigur Sally (Meg Ryan) im US-Komödienklassiker „Harry und Sally“.

Die 40er-Panik erwischt auch Filmfigur Sally (Meg Ryan) im US-Komödienklassiker „Harry und Sally“.

Foto: ddp images

Berlin.  Als Sally erfährt, dass ihr Ex-Freund heiratet, bricht sie zusammen. Akute Panik: Sie wird nie einen Mann finden. Und irgendwann ist es zu spät, eine Familie zu gründen. „Nicht mehr lange, und ich werde 40!“, heult sie. „In acht Jahren“, erinnert Harry sie sanft, aber das ist kein Trost. „Ja, aber die 40 lauern auf mich in einer dunklen Sackgasse!“

Weil dies eine Filmszene ist und der Film eine Komödie, ist Sallys Anfall auch ein bisschen lustig. Aber dennoch: Dass die 40 etwas Bedrohliches haben kann, bringt „Harry und Sally“ schön auf den Punkt.

Über sich selbst lachen lernen

Für 70-Jährige mag es sich kokett anhören, aber Tatsache ist: Die ersten Zeichen des Älterwerdens können schockartige Momente auslösen. Wenn einem klar wird, dass diese Falten da unter dem Auge nie wieder verschwinden, sondern nur noch tiefer werden. Es sei denn natürlich, man greift zu Botox. Aber auch das wäre nur ein Zeichen dafür, dass man buchstäblich am eigenen Leib erfahren hat, was bislang so leicht zu verdrängen war: Ich bin vergänglich. Mein Leben schreitet voran, Jungsein war gestern. Hab ich eigentlich alles erledigt, wofür es jetzt bald zu spät sein könnte? Hilfe!

Dagmar da Silveira Macêdo ist 49. Sie kann mitreden über diese Altersspanne, und das tut sie in ihrem Buch „How to Survive als Frau ab 40“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag). Überlebenstipps? Ist natürlich übertrieben. Aber zu den Qualitäten des Älterwerdens gehöre auch, dass man über sich selbst lachen lerne, findet die Autorin.

Sie sieht in den Jahren nach dem 40. Geburtstag vor allem einen Konflikt zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung: „Ich fühle mich jung, und die Musik, die ich höre, entspricht meinem Lebensgefühl, ich habe ein bestimmtes Bild von mir selbst. Dann sehe ich mich plötzlich im Spiegel und denke: Oh. Ganz schön dick geworden. Oder: Was hängt das denn da so?“ Und irgendwann wird die erste Lesebrille fällig. Das könne einen schon erschrecken, sagt da Silveira Macêdo.

„Stellen Sie sich vor einen Spiegel. Nackt“

Für sie ist in diesem Fall Angriff die beste Verteidigung: Sie empfiehlt, sich vor den Spiegel zu stellen. Nackt. Und dann noch mit einem Handspiegel bewaffnet. Alles betrachten, sich seiner selbst bewusst werden. Entscheiden, wofür oder wogegen man etwas unternehmen kann und will – und den Rest so akzeptieren, wie er ist. „Ich sollte auch gucken, was ich an mir mag“, sagt die Autorin, die sich selbst lachend „Betroffene“ nennt. Sie weiß, dass es irgendwann nicht mehr funktioniert, schnell zwei Kilo abzunehmen, weil man am Wochenende in einem bestimmten Kleid super aussehen will.

Sie weiß aber auch, dass die körperlichen Ärgernisse mit psychischen Belohnungen einhergehen: „Zu wissen, was man will, und auf die eigene Lebenserfahrung zurückgreifen zu können ist ein großer Vorteil“, betont sie. In diesem Alter habe man endlich gelernt, viele Dinge gelassener anzugehen. „Man weiß auch schon viel besser, was man nicht möchte – zum Beispiel bei der Partnerwahl – und traut sich auch, das zu sagen.“

Manche wagen einen kompletten Neustart

Frühere Frauengenerationen waren in ihren 40ern meist verheiratete Mütter, deren Zukunft darin lag, verheiratete Großmütter zu sein. Sehr viel Auswahl hatten sie nicht in ihrer Lebensgestaltung, bevor in den 70er-Jahren das Thema Selbstfindung aufkam, der Begriff der „eigenen Bedürfnisse“ und damit eine Anspruchshaltung an das Leben über die Pflichterfüllung hinaus. Mit den erkämpften Freiheiten ist zwar der Druck gestiegen, möglichst viel aus dem eigenen Dasein zu machen. Gleichzeitig bieten sich nun aber Chancen, von denen Frauen vor ein paar Jahrzehnte allerhöchstens träumen durften.

Heute kämen sie beim Zwischenfazit ihres Lebens nicht selten zu dem Ergebnis, dass das, was sie haben, noch nicht alles sein könne. Manche wagten gleich einen kompletten Neustart, betont da Silveria Macêdo. Wer nicht genau wüsste, wie der aussehen könnte, dem rät sie: „Jetzt ist die Zeit, sich einen Coach zu gönnen.“

Eigene Macken kultivieren

Die Überlebenstipps der Autorin gelten ernsten Themen (warum es gerade jetzt so viele Scheidungen gibt) – und nicht ganz so ernsten (wie man auf dem ersten Klassentreffen nach 20 Jahren einen tollen Auftritt hat). Die Autorin ermuntert dazu, die eigenen Macken zu kultivieren, die Karriere wiederzubeleben oder doch noch zu versuchen, eine Familie zu gründen. Bei Bedarf rät sie aber genauso dazu, ohne Partner glücklich zu werden. Das entspricht ungefähr der Bandbreite an Lebensentwürfen von heutigen 40-Jährigen: Das Alter verbindet sie, die Falten und bald auch die Lesebrille. Aber sonst ist so ziemlich alles möglich.

Da Silveira Macêdo wollte ihren eigenen 40. Geburtstag gar nicht feiern. Sie war zwar in Gesellschaft von Freunden, aber auf einer großen Open-Air-Party. Und dann, um Mitternacht, fingen plötzlich alle an zu singen, sie wurde hochgehoben und vom Publikum auf Händen getragen – eine Überraschung der Freunde. „Das war ein toller Auftakt“, sagt sie. Kurz vorher habe ihr außerdem jemand prophezeit, dass sie mit 40 ihren Mann kennenlernen würde – und tatsächlich! Fazit: „Das Jahr ist für mich super gelaufen“.

Und die Männer? Im Film sieht Sally sie eindeutig im Vorteil: „Charly Chaplin hat noch Kinder bekommen, da war er schon 73“, sagt sie. Harry kontert: „Ja, aber er war zu schwach, sie noch auf den Arm zu nehmen.“ Und da, endlich, kann sie wieder lachen.