Wissenschaft

Klon-Äffchen: Wann wird der erste Mensch geklont?

Nach der Geburt zweier Klon-Affen ist die Diskussion um die Grenzen des Klonens wieder entflammt. Wird als nächstes der Mensch geklont?

Die ersten Klonaffen nach der Dolly-Methode: Zhong Zhong und Hua Hua.

Die ersten Klonaffen nach der Dolly-Methode: Zhong Zhong und Hua Hua.

Foto: Jin Liwang / Xinhua / action press

Berlin/Peking.  In China werden weltweit zum ersten Mal Affen geklont – und die Fantasie ist wieder beflügelt. Folgt dem Affen der Mensch?, fragen Besorgte. Immer wieder gab es ausreichend Stoff für Horrorszenarien: vor bald 22 Jahren, als Klon-Schaf Dolly zur Welt kam. Auf sie folgten mehr als 20 weitere Tierarten – Hunde, Kühe, Schweine, Pferde.

Nun also Javaneraffen (Macaca fascicularis), ein Primat. Nie war ein geklontes Tier dem Menschen so ähnlich.

Forscher waren immer wieder gescheitert

Was dem Team um Qiang Sun vom Institut für Neurowissenschaft der staatlichen Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Shanghai gelungen ist, beschreiben Wissenschaftler als Durchbruch. Für Tierschützer ist es ein Dammbruch. Offenbar ist es erstmals gelungen, Affen mit zu hundert Prozent identischem Genmaterial zu erschaffen.

Forscher waren zuvor immer wieder daran gescheitert. Die Klon-Affen Zhong Zhong und Hua Hua wurden im Abstand von zehn Tagen geboren und hätten zumindest die ersten 40 und 50 Tage überlebt, berichten die Forscher im Fachmagazin „Cell“. Ob die Tiere noch leben, ist nicht bekannt. Entsprechende Anfragen blieben bisher unbeantwortet.

Das gleiche Verfahren wie bei Klonschaf „Dolly“

Die Wissenschaftler verwendeten in abgewandelter Form das Verfahren, das schon bei Dolly angewandt worden war: den somatischen Zellkerntransfer. Dabei wird der Zellkern mit seinen Erbinformationen aus einer Eizelle entfernt. In diese entkernte Eizelle wird der Zellkern samt Erbgut von einer Zelle des Spendertiers übertragen und die Eizelle in eine Leihmutter eingepflanzt.

Viele Versuche waren nötig: Von knapp 200 aus dem Erbgut erwachsener Affen gewonnenen Embryonen kam es bei 42 Leihmuttertieren, denen die Forscher die Zellen einsetzten, zu zwei Lebendgeburten. Doch die Affenbabys starben nur wenige Stunden später.

Klonen von Menschen technisch möglich

Mehr Erfolg hatten die Forscher bei gut 100 Embryonen, die auf dem Erbgut von Affenföten beruhten. In dieser Gruppe kam es bei 21 Leihmüttern zu sechs Schwangerschaften. Zwei Jungtiere kamen lebend zur Welt.

Rein technisch könnte auch das Klonen eines Menschen heute möglich sein, glauben Experten. „Es ist zwar ex­trem anspruchsvoll“, sagt Rüdiger Behr vom Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen, „aber ich kenne keinen biologischen Grund, der dagegensprechen würde.“

Dass mit den geklonten Affen auch das Kopieren von Menschen ein großes Stück näher gerückt ist – daraus machen die chinesischen Forscher keinen Hehl. Die technische Barriere sei durchbrochen, sagt der an der Studie beteiligte Neurowissenschaftler Mu-Ming Poo und bestätigt: „Die gleiche Methode lässt sich auf den Menschen anwenden.“ Derzeit gebe es dazu jedoch keine konkreten Pläne.

Missbrauch der Technologie verhindern

Dennoch fordern chinesische Wissenschaftler neue Regeln für solche Experimente. „Technologie ist neutral, aber wir brauchen ein spezifisches Gesetz, um zu verhindern, dass Interessengruppen die Technologie missbrauchen“, sagte etwa Wang Yue von der Universität Peking der Zeitung „Daily Mail“.

China versucht seit Jahren, sich an die Spitze der Genforschung zu stellen – mit viel Geld und wenig ethischen Bedenken. Mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar ist allein im derzeit laufenden Fünfjahresplan für die Biotech-Forschung veranschlagt – so viel wie in keinem anderen Land.

US-Forscher haben menschliche Embryos geklont

Eine erste Stufe hin zum Klonen von Menschen betraten US-Forscher bereits vor einigen Jahren: Sie klonten menschliche Embryonen, um aus ihnen in einer frühen Form embryonale Stammzellen zu isolieren.

In Deutschland wäre schon dieses sogenannte therapeutische Klonen, das der Gewinnung von Zellen dient, verboten. Das Embryonenschutzgesetz setzt hier einen Rahmen. Demnach darf die Eizelle einer Frau nur ihrer eigenen Fortpflanzung dienen. An das reproduktive Klonen des menschlichen Organismus ist ohnehin noch lange nicht zu denken.

Allein die methodischen Probleme, denen sich auch die chinesischen Forscher gegenübersahen, sowie die Zahl der Fehlversuche, die menschliche Embryonen zu medizinischem Müll machen würde, mache es derzeit unmöglich und ethisch nicht vertretbar, sind sich Experten einig. Und wozu eigentlich? Auf diese Frage hat bislang niemand eine sinnvolle Antwort.

Menschenaffen sind dem Menschen zu nah

Schon Forschung im biomedizinischen Bereich mit Menschenaffen wie Schimpansen, Gorillas oder Bonobos ist zumindest in Europa verboten. „Sie sind uns Menschen dem Wesen nach einfach zu nah“, sagt Behr vom DPZ, „jedenfalls deutlich näher als etwa Mäuse oder Hunde.“ In China gibt es kaum tierschutzrechtliche Bedenken. In den chinesischen Laboren befinden sich schon jetzt Hunderttausende Primaten in Gefangenschaft.

Die nun geklonten Javaneraffen seien ein Kompromiss, der auch in Deutschland grundsätzlich möglich wäre, sagt Behr vom DPZ. Dem Menschen nah, aber nicht so nah wie Menschenaffen. „Mit ihnen könnte man in Tierversuchen zu Erkenntnissen gelangen, die für die Humanmedizin von Bedeutung sind“, sagt Stammzellforscher Behr.

Vielversprechend für die Erforschung neuer Therapien

Auch Eckhard Wolf vom Genzentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München spricht von einem „wichtigen Schritt“. Für die Erforschung neuer Therapien, etwa gegen einige neurologische Krankheiten, sei die Klontechnik vielversprechend. Mit der Methodik sei es möglich, mehrere genetisch identische Versuchstiere zu untersuchen, was etwa für die Entwicklung neuer Arzneimittel hilfreich sein könne.

Für Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, stellen sich durch die neuen Klon-Erfolge „massive“ ethische Fragen – es sei auch offen, wie gesund die beiden Affenjungen seien. Deren Namen Zhong Zhong und Hua Hua haben eine besondere Bedeutung.

Zhonghua heißt so viel wie „chinesische Nation“. Das Spiel mit dem Nationalstolz deute an, dass es bei den Versuchen nicht nur um Forschungsfortschritt ging, sondern „vor allem um Prestige und andere nichthochrangige Ziele“, kritisiert Dabrock. „So etwas sollte nicht auf Kosten sensibler Wesen gehen und ist ethisch problematisch.“

Deutscher Tierschutzbund fordert ein Verbot

Mit Entsetzen reagierten Tierrechtsorganisationen auf die Affen-Klone. „Dieser Versuch aus China stößt ein Tor auf zu einem Wettlauf für noch mehr Tierversuche an Primaten“, befürchtet Roman Kolar, Geschäftsführer des Tierschutzbundes. Es werde außer Acht gelassen, dass entsprechende Versuche sowohl für die Mutter- als auch für die geklonten Tiere mit schweren Leiden verbunden seien.

Fast immer müssten Hunderte Klone sterben, ehe ein Tier lebend zur Welt kommt, so Kolar. In Europa werden bisher überwiegend Schweine, Schafe und Ratten geklont. Nach Rechtslage wäre auch das Klonen von Affen möglich.

Der Tierschutzbund fordert, Versuche an Primaten zu verbieten. Diese hätten eine ähnliche körperliche und emotionale Leidensfähigkeit wie der Mensch, so Kolar, „deshalb ist davon auszugehen, dass sie noch mehr leiden als andere Tiere im Labor“.