Bombenanschlag

Düsseldorfer Rohrbombe – 18 Jahre später beginnt der Prozess

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Frank Preuß

Foto: Christian_Ohlig / dpa

Im Juli 2000 wurden zehn Sprachschüler in Düsseldorf schwer verletzt – vermutliches Motiv: Fremdenhass. Jetzt beginnt der Prozess.

Düsseldorf.  „Leider lassen sich nicht alle Fälle lösen“, sagt Johannes Mocken an einem hochsommerlichen Tag im Juli 2010 in seinem Büro am Rande der Düsseldorfer Altstadt. „Es besteht wohl keine Aussicht mehr, den oder die Täter zu fassen“, fügt er hinzu, der Sprecher der Staatsanwalt ist nüchtern im Ton, betrübt in der Sache. Die Akte zum Sprengstoffanschlag am Ausgang des S-Bahnhofs „Wehrhahn“ wird geschlossen. Kein Täter – nach zehn Jahren, 1500 befragten Zeugen, 300 verfolgten Spuren und 400 ausgewerteten Beweismitteln?

Siebeneinhalb Jahre später vollzieht sich der vorläufige Höhepunkt einer dramatischen Wende: Ein 51-jähriger Mann aus der Nachbarstadt Ratingen, dem die Ermittler „Fremdenfeindlichkeit und tief verwurzelte Aggression“ bescheinigen, steht ab 25. Januar in Düsseldorf vor Gericht. Ralf S. soll die Rohrbombe einst gezündet haben. Er bestreitet und schweigt.

Metallsplitter tötete ungeborenes Kind

Es ist eine Explosion an jenem Donnerstagnachmittag, den 27. Juli 2000, die die Republik erschüttert. Die Bombe, die in einer weißen Plastiktüte am Geländer einer Brücke vor dem S-Bahnhof-Ausgang an der Ackerstraße hängt, geht um 15.03 Uhr hoch. Ein Platzregen wird wenig später wichtige Spuren hinwegspülen. Sieben Frauen und drei Männer, allesamt Schüler einer benachbarten Sprachschule, werden teils lebensgefährlich verletzt. Sechs sind jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, vier sind Russland-Deutsche.

Tatjana L. aus Odessa ist im fünften Monat schwanger, ein Metallsplitter, der ihren Unterleib trifft, tötet das ungeborene Kind. Dass zwei Mitschüler unverletzt bleiben und die Getroffenen überleben, ist einer Schlamperei des Bombenbauers zu verdanken: „Das benutzte TNT war verunreinigt, die Sprengkraft dadurch herabgesetzt“, berichtet Staatsanwalt Ralf Herrenbrück. Die psychologische Wirkung der Bombe ist gewaltig.

Molotowcocktails gegen Düsseldorfer Synagoge

Die jüdische Gemeinde ist alarmiert, und Ministerpräsident Wolfgang Clement verspricht, man werde „nicht eher ruhen, bis wir die Urheber dieses gemeinen Verbrechens dingfest gemacht haben“. „Wir hatten tägliche Pressekonferenzen, später wöchentliche, bis zu 70 Telefonate am Tag und manchmal acht Fernsehteams im Haus“, erinnert sich Johannes Mocken, der heute als NRW-Mann im Büro für Euregionale Zusammenarbeit in Maastricht sitzt.

Ein Anschlag auf Juden in Deutschland: Journalisten aus aller Welt verlangen Informationen rund um die Uhr. Drei Monate später schleudern Unbekannte Molotowcocktails gegen die Düsseldorfer Synagoge, Kanzler Gerhard Schröder ruft zum „Aufstand der Anständigen“ auf.

Ralf S. schon damals im Visier der Ermittler

Spekulationen und Verschwörungstheorien wuchern. Waren es Araber voller Judenhass, war es ein Racheakt der Russenmafia, war es gar nur eine Beziehungstat oder waren die Betroffenen reine Zufallsopfer? Dabei hat die Staatsanwaltschaft den Mann, den sie mehr als 16 Jahre später wegen zwölffachen versuchten Mordes anklagen wird, schon damals stundenlang in der Mangel.

Ralf S., zu diesem Zeitpunkt 34 und ehemaliger Bundeswehrsoldat, ist der erste Tatverdächtige, er wird intensiv verhört, seine Wohnung auf den Kopf gestellt. Er führt keine 200 Meter vom Tatort entfernt im Stadtteil Flingern den Militarialaden Survival Security & Outdoor, in dem sich Skinheads mit Kampfanzügen und Neonazi-Musik versorgen.

Zwei Frauen entlasteten Ralf S.

Der Laden läuft schlecht, S. kann die Miete nicht mehr bezahlen, hat bereits einen Offenbarungseid geleistet. Er gilt vielen im Viertel als rechtsradikaler Spinner, patrouilliert mit seinem Hund durchs Viertel und nennt sich Sheriff von Flingern. Aber Ralf S. hat ein Alibi: Zwei Frauen sagen zu seinen Gunsten aus.

Er fühlt sich so sicher, dass er fast 14 Jahre später einen folgenschweren Fehler begeht. Er sitzt wegen einer nicht bezahlten Geldstrafe in Castrop-Rauxel im Gefängnis und prahlt vor einem damaligen Zellengenossen mit dem Anschlag. Mehr noch: Er beschreibt den Bau der Bombe bis ins Detail. „Da war mögliches Täterwissen im Spiel“, sagt Staatsanwalt Ralf Herrenbrück. Ohnehin habe sich der Mann bei der Bundeswehr waffen- und sprengtechnisches Know-how angeeignet. Aber reicht das, um ihn anzuklagen?

Frühere Zeuginnen widerriefen ihre Aussagen

Es reicht Herrenbrück, den Fall im Sommer 2014 wieder komplett aufzurollen. „Wir haben 69.000 Blatt der Akte noch einmal neu überprüft“, erzählt Ermittler Udo Moll, „wir haben alle verfügbaren Zeugen noch einmal befragt, wir hatten nun auch die Profiler der Operativen Fallanalyse des Landeskriminalamts, die monatelang sämtliche Fakten untersucht und dann eine Analyse erstellt haben.“ Sechs hochspezifische Punkte hätten bei der Einschätzung des Täters auf Ralf S. zugetroffen. Zudem platzt laut Staatsanwalt auch dessen Alibi: Die Frauen sagen aus, Ralf S. habe sie damals „massiv unter Druck gesetzt“, und sie widerrufen.

Das Profil des Mannes und seine Motivlage sind für Herrenbrück eindeutig: „Er ist ausländerfeindlich und hat Ausländer sogar für seine finanzielle Misere mitverantwortlich gemacht, nach dem Motto: Die bekommen alles und wir Deutschen nichts.“ Aus heutiger Sicht könnte auch ein Vorgang seinen Hass verschärft haben, der damals wenig Beachtung fand. Rund 25 Schüler jener Sprachschule hatten zwei mit ihm vermutlich befreundete Neonazis mit Kampfhunden vertrieben, die sich zwei Wochen lang Tag für Tag vor der Schule aufgebaut hatten und Schüler zwangen, Spalier zu laufen.

Und die Opfer? Sie wollen über ihre fürchterlichen Erlebnisse nicht mehr sprechen. Ekaterina P., 67, Deutsch-Kasachin und seit dem Anschlag berufsunfähig, hat der „Bild-Zeitung“ einmal gesagt, würde der Täter gefasst, brächte ihr das nicht mehr viel, denn ihr Leben sei an jenem Tag zerstört worden.

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