Asylbewerber

Fall Oury Jalloh: Staatsanwalt wirft Polizei Vertuschung vor

Oury Jalloh könnte getötet worden sein, meint ein Oberstaatsanwalt. Eine Initiative erstattete nun Mordanzeige gegen einen Polizisten.

Teilnehmer einer Demonstration zum zehnten Todestag des Asylbewerbers Oury Jalloh im Januar 2015 vor dem Hauptbahnhof in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt).

Teilnehmer einer Demonstration zum zehnten Todestag des Asylbewerbers Oury Jalloh im Januar 2015 vor dem Hauptbahnhof in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt).

Foto: Jens Wolf / dpa

Halle.  Der Dessauer Oberstaatsanwalt glaubt im Fall des Asylbewerbers Oury Jalloh , der am 7. Januar 2005 in einer Polizeizelle verstarb, nicht an einen Unfall. Laut der "Mitteldeutschen Zeitung" hält es Folker Bittmann vielmehr für wahrscheinlich, dass Polizeibeamte den Flüchtling in Brand gesteckt haben, um andere Vergehen zu vertuschen.

Die bisherigen Ermittlungsergebnisse werden damit nicht zum ersten Mal infrage gestellt. Demnach sollte sich Jalloh, an Füßen und Händen an seine Matratze gefesselt, im Alkoholrausch selbst angezündet haben. Mehrere Gerichte beschäftigten sich mit dem Fall, schließlich wurde das Verfahren von der Staatsanwaltschaft in Halle in diesem Oktober eingestellt. Es habe keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter gegeben, hieß es.

Für Bittmann ergibt sich laut "Mitteldeutscher Zeitung" aber ein anderes Bild. Berichte mehrerer Gutachter und ein 2016 unternommener Brandversuch würden nahelegen, dass Jalloh mit einer kleinen Menge Brandbeschleuniger übergossen und angezündet worden ist. Das gehe aus einem Vermerk des Leitenden Oberstaatsanwalts vom 4. April 2017 hervor.

Zusammenhang mit zwei früheren Todesfällen

Plausibel sei das Szenario auch wegen zwei früherer Todesfälle im Umfeld der Polizeistation Dessau, heißt es laut Bericht in dem Vermerk. 1997 war ein Mann an schweren inneren Verletzungen gestorben, nachdem er in Gewahrsam der Dessauer Beamten war. 2002 kam in der Zelle, in der später auch Oury Jalloh starb, ein Obdachloser ums Leben. In beiden Fällen hatte es auch Ermittlungen gegen Polizeibeamte gegeben.

Folker Bittmann vermutet nun, dass Jalloh misshandelt wurde und den Polizisten klar geworden sei, "dass schwere Verletzungen oder gar das Versterben eines weiteren Häftlings neuerliche Untersuchungen auslösen würden". Das "mag zu dem Entschluss geführt haben, mit der Brandlegung alle Spuren zu verwischen", zitiert die Zeitung aus dem Vermerk.

Initiative Oury Jalloh: Generalbundesanwalt soll ermitteln

Die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" erstattete unterdessen bei der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe im Zusammenhang mit dem Tod des Asylbewerbers Mordanzeige gegen einen Polizisten. Die Ermittlungen seien in der Vergangenheit trotz widersprüchlicher Zeugenaussagen, unsachgemäßen Tatortermittlungen und offenkundig manipulierter Beweismittel von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten "gemeinschaftlich boykottiert" worden, begründete die Initiative dies in Berlin. Die Anzeige richtet sich gegen den Polizeibeamten S., der zusammen mit einem Kollegen Oury Jalloh am 7. Januar 2005 in Gewahrsam genommen hatte.

Die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg hatte im Sommer das aktuelle Todesermittlungsverfahren von der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau an die entsprechende Behörde in Halle übertragen und dies mit der hohen dienstlichen Belastung der Mitarbeiter in Dessau begründet. Die Staatsanwaltschaft Halle hatte das Verfahren dann eingestellt.

Demo gegen Einstellung des Verfahrens

Mehrere Hundert Menschen hatten noch am vergangenen Samstag gegen die Einstellung des Verfahrens demonstriert. Die nach Veranstalterangaben rund 400 Teilnehmer hatten sich unter der Überschrift "Oury Jalloh – Aufklärung jetzt!" in der Innenstadt von Halle versammelt. Sie forderten eine juristische und politische Aufklärung des Falles. Zu der Kundgebung aufgerufen hatten neben anderen auch die Jugendorganisationen von Grünen und Linken.

Auch die Demonstranten zweifeln an der These einer Selbstentzündung von Jalloh. Man werde auch künftig nicht schweigen über den Polizei- und Justizskandal um den Tod Jallohs, erklärten die Teilnehmer. Nicht zugelassen werde, dass eine juristische und politische Aufarbeitung ausbleibt. "Wir fordern unabhängige Ermittlungen und einen Untersuchungsausschuss im Landtag", erklärte das Bündnis am Samstag.

Das ARD-Magazin "Monitor" hatte wenige Tage zuvor berichtet, dass mehrere Sachverständige einen Tod durch Fremdeinwirkung für wahrscheinlicher hielten als die lange verfolgte These der Selbstanzündung. (ba/dpa/epd)

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