Plakatkampagne

Verein gegen Sanktionen plante die "Happy Hartz IV"-Kampagne

Zum Nikolaus bringt eine Werbe-Kampagne provozierend Hartz IV ins Gespräch. Nun ist klar: Es ist eine Aktion gegen Hartz-IV-Sanktionen.

„Happy Hartz IV"? Ein angeblich verfrüht geklebtes Plakat soll Vorbote einer großen Kampagne sein. Die Bundesagentur für Arbeit distanziert sich davon.

„Happy Hartz IV"? Ein angeblich verfrüht geklebtes Plakat soll Vorbote einer großen Kampagne sein. Die Bundesagentur für Arbeit distanziert sich davon.

Foto: FMG

Berlin.  Glückliche Hartz-IV-Empfänger auf Plakaten, schöne "Happy Hartz"-Stories gesucht? In Berlin hängt ein Plakat, das das Arbeitslosengeld II in ein positives Licht rückt und Teil einer Kampagne ist. Angeblich sind dazu bundesweit Plakate geplant. So heißt es zumindest von einer Agentur, zu der eine Spur führt.

Das Motiv hängt in Berlin am U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz. Eine junge Frau lächelt dort zu dem Satz: "Alleinerziehend und studieren? Easy mit Hartz IV!" Eine Twitternutzerin hatte das Foto am Donnerstag gepostet: "Ähm, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll." Am Freitag hat sie den Tweet jedoch wieder gelöscht und erklärte: "Liebe Menschen, Tweet mit Hartz-IV-Plakat ist gelöscht – das Plakat ist eine Aktion von irgendjemandem. Soll nicht der Eindruck entstehen, das sei "echte" Werbung."

Bundesagentur rät von Kontaktaufnahme ab

Eine Adresse auf dem Plakat führt auf die Seite mein-jobcenter.com. Da werden Nutzer aufgefordert, ihre "Happy Hartz Story" zu schicken. Bevor der Tweet gelöscht wurde, hatte die Kampagne bereits auf Twitter erste Kreise gezogen und war vielfach retweetet worden. Zum Teil hatte es auch bereits Empörung gegeben, wie Hartz IV so dargestellt werden könne. Viele Twitterer vermuteten aber ein Fake.

Die Agentur für Arbeit und die Jobcenter haben damit nichts zu tun, heißt es aus der Pressestelle der Bundesagentur. "Wir können unseren Kunden nur dringend abraten, mit Anliegen Kontakt aufzunehmen. Dahinter steckt kein Jobcenter." In der Bundesagentur werde geprüft, wie damit umgegangen wird. "Wir warten jetzt auch, was am 5. passiert."

Seite wurde anonym registriert

Die Seite selbst gibt keinen Aufschluss, wer dahinter steckt: Kein Impressum, registriert wurde sie über einen anonymen Dienstleister. Das erinnert an Aktionen der Aktionskünstler des "Peng"-Kollektivs, die auch schon einen Internet-Auftritt eines CDU-Ortsverbands erfunden hatten, oder des "Zentrums für politische Schönheit". Von "Peng" hieß es, die Aktion könnte Potenzial haben, "aber wir sind es nicht, wir haben mit der Aktion ,Haunted Landlord' gegen Entmieten auch gerade genug zu tun." Das "Zentrum für politische Schönheit" ist gerade mit den Beton-Stelen am Wohnhaus von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke beschäftigt , auch dort heißt es: "Wir stecken nicht dahinter."

Zumindest beteiligt ist aber eine Berliner Agentur: Am Donnerstag wurde auf Facebook eine Seite "Mein Jobcenter" angelegt, die im Impressum die Agentur Parnass für Personality PR und Krisenkommunikation angab. Das wurde nach einem Anruf unserer Redaktion wieder geändert.

Hartz IV mit Schokolade verglichen

Das Telefonat führte aber etwas weiter: "Ja, wir sind beteiligt", sagt eine Mitarbeiterin. Sie könne aber noch nicht mehr dazu sagen. Der Dienstleister habe das Plakat am Rosa-Luxemburg-Platz zu früh geklebt, kommende Woche werde dann im großen Stil plakatiert. "Wir freuen uns, dass die Aktion so schnell Aufmerksamkeit bekommen, aber wir sind noch nicht fertig. Das war eine Panne." Eine Sprecherin des Plakatdienstleisters Wall erklärt, aus technischen Gründen sei das Plakat tatsächlich vor dem eigentlichen Termin geklebt worden – aber in Abstimmung mit dem Kunden. Wer das ist und welchen Umfang die Kampagne hat – keine Aussage.

Auch in der PR-Agentur mauert die Mitarbeiterin bei weiteren Fragen. Nur ein Satz kommt, bei dem dann wieder Zweifel angebracht sind, ob sie ihn ernst meint: "Betrachten Sie Hartz-IV mal wie den Nikolaussack: Alle haben Angst vor der Rute, aber in Wahrheit bekommt man Schokolade."

Vermögensberatung steckt hinter mein-jobcenter.de

Agenturinhaberin Claudia Cornelsen ist auf ihrer persönlichen Homepage im Business Outfit zu sehen, schreibt, sie gelte als Pionierin der Personality PR und habe "so mancher Führungskraft die Türen von Macht und Verantwortung" geöffnet. Sie hat allerdings auch nach eigenen Angaben als taz-Redakteurin gearbeitet und als Moderatorin schon Diskussionen zum Bedingungslosen Grundeinkommen moderiert. In ihrem Twitteraccount finden sich Tweets zu feministischen Themen, aber keine zur Aktion.

Es ist auch nicht völlig ausgeschlossen, dass auch ein kommerzielles Produkt dahinter steckt: Es gibt bereits eine Adresse mein-jobcenter.de, die weiterleitet zu allfinanzbayern.de, einem Büro der Allfinanz Deutsche Vermögensberatung. Das fiel auch Twitternutzern auf, die es zynisch fanden, wenn von der Adresse mein-jobcenter.de zum Angebot "Vermögensaufbau für alle" weitergeleitet wird. Der Geschäftsstellenleiter findet das nicht: Die Seite habe man sich gesichert, weil man auch Chancen und Jobs zu vergeben habe. Mit mein-jobcenter.com habe man nichts zu tun.

Update, 5. Dezember: Unter dem Twitteraccount @Mein_Jobcenter wurde auch ein Video veröffentlicht, in dem die auf dem Plakat zu sehende angeblich allerziehende Studentin strahlend von Hartz IV schwärmt.

Update, 6. Dezember: Die Initiatoren sind an die Öffentlichkeit gegangen. "Die angeblich bundesweite ,Happy-Hartz'-Kampagne ist Fake und wurde nicht von anonymen ,Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik' iniitiert, sondern ist eine Guerilla-Aktion", heißt es in einer Mitteilung. Hinter der Aktion steckt demnach der Verein "Sanktionsfrei" in Berlin.

Man habe die Kampagne frühestens am Freitag selbst als Fake aufdecken wollen. Nach einem Bericht des Deutschlandfunks, wonach eine Initiative für Bedingungsloses Grundeinkommen dahinter stecke, änderte der Verein seine Strategie. Für die Initiatoren dürfte das eine Enttäuschung sein. Der Hashtag "#DuBistEsUnsWert" habe gerade erst seine steile Karierre begonnen. Seit Dienstag hatte es tatsächlich zunehmend Irritiationen über die Kampagne gegeben.

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