Chris Tall ist oben angekommen. An einem windigen Herbsttag sitzt er in der Garderobe des Berliner Quatsch Comedy Clubs, wo er am Abend auftreten wird. Nebenan ist die Umkleide von Michael Mittermeier (51), einem Mann, der seit Jahrzehnten für etablierten Humor steht. Unter so berühmten Kollegen fühlt Tall sich wohl. „Die Comedyszene ist wie eine große Familie. Mit Bülent Ceylan bin ich mittlerweile megagut befreundet“, sagt er. Tall wirkt schon wie ein alter Showhase. Wie konnte es so weit kommen?

Mit gerade einmal 26 Jahren ist er Teil der überschaubaren Witzemacher-Elite – als er im Oktober bei der Verleihung des Deutschen Comedypreises in Köln auftrat, wusste Tall: Er hat es geschafft. Im vergangenen Jahr war er noch als „bester Newcomer“ ausgezeichnet worden. Nun durfte er den feierlichen Abend selbst moderieren. Ausgerechnet Tall – ein unbedarft wirkender Typ, der sein Publikum mit schrillen Scherzen über Minderheiten amüsiert. Für ihn besteht ein Schwarzer im Dunkeln nur aus Augen und Zähnen, er veralbert Schwule, Behinderte und Stotterer. Sein Bühnen-Ich ist ein leicht übergewichtiger, scheinbar ganz normaler Kerl mit Kapuzenpulli und Kappe.

Flache Pointen sind Talls Markenkern

Tatsächlich scheut er nicht vor Entgleisungen zurück. Die harmloseren seiner Witze klingen so: „Sind Rollstuhlfahrer da? Mal kurz aufstehen!“ Oder: „Du heißt Klaus? Das ist in Polen ein Befehl.“ In weniger harmlosen Momenten heizt er seinem Publikum mit bizarren Nazi-Wortspielen ein. Der Hamburger, der bürgerlich Christopher Nast heißt, hat flache Pointen zu seinem Markenkern gemacht. Die trägt er mit der Lautstärke und Penetranz eines übereifrigen Klassenclowns vor. Mit dieser Masche hat er Erfolg: RTL vertraut ihm eine eigene Showreihe an.

Der Komiker Chris Tall war der Gastgeber bei der Gala zum „Deutschen Comedy Preis 2017“.
Der Komiker Chris Tall war der Gastgeber bei der Gala zum „Deutschen Comedy Preis 2017“.© dpa | Guido Kirchner

In diesen Tagen werden die ersten zwei Ausgaben von „Chris! Boom! Bang!“ aufgezeichnet, die kommendes Jahr ausgestrahlt werden sollen. Zu seinen Auftritten strömen Tausende Menschen in ausverkaufte Mehrzweckhallen. „Ich habe einfach den Drang, auf der Bühne zu sein, und stehe auch gerne im Mittelpunkt“, sagt Tall in seiner Garderobe. Dafür ist er bereit, zu provozieren. Als seine Karriere in Fahrt kam, zog er nach Köln, in die Comedy-Hauptstadt. Er habe damals nur für den Job gelebt, erzählt er. „Es ging immer nur um Comedy. Jeden Abend bin ich irgendwo aufgetreten. Ich hatte diesen einen großen Traum: eines Tages in einer Arena auftreten.“

Witze über Schwarze, Schwule oder Behinderte

Nach zweieinhalb Jahren in Köln lebt er mittlerweile wieder in Hamburg. „Ich hatte das Bedürfnis, meine Familie wieder mehr um mich zu haben.“ In seinen Programmen witzelt er über die Schule, seine „Mum“ und seinen „Daddy“, aber auf Nachfragen, wie er aufgewachsen ist, reagiert er abweisend. Dazu wolle er nichts sagen, das sei ihm zu privat.

Ein Wendepunkt seiner Karriere war vor zwei Jahren ein Auftritt in Stefan Raabs „TV total“. Zum ersten Mal fiel einem größeren Publikum auf, was dieser junge Kerl da ausprobierte: Scherze über Randgruppen verbunden mit dem Hinweis, dass er gegen Fremdenfeindlichkeit sei. Niemand sei weniger wert als ein anderer, sagt Tall, der seine Texte zusammen mit dem Gag-Autor Sascha Korf (49) schreibt. Seine Logik: Wer alle Menschen gleich behandeln wolle, müsse auch Witze über Schwarze, Schwule oder Behinderte machen. Wer darüber nicht lachen könne, habe eben keinen Humor.

Welt aus Überzeugung gerechter machen

In Deutschland herrsche eine übertriebene politische Korrektheit. „Ich bin ganz klar gegen Rassismus und Ausgrenzung“, stellt Tall klar. „Indem ich das thematisiere, trete ich für eine gute Sache ein.“ Seit dem Raab-Auftritt hat er die Suggestivfrage „Darf er das?“ zu seinem zentralen Thema gemacht. Den Satz findet er so gut, dass er ihn auf Tassen, T-Shirts und anderen Merchandisingkram drucken lässt. „Mein Motto ist: Ich mache nur Witze über Menschen, die kontern können.“

Während er das auf dem Sofa in seiner Garderobe sagt, sitzt in der Ecke eine PR-Frau und ist jederzeit bereit, ins Gespräch einzugreifen. Tall weiß, dass er sich angreifbar macht, und bemüht sich, einen theoretischen Überbau für seine Programme zu präsentieren. Wer mit ihm spricht und seine Auftritte verfolgt, bekommt den Eindruck, dass da einer auf eine Marktlücke schielt. Seine Fans nehmen ihm ab, dass er die Welt aus Überzeugung gerechter machen will. Dabei gibt er zu, dass er sich nicht besonders für Politik interessiert. „Ich fühle mich noch nicht als erwachsener Mann, sondern eher als Bubi.“