Opiate

Amerikas Drogen-Krise: Wenn der Arzt den Tod verschreibt

US-Präsident Donald Trump hat angesichts einer gravierenden Heroin- und Opioidkrise in den USA einen Gesundheitsnotstand ausgerufen.

Täglich müssen Rettungssanitäter überall in den USA versuchen, Menschen zu retten, die eine Überdosis Opiat-Schmerzmittel genommen haben.

Täglich müssen Rettungssanitäter überall in den USA versuchen, Menschen zu retten, die eine Überdosis Opiat-Schmerzmittel genommen haben.

Foto: BRIAN SNYDER / REUTERS

Washington.  Mike O’Connell aus Louisville weiß, wie es ist, wenn das „heimtückische Monster“ zuschlägt. Der Bezirksstaatsanwalt aus der Heimatstadt von Box-Legende Muhammad Ali im US-Bundesstaat Kentucky verlor durch Opiat-haltige Schmerzmittel und Heroin seinen Sohn Matt. 2016 sind mehr als 60.000 Amerikaner der „neuen Seuche“ zum Opfer gefallen. Mehr als durch Schusswaffen oder Autounfälle. Mehr als in den Kriegen in Vietnam, Irak und Afghanistan zusammen.

Schon bevor Präsident Donald Trump am Donnerstagabend deshalb den „nationalen Notstand“ samt Gegenmaßnahmen ausrief, hat O’Connell mit Bürgermeister Greg Fisher bereits die Notbremse gezogen.

Pharma-Vertreiber auf 150 Millionen Dollar Schadenersatz verklagt

Drei der landesweit größten Pharma-Vertreiber, die Drogerie- und Apothekenketten wie CVS mit stark süchtig machenden Schmerzlösern wie Oxycontin beliefern, wurden auf über 150 Millionen Dollar Schadensersatz verklagt. „Wir haben ein ganze Generation an diese Opiate verloren“, sagt der Demokrat Fisher, „es wird Zeit, dass die Verursacher den Schaden begleichen.“ Ob es zum Prozess kommt? Offen.

Weil immer mehr Städte, Landkreise und Bundesstaaten gegen fahrlässig verschreibende Ärzte, skrupellose Arzneimittelhersteller und Vertreiber vorgehen, zeichnet sich laut US-Medien ein Szenario wie Ende der 90er Jahre ab, als es „Big Tobacco“ an den Kragen ging.

142 Tote pro Tag durch Opiat-Schmerzmittel und Heroin

Die Zigaretten-Multis waren, was die gesundheitsschädlichen Wirkungen angeht, jahrelang nur nach einer Taktik verfahren: Leugnen-Verharmlosen-Ablenken. Der Betrug kostete sie fast 300 Milliarden Dollar. „Eine Wiederholung ist nicht ausgeschlossen“, sagen Mediziner im US-Fernsehen, „nur diesmal ist alles noch perfider.“ Jeden Tag sterben statistisch gesehen 142 Amerikaner an den Folgen einer hausgemachten Tragödie, die ganze Gemeinden zerstört und Tausende Familien zerreißt.

Die Vorgeschichte: Über Jahre verschrieben Ärzte auch bei Allerweltserkrankungen frei erhältliche „Painkiller“ mit Opiaten. Hammer-Schmerzmittel mit hohem Suchtpotential. Hersteller wie Purdue aus Connecticut nahmen damit Milliarden ein. Als die Todeszahlen durch falsche Dosierung explodierten, schränkte der Gesetzgeber die Vergabe ein. Mit dem Resultat, dass die abhängig gewordenen Patienten Ersatz suchten. Die aus Latein-Amerika operierenden Drogen-Kartelle lieferte ihn zum Spottpreis: Heroin.

Konsequenz: Millionen von Menschen, die einst wegen einer Knie-Athrose oder eines Bandscheibenschadens Schmerzmittel einnahmen, aber weit davon entfernt waren, in die Drogenszene abzugleiten, hängen heute an der Nadel.

Zahl der Überdosierungen und Todesopfer steigt immer rasanter

Weil Präventionsangebote und Therapieplätze in Amerika Mangelware sind, stieg die Zahl der Überdosierungen und Todesopfer immer rasanter. Zumal Dealer mit Fentanyl und Carfentanyl (letzteres ein Betäubungsmittel für Elefanten) noch vielfach stärkere Mittel in Umlauf brachten. Dramatische Konsequenz: Zum ersten Mal seit 24 Jahren ist die Lebenserwartung in den USA gesunken und Medikamentenmissbrauch/Heroin/Fentanyl etc. die häufigste Todesursache für Menschen im Alter unter 50 Jahre geworden.

„Das ist eine Epidemie nationalen Ausmaßes“, sagt die Gesundheits-Dezernentin von Baltimore, Dr. Leana Wen, „und wir haben keine Ahnung, wann der Höhepunkt erreicht ist.“ Dabei musste die Firma Purdue, die das Medikament Oxycontin 1995 auf den Markt brachte, bereits 2007 rund 600 Millionen Dollar Strafe zahlen, weil es die Nebenwirkungen verharmlost hatte.

28 Überdosierungen an einem Tag – bei 50.000 Einwohnern

60.000 Tote in 2016 bedeuten laut staatlicher Gesundheitsbehörde CDC eine Beinahe-Verfünffachung in nicht einmal acht Jahren – und einer Todesrate von mehr als 20 auf 100.000 Einwohner. In Deutschland sterben pro Jahr statistisch etwa 1,5 Menschen je 100.000 Einwohner an Drogen.

Ein Verhältnis, von dem Steve Williams nur träumen kann. Er ist Bürgermeister von Huntington. Das 50.000 Einwohner-Städtchen liegt in den sozial erschütternd schwachen Kohlrevieren von West Virginia. Seit Huntington an einem einzigen Sommertag 28 Überdosierungen verzeichnete, gilt das Nest landesweit als „Ground Zero“ der Opioid-Krise.

Babys kommen mit Entzugserscheinungen auf die Welt

Williams, früher Investmentbanker, berichtet von Hunderten Babys, die mit Entzugserscheinungen auf die Welt kommen, weil ihre Mütter von Heroin abhängig sind. Wobei 80 Prozent der Süchtigen mit Schmerzlösern angefangen haben. Im Landkreis Cabell County, zu dem Huntington gehört, gingen binnen fünf Jahren fast 50 Millionen Dosen Opioide über die Ladentheke.

Inzwischen haben Polizei-Reviere und Rettungswagen Vorräte mit Narcan (Naloxon) angelegt, ein Gegenmittel, das den lebensbedrohlichen Rausch unterbricht. „Aber das reicht nicht. Wir brauchen umfassende Hilfen, mehr Prävention, ärztliche Beratung – und das sehr schnell“, sagt der Bürgermeister.

Die Hoffnungen ruhen auf Donald Trump. Der Präsident hatte bereits Anfang August den „nationalen Notstand“ angekündigt und versprochen alles zu tun, um der „Epidemie“ Einhalt zu gebieten. Geschehen ist seither nur das: knapp 10.000 Tote zusätzlich. Städte wie Huntington sind verzweifelt.

Am Donnerstagabend sagte Trump, es handele sich um die schlimmste Drogenkrise in der Geschichte der USA. Zusätzliches Geld wird die Regierung mit der Verhängung des Gesundheitsnotstands allerdings nicht zur Verfügung stellen. Stattdessen sollen Mittel aus bestehenden Töpfen umverteilt werden.

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