Weil sie ohne Gefahr für Leib und Leben die wirklich dramatischen Szenen nie zeigen können, behelfen sich Fernseh-Reporter in Amerika bei Wirbelstürmen bevorzugt mit Randerscheinungen: um 90 Grad gebogene Palmen, von Böen umgelegte Verkehrsschilder, abgerissene Fassadenstücke, menschenleere Häuserschluchten. Als Hurrikan Irma am Sonntag mit Windgeschwindigkeiten über 200 Stundenkilometer den Südzipfel Floridas in den Schwitzkasten nahm, waren die Szenen ähnlich – und doch anders.

In Ölzeug vor wasserverschlierten Kameras aufgebaute Berichterstatter wie Mike Seidel vom „Weather Channel“ drohten von tosenden Winden und steigenden Wassermassen umgerissen zu werden. Dabei hatte „Irma“, verantwortlich bisher für Stromausfälle in über 1,5 Millionen Haushalten, noch gar nicht richtig angefangen.

Gefahrenzone verlagert sich nach Westen

Zwischenbilanz am Sonntagabend: Drei Tote bei Verkehrsunfällen; ein Opfer war Polizist. 1,5 Millionen Menschen ohne Strom (Tendenz steigend). In der Boom-Stadt Miami, die streckenweise unter Wasser steht, knickte Irma einen Baukran um. Seit Sonntagabend galt dort eine Ausgehsperre. Aber es gab neben der allseits beschriebenen Hilfsbereitschaft in der Nass-Zone auch Hoffnungsschimmer. Im Stadtteil „Little Haiti“ gebar ein junge Frau mit telefonischer Hilfe einen Sohn. Der Arzt konnte wegen des Sturms nicht ausrücken.

Laut Meteorologen wird der stärkste Hurrikan in der Region seit über 50 Jahren, der bereits mehrere karibische Inseln von Barbuda bis Kuba teilweise verwüstet und fast 30 Todesopfer gefordert hatte, erst im Laufe der kommenden Tage seine volle Zerstörungskraft entfalten. Ein Vorgeschmack: In der Boom-Stadt Miami knickte der Hurrikan einen Baukran an einem Hochhaus um.

Ein leerer Highway in Miami.
Ein leerer Highway in Miami.© REUTERS | CARLOS BARRIA

Der „Sunshine State Florida“, der über sechs Millionen seiner rund 20 Millionen Einwohner zur Evakuierung aufgerufen hat, rechnet laut Rick Scott mit dem Schlimmsten. Der Gouverneur: „Wer jetzt noch nicht geflohen ist, dem können wir nicht mehr helfen.“ Wenig später meldet der Sender ABC die ersten Toten: Bei sturmbedingten Verkehrsunfällen waren drei Menschen ums Leben gekommen. Hoffnungsschimmer: In Miamis Stadtteil „Little Haiti“ gebar ein junge Frau mit telefonischer Hilfe einen Sohn. Der Arzt konnte wegen des Sturms nicht ausrücken.

Trotz der auch von Präsident Donald Trump unterstützten Aufrufe der Behörden, dem Sturm weiträumig aus dem Weg zu gehen, harrten Hunderte in der Gefahrenzone aus; in dem Glauben, Irma einfach aussitzen zu können. Leute wie John Henderson. Der 67-Jährige hat 1992 „Andrew“ überlebt, den bislang schwersten Hurrikan in Florida, der über 60 Menschenleben forderte.

Gefahrenzone verlagerte sich nach Westen

Auch „Katrina“ 2005 in Louisiana hat dem pensionierten Lkw-Fahrer nicht viel anhaben können, der heute in der Mitte der Florida Keys, in Marathon, lebt. „Ich habe Wasservorräte, Benzin und genug zu essen. Ich bleibe hier“, sagte der weißbärtige Mann. Unterdessen gab Irma den Analysten im „National Hurrikan Zentrum“ neue Denksportaufgaben. Waren noch am Sonnabend die bekannten Touristenspots Miami Beach, Fort Lauderdale und Palm Beach an der Atlantikseite im Zentrum der Besorgnis, so verlagerte sich die Gefahrenzone gestern nach Westen.

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    Nachdem der Sturm über den Keys auf Land getroffen war, nahm er Kurs auf die normalerweise um diese Jahreszeit idyllischen Golfküsten-Orte Fort Myers, Naples, Tampa, St. Petersburg und Clearwater. In Tampa erwartete Bürgermeister Bob Buckhorn Sturmwellen bis zu vier Meter Höhe. Bis zum Sonntagabend haben sich 120.000 Floridianer in den 450 zur Verfügung stehenden Notunterkünften einquartiert. Händeringend gesucht wurden Krankenschwestern und Betreuer für alleinstehende alte und kranke Menschen, die in der schwülen Hitze mit den Umständen ganz besonders schlimm zu kämpfen haben.