Film

Wie ein 23-Jähriger mit Downsyndrom zum Schauspielstar wird

Schauspieler Jonas Sippel lebt mit Trisomie 21. Bei „Kommissarin Lucas“ im ZDF hat er einen TV-Auftritt. Er kommt vom Theater.

Carla Franz (Sonja Kirchberger) mit Theo Pröll (Jonas Sippel) in „Kommissarin Lucas“.

Carla Franz (Sonja Kirchberger) mit Theo Pröll (Jonas Sippel) in „Kommissarin Lucas“.

Foto: Barbara Bauriedl / ZDF und Barbara Bauriedl

Berlin.  Wer mit Jonas Sippel spricht, sollte seine Ilias parat haben. Das Gespräch kommt schnell auf die griechische Mythologie. Sie gehört, wie Archäologie und Kampfsport, zu Sippels Leidenschaften. In einer neuen Troja-Verfilmung würde er gern Achilles spielen oder auch den Neoptolemos. Wie hieß der Zweite? „Neoptolemos“, wiederholt Sippel mit der Deutlichkeit, mit der man es den Unwissenden erklärt, „den Sohn von Achilles.“ Ach so, natürlich.

Griechische Helden, Superhelden aus dem Marvel- oder DC-Kosmos – oder auch Schurken: Das sind Traumrollen des 23-jährigen Schauspielers. Für jeden schwer zu bekommen, für ihn aber besonders, denn er hat Trisomie 21, das sogenannte Downsyndrom. Es hagelt nicht gerade Helden-Filmrollen.

Lässig in schwarzem T-Shirt und schwarzer Hose sitzt der 23-Jährige im Büro des Theaters RambaZamba, Berlin, Prenzlauer Berg. Seine berufliche Heimat. Manchmal verlässt er sie, um einen Film zu drehen. Und sie lassen ihn. „Dafür bin ich unendlich dankbar“, sagt er.

Das ZDF bringt den jungen Schauspieler groß raus

Am Samstag ist er in einer großen Rolle in der Krimireihe „Kommissarin Lucas“ zu sehen (ZDF, 20.15 Uhr). Er spielt den jungen Theo, der unter Mordverdacht gerät – eine Frau, die Gast im Motel seines Bruders war, wurde getötet. Über den Film will Sippel nicht viel verraten, „ich will nicht die Illusion brechen für die Zuschauer“.

Aber von den Dreharbeiten, zu denen seine Mutter ihn begleitet hat, erzählt er. Davon, wie die Szenen viel öfter wiederholt werden als im Theater, wegen der verschiedenen Perspektiven. Und wie alles funktionieren muss, bevor es mit dem Drehen endlich losgehen kann – Ton, Licht und so weiter. Hat er das als anstrengend empfunden? „Es war auch mal anstrengend, aber ich hab immer positiv gedacht, da ging auch der Text durch wie Butter“, sagt er. Er habe viel geübt, mehr als am Theater.

Dem Intendanten ist der Schauspieler gleich aufgefallen

Dieses Geständnis ficht den RambaZamba-Intendanten Jacob Höhne, der bei dem Gespräch dabei ist, nicht an – er schwärmt so oder so von Sippels Einsatz und Disziplin. Zwei Praktika brachten den Jungen an diese Bühne, 2009 war das erste. „Er ist sofort aufgefallen“, sagt der Intendant, dessen Mutter Gisela Höhne das Theater vor 26 Jahren gegründet hat. Als Ort, an dem Menschen mit Downsyndrom – wie ihr älterer Sohn Moritz – in ihren eigenen künstlerischen Fähigkeiten gesehen werden.

Als Jonas Sippel die Chance bekam, Teil des Ensembles zu werden, brach er dafür sogar die Schule ab. Er hatte sich für die Schauspielerei entschieden. Und er hat große Ziele: „Ich will ein wohlhabender Schauspieler werden. Ja, ich will versuchen, in die richtige Prominenz einzusteigen“, sagt er. Jacob Höhne, von dem Sippel sagt, er sei ein „klasse Typ“, fügt vorsichtig hinzu: „Was sich in diesem Wort ‚wohlhabend‘ verbirgt, ist, glaub ich, nicht das, was wir darunter verstehen. Es geht ihm um die Anerkennung. Und dafür arbeitet er total hart.“

Bei „Kommissarin Lucas“ geht es auch um schwierige Themen

Sippels Liebe zu seinem Beruf ist sowieso unmissverständlich. Angefangen habe es in der Grundschule, im Religionsunterricht. „Da durfte ich König Salomon spielen und auch einen Peitschenantreiber aus dem Exodus, das hat mir vollkommen gefallen“, sagt er. Zur Arbeit beim RambaZamba-Theater pendelte er jahrelang von seinem Elternhaus im brandenburgischen Rangsdorf. Eineinhalb Stunden pro Weg. Inzwischen ist sein Hauptwohnsitz eine teilbetreute WG in Berlin.

Das Thema „Trisomie 21“ wird bei „Kommissarin Lucas“ am Samstagabend auch behandelt - und zwar ziemlich schonungslos. Sippels Film-Schwägerin ist schwanger, die Ärztin rät ihr zu einem so genannten Nackenfaltentest, um zu sehen, ob das Baby das Downsyndrom haben könnte. Wie ging es Jonas Sippel damit? „Ich war gewarnt, weil vorher ein anderes Stück hier war, da ging es auch um Abtreibung oder nicht Abtreibung“, sagt er. Er spricht vom RambaZamba-Stück „Am liebsten zu dritt“, einer Revue, in dem eine wilde Bande Geiselnehmer fordert, „dass das Morden der Babys mit Trisomie 21 ein Ende hat“.

Die Auseinandersetzung kannte Sippel also. Schwieriger fand er das Filmthema, ob jemand sein Trisomie-Kind in ein Heim gibt oder nicht. „Das konnte ich nicht so richtig händeln, ganz ehrlich“, sagt er. „Aber ich habe es trotzdem gespielt. Ich hab es mir nicht anmerken lassen im Film.“ Er sei schließlich Profi.

Von Anfang gab es Hauptrollen für ihn. Den Clov aus Samuel Becketts „Endspiel“ etwa hat er gespielt, „zwei Stunden original Beckett-Text!“, betont Höhne. Der bereits erwähnte Neoptolemos in „Philoktet“ gehörte dazu – dabei korrigierte der Schauspieler den Regisseur in Fragen der griechischen Mythologie immer wieder gern.

Nächster Halt: Schillers Räuber

Als Nächstes gibt der 23-Jährige den Karl Moor in Schillers „Die Räuber“. Kein antiker Stoff – „Da musste ich mich schon erst mal schlaumachen“, räumt er ein. Sein Fazit zu Karl Moor: „Mir gefällt er.“ Am 28. September ist Premiere, Spielzeiteröffnung. Mitmachen werden auch wieder Berliner Schauspielstars ohne Downsyndrom, etwa Almut Zilcher vom Deutschen Theater. Der künstlerische Anspruch ist hoch. An alle.

Es läuft gut für Jonas Sippel. Ganz zufrieden ist er aber nicht: „Mich ärgert es, dass in Actionfilmen keine Leute mit Trisomie 21 Bösewichter spielen können oder auch Helden, weil sie in den Augen der normalen Leute nicht so gut sind“, sagt er. „Es ist aber wichtig, dass Leute mit Trisomie 21 auch dahin gehören.“

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