Tierfreund

Das Geheimnis der Biber-Staudämme

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Dr. Mario Ludwig
Ein europäischer Biber mit frischen Weidenzweigen

Ein europäischer Biber mit frischen Weidenzweigen

Foto: dpa Picture-Alliance / S. Gerth / picture alliance / blickwinkel/S

Dr. Mario Ludwig über die Baukünste des fleißigen Nagers und warum der Biber das einzige Tier ist, das sich seinen Lebensraum selbst gestalten kann

Berühmt gemacht haben den fleißigen Biber seine Burgen. Aufwendig konstruierte Wohnbauten, meist mitten in einem See gelegen, die über drei Meter hoch und über zehn Meter breit sein können. Zum Bau häufen Biber auf dem Grund des Sees zunächst einmal so lange Stämme, Zweige, Steine und Schlamm an, bis die künstliche Insel ein bis zwei Meter über den Wasserspiegel hinausragt. Im Inneren der Burg legt der Biber einen sogenannten Wohnkessel an. Hier ruht sich das nachtaktive Tier, gut geschützt durch oft meterdicke Wände, tagsüber von den Strapazen der Arbeit aus und hier bringt auch das Weibchen seine Jungen zur Welt.

Die Wohnkammer befindet sich immer über der Wasserlinie, während ihre Zugänge immer deutlich unter der Wasseroberfläche liegen. So wird verhindert, dass Fressfeinde in die Burg eindringen können.

Gefährlich wird es für den Biber, wenn der Wasserpegel sinkt. Dann kann es passieren, dass sich auf einmal die Eingänge oberhalb der Wasseroberfläche befinden. In diesem Fall beginnen Biber sofort damit, ihre berühmten Dammbauten anzulegen. Nur durch Aufstauen ihres Gewässers schaffen sie es nämlich, dass die Eingänge zu ihrer Burg wieder da hinkommen, wo sie sein sollten – mindestens 60 Zentimeter unter der Wasseroberfläche.

Je dicker der Stamm, desto kürzer die Stücke

Um einen Staudamm zu errichten, ist zunächst einmal Bäume fällen angesagt. Kein Problem für den Biber. Dafür sorgen seine vier langen, messerscharfen Nagezähne. Anschließend zerlegt der Biber die Bäume in handliche Stücke und transportiert sie nach und nach schwimmend zur geplanten Dammbaustelle. Dabei gilt: Je dicker der Stamm ist, desto kürzere Stücke werden produziert. Schließlich will sich auch der fleißigste Biber körperlich nicht übernehmen. An Ort und Stelle werden die Holzstücke senkrecht in den Boden gerammt und mit Steinen verankert. Das so entstandene Grundgerüst wird mit Schlamm bzw. kleineren Ästen, Wasserpflanzen und Blättern abgedichtet.

Allerdings errichten Biber ihre Staudämme auch noch aus einem weiteren Grund: aus Bequemlichkeit. Die schlauen Tiere haben nämlich herausgefunden, dass sie durch Aufstauen eines Fließgewässers einen See errichten können, dessen Ufer dann an die von ihnen so heiß geliebten Bäume heranreicht. Und auf dem Wasserweg lassen sich Nahrung und Baumaterial für das „Wassertier“ Biber leichter transportieren als auf dem beschwerlichen Landweg. Damit ist der Biber das einzige Tier, das sich seinen Lebensraum selbst gestalten kann. Das schafft sonst nur noch der Mensch.

Gigantisches Bauwerk

In Mitteleuropa sind die meisten Biberdämme weniger als 30 Meter breit und etwa einen Meter hoch. Beim kanadischen Vetter des Europäischen Bibers sieht das anders aus. Der baut oft wahre Monsterdämme von mehreren hundert Metern Länge und mehreren Metern Höhe. Manche dieser Riesendämme sind so breit, bzw. auch so stabil, dass ein Mensch problemlos darauf gehen oder sogar reiten kann.

Den wahrscheinlich größten Biberdamm der Welt hat 2007 der kanadische Umweltforscher Jean Thie im Wood-Buffalo-Nationalpark in Alberta in Nordwestkanada entdeckt. Der Wissenschaftler war zufällig beim Betrachten von Satellitenbildern auf das rund 850 Meter lange Bauwerk gestoßen. Nach Untersuchungen von Thie existiert der Damm bereits seit Mitte der 1970er-Jahre, was wiederum bedeutet, dass am Bau des Riesendamms gleich mehrere Bibergenerationen beteiligt gewesen sein mussten.

Da der Damm in einem unzugänglichen Sumpfgebiet liegt, kann er nur per Helikopter erreicht werden. Computerbesitzer brauchen dennoch nicht auf eine Besichtigung zu verzichten: Einfach bei „Google Earth“ die Koordinaten 58°16’15.27“ N und 112°15’07.10“ eingeben – und schon kann man das gewaltige Biberbauwerk zumindest aus der Vogelperspektive etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.

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