Erstmals ist eine Massentierhaltung von der aktuellen Vogelgrippe-Epidemie betroffen. Die hochansteckende H5N8-Variante wurde in einem Zuchtbetrieb für Bruteier im Norden Schleswig-Holsteins nachgewiesen. Alle 30.000 Tiere des Hofes im kleinen Ort Grumby sollten von Sonntag an getötet werden. Die Hühner werden in ein unter Strom gesetztes Wasserbad gegeben. Zuletzt hatte der Betrieb offenbar am vergangenen Montag Eier nach Dänemark geliefert.
Angesichts der Ausbreitung der Vogelgrippe hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) den Zentralen Krisenstab Tierseuchen einberufen. „Aufgrund der aktuellen Entwicklungen bedarf es schneller, effizienter Koordination und Entscheidungen“, erklärte er. Sein Kieler Kollege, Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sprach gar von einer neuen Stufe der Geflügelpest. „Die Situation ist sehr besorgniserregend.“ Das Bundesumweltministerium verordnete in einem ersten Beschluss die Stallpflicht von Geflügel in besonders gefährdeten Gebieten. „Das sind insbesondere Feuchtgebiete, Rastgebiete von Zug- und Wildvögeln, aber auch Gebiete mit einer hohen regionalen Dichte von Geflügelbetrieben“, hieß es in einer Mitteilung. Dem Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) wäre eine bundesweite Stallpflicht für Geflügel am liebsten. „Wir müssen schneller sein, als sich das Virus ausbreitet“, hatte ZDG-Vizepräsident Friedrich Otto Ripke erklärt. Auch Robert Habeck forderte mehr Einsatz: „Wir schätzen die Lage in Schleswig-Holstein dramatischer und gefährlicher ein als vielleicht einige andere Kollegen – inklusive des Bundeslandwirtschaftsministers.“ Deshalb sollen die Vorkehrungen im nördlichsten Bundesland noch verschärft werden. Zugvögel machen gerade den Nordosten Deutschlands zu einem Risikogebiet für alles Federvieh.
Das Virus verbreitet sich vor allem durch den Kot von bereits infizierten Tieren. Über verseuchtes Trinkwasser oder auch kontaminierte Einstreu kann die Infektion in den Stall gelangen. Ebenso können Menschen die Infektion in den Stall tragen – beispielsweise an Schuhsohlen, durch verunreinigte Fahrzeuge, Geräte oder Verpackungsmaterial.
Wie der Erreger in den abgeschotteten Massenbetrieb in Grumby kam, ist noch unklar. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) schickt ein Expertenteam in den Betrieb, das alle theoretisch möglichen Übertragungswege untersuchen wird. Die Epidemiologen schauen dabei, ob alle Biosicherheitsmaßnahmen eingehalten wurden und ob der Betrieb tatsächlich vor Wildvögeln abgeschottet war. „Wir können nach wie vor nur hoffen, dass dies ein Einzelfall ist“, sagte Umweltminister Habeck. Die ersten Ausbrüche bei Hausgeflügel waren am Freitag bei zwei weitaus kleineren Höfen in der Nähe von Lübeck sowie in Mecklenburg-Vorpommern gemeldet worden.
Seit Sonntag gibt es auch in Sachsen einen ersten Vogelgrippe-Fall. Eine am Freitag am Cospudener See bei Leipzig gefundene Wildente habe den H5-Virus, sagte ein Stadtsprecher. Das hätten erste Untersuchungen ergeben. Ob es sich dabei jedoch um den aggressiven Typ H5N8 handle, sei noch unklar.
Europaweit gab es in sieben Ländern Fälle von Vogelgrippe
Erstmals war die H5N8-Variante der aktuellen Epidemie in Deutschland am 8. November bei verendeten Wasservögeln in Schleswig-Holstein nachgewiesen worden. Verendete Wildvögel wurden seither auch in Baden-Württemberg, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern gefunden. Die Behörden reagierten mit einer massiven Ausweitung der Stallpflicht-Zonen vor allem in der Nähe von Seen und Flüssen.
Für Menschen ist das Virus vermutlich ungefährlich. Weltweit hat es laut FLI noch keinen Fall einer Infektion gegeben. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält eine Übertragung von Tieren auf den Menschen „theoretisch für denkbar, aber unwahrscheinlich“. Auch Erkrankungen von Hunden wurden bislang nicht bekannt.

