Wirbelsturm

Hurrikan „Matthew“ versetzt Südosten der USA in Angst

Der schwere Wirbelsturm „Matthew“ hat Teile Haitis fast komplett zerstört, nun ist er auf dem Weg in Richtung USA. Die Sorge ist groß.

Eine umgestürzte Palme hat in Fort Pierce, Florida, ein Auto getroffen. Besitzerin Laura Molls begutachtet den Schaden.

Eine umgestürzte Palme hat in Fort Pierce, Florida, ein Auto getroffen. Besitzerin Laura Molls begutachtet den Schaden.

Foto: Cristobal Herrera / dpa

Washington.  „Unser Dach ist gerade weggeflogen. Verdammt, wären wir doch besser rechtzeitig gegangen.“ Der panisch klingende Anrufer aus Merrit Island, unterhalb des Nasa-Weltraumbahnhofs in Cape Canaveral gelegen, war gestern der personifizierte Alptraum der Katastrophenschützer in Florida.

Trotz generalstabsmäßiger Warnung von US-Präsident Barack Obama bis Gouverneur Rick Scott ignorierten Tausende Anwohner im Südosten der Vereinigten Staaten die für insgesamt drei Millionen Menschen geltende Evakuierungs-Aufforderung. Sie versuchten Hurrikan „Matthew“, der mit Windgeschwindigkeiten bis zu 200 Stundenkilometer gegen die Küste peitschte, auszusitzen. Und das, obwohl der Wirbelsturm zuvor auf der Karibikinsel Haiti fast 500 Menschenleben gefordert hatte.

„Land unter“ binnen Sekunden

„Das ist wirklich sträflich leichtsinnig“, wandte sich Lenny Curry mit flehendem Ton im Nachrichten-Sender CNN an die Bürger, „bitte nehmen Sie ihre Familie und fahren Sie ins Inland.“ Der Bürgermeister von Jacksonville im Nordosten Floridas muss damit rechnen, dass der Mega-Sturm auf seinem bisher vorhergesagten Weg entlang der Küste bis zu fünf Meter hohe Wasserwände flussaufwärts in den St. Johns River von Jacksonville peitschen wird. „Binnen Minuten heißt das hier ‚Land unter‘“, sagt Ed Rappaport vom Nationalen Hurrikan-Center (NHC) in Miami, „dann muss mit Toten gerechnet werden.“

Während der Süden, vor allem die Inselkette der Florida Keys, weitgehend von „Matthew“ verschont blieb, richteten sich Nationalgarde, Krankenhäuser und Katastrophenhelfer fest darauf ein, dass der „tropische Terrorist“ bis zum Sonntag an der gesamten 1000 Kilometer langen Ost-Küste Floridas wie auch in Georgia und South Carolina zuschlagen wird. „Das Ausmaß dieser Naturkatastrophe wird erst in den nächsten Tagen feststellbar sein“, erklärte Gouverneur Scott.

Für Monate unbewohnbar

Darum lösten Berichte des Pseudo-Nachrichten-Portals „Drudge Report“ einhellige Empörung aus. Danach hat die Obama-Regierung die Gefahr des Hurrikans maßlos übertrieben, um ihre umstrittene Klimaschutzpolitik zu propagieren.

Die wahrscheinlichen Schäden des Sturms könnten Teile Zentral-Floridas „für Wochen oder sogar Monate unbewohnbar“ machen, erklärte der Katastrophenschutz „Fema“. „Für die Irreführung müsste man Drudge verklagen“, sagten Experten des Nationalen Klimabehörde NOAA, „Matthew ist extrem lebensgefährlich.“

Vor allem Trailerparks gefährdet

Wie gefährlich genau, das versuchten Wissenschaftler den ganzen Freitag über bei ihren im Fernsehen übertragenen Aufklärungsflügen zu ermitteln. Mit Spezialflugzeugen flogen sie durch den Hurrikan, dessen „Auge“ im Durchmesser bis zu 90 Kilometer groß war. Sie warfen kleine Sonden ab, die, gebremst durch winzige Fallschirme, durch die aufgewühlten Luftmassen rasen, dabei Temperatur und Windgeschwindigkeit messen und in Echtzeit an die Bodenstation übermitteln. Zwischenstand: „Matthew“, auf dem Weg von der Karibik von Stufe 4 auf Stufe 3 kategorisiert, lauert weiter kurz vor der Küste. An Land gegangen ist er bisher (Stand: 16:30 Uhr deutscher Zeit) nicht.

Sollte sich sein Kurs ändern, wären vor allem die Trailerparks Floridas, in denen viele sozial schwache Bürger leben, akut gefährdet. Frühere Stürme machten aus den Mobile Homes regelmäßig Kleinholz. So auch 2005. Damals wütete „Katrina“. Epi-Zentrum: New Orleans. Mit 1800 Toten und Sachschäden von über 120 Milliarden Dollar der folgenschwerste Hurrikan der jüngeren Vergangenheit.

Hamsterkäufe in den Supermärkten

Hurrikans werden nach der Saffir-Simpson-Skala in fünf Kategorien eingeteilt. Schon die schwächsten ab etwa 120 Stundenkilometern können Küstenstraßen überfluten und Häuser demolieren. Stürme der Kategorie 5 wie „Katrina“ (ab 250 km/h) bringen Gebäude zum Einsturz.

Die Naturgewalten rund um „Matthew“ hatten das öffentliche Leben im Südosten der USA bereits seit Donnerstag lahmgelegt. 5000 Flüge wurden abgesagt, Vergnügungsparks wie Disneyland sowie Schulen und Universitäten geschlossen. Fast 600.000 Haushalte waren am Freitag vorübergehend ohne Strom. Dutzenden Tankstellen ging das Benzin aus. Supermärkte wurden von Hamsterkäufern geleert.

Totalschaden in Haiti

Auf den Autobahnen gen Norden und Westen kam es zu kilometerlangen Staus. Wer bis Freitagmorgen nicht das Weite gesucht hatte, dem impften Offizielle ein: „Bunkern Sie sich ein. Warten Sie das Sturmende ab.“

Während die USA noch vor „Matthew“ zitterten, analysierte das in den Medien oft vergessene Haiti bereits den Totalschaden. 1,5 Millionen Menschen sind auf der bitterarmen Karibikinsel betroffen, die vor sechs Jahren nach einem schweren Erdbeben 200.000 Tote zu beklagen hatte. 350.000 Menschen benötigen nach Aussagen der Vereinten Nationen dringend sauberes Trinkwasser und Nahrung. Luftaufnahmen zeigten im Südwesten Schneisen der Verwüstung. Haiti steht vor dem Wiederaufbau. Schon wieder.