Tierfreund

Gibt es auch im Tierreich Transvestiten?

Dr. Mario Ludwig über das raffinierte Paarungsverhalten von manchen Fischen und wie die Rohrweihe Revierstreitigkeiten umgeht

Gut getarnt: ein Blauer Sonnenbarsch

Gut getarnt: ein Blauer Sonnenbarsch

Foto: dpa Picture-Alliance / Gary Meszaros / picture alliance / © Bruce Colem

Anders als so genannte Transsexuelle verspüren Transvestiten keinen Drang, ihr Geschlecht zu wechseln, lieben es aber, die Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen. Sprich: sich als Mann bzw. als Frau zu verkleiden. Meist handelt es sich bei Transvestiten um heterosexuelle Männer, die es genießen, ihre weibliche Seite auszuleben. Transvestiten gibt es auch im Tierreich. Und das hat oft einen ernsten Hintergrund.

Ein geradezu klassisches Beispiel finden wir beim Blauen Sonnenbarsch, einem etwa handgroßen Süßwasserfisch, der in Nordamerika zu Hause ist. Bei dieser Fischart treten zwei Typen von Männchen auf. Da wäre zunächst einmal der „väterliche Typ“. Das sind Männchen, die erst mit sieben Jahren geschlechtsreif werden, sich dann ein eigenes Territorium erkämpfen, dort ein Nest bauen und versuchen, möglichst viele Weibchen anzulocken. Dann versuchen sie, diese zum Ablaichen zu bewegen und ihre Eier zu besamen. Die „väterlichen Typen“, die prächtiger gefärbt und auch deutlich größer als die Weibchen sind, sind gute Väter. Sie kümmern sich um die Eier, bis die Jungen nach drei Tagen schlüpfen. Und diesen Nachwuchs verteidigen sie auch aggressiv gegen Räuber aller Art.

Neben den „väterlichen Typen“ gibt es aber auch noch die „Kuckucksmännchen“. Diese Männchen werden schon mit zwei Jahren geschlechtsreif, sehen aber ihr Leben lang wie ein Weibchen aus. So getarnt, können die Kuckucksmännchen den echten Weibchen ins Revier eines „väterlichen Typs“ hinterher schleichen, um dann die Eier dieser Weibchen noch vor dem Platzhirsch zu besamen, da dieser die Konkurrenz nicht als solche erkennt und deshalb nicht attackiert. Mit dieser „Transvestitenstrategie“ sparen die Kuckucksmännchen viel Zeit und Energie. Und der getäuschte Revierinhaber muss auch noch Kinder aufziehen, die nicht seine eigenen sind.

Nur die stärksten Männchen kommen zum Zuge

Noch einen Schritt weiter gehen Riesensepien. Bei diesen rund 60 Zentimeter großen Tintenfischen gibt es sogar ein „aktives Verkleiden“. Und zwar dann, wenn sich die Geschlechtspartner der zehnarmigen Weichtiere zwischen Mai und September vor der Küste der australischen Stadt Whyalla zu Tausenden zur Paarung treffen. Bei diesen Treffen beträgt das Verhältnis Männchen zu Weibchen etwa 4:1, deshalb kommen in der Regel nur die stärksten Männchen zum Zuge und die bewachen ihre Weibchen eifersüchtig. Mickrige Männchen haben da normalerweise keine Chance. Aber Not macht erfinderisch: Sie verkleiden sich als Weibchen. Ein Prozedere, das für die Männchen relativ einfach ist: Zunächst verstecken sie ihren typisch männlichen Begattungsarm. Anschließend ändern sie ihre Färbung von „männlich einfarbig“ in „typisch weiblich gesprenkelt“ und nehmen eine Art „Eiablege-Stellung“ ein. So getarnt, schmuggeln sich die Tintenfisch-Transvestiten an den Bewachern des erwählten Weibchens vorbei, haben kurzen, aber heftigen Sex und verschwinden so unauffällig, wie sie gekommen sind.

Aber das Begehren, ein Weibchen zu erobern und sich fortzupflanzen, ist nicht die einzige Motivation, warum sich Tiermänner verkleiden. Bei Rohrweihen zum Beispiel gibt es deutliche Unterschiede im Federkleid: Die Männchen haben graue Flügel und Schwanzfedern sowie schwarze Flügelspitzen, die Weibchen sind vorwiegend braun gefärbt. Erstaunlicherweise tarnen sich jedoch satte 40 Prozent der Männchen dauerhaft als Weibchen. Das Ganze dient der Aggressionsvermeidung. Die „klassischen“ Männchen greifen bei Revierstreitigkeiten nämlich die als Weibchen getarnten Männchen seltener an, als sie das bei einem „echten“ Männchen tun. Was wiederum den getarnten Männchen die Chance gibt, ein eigenes Territorium in enger Nachbarschaft zu einem „echten“ Männchen zu besetzen, ohne sich dafür kräftezehrend mit dem männlichen Konkurrenten herumschlagen zu müssen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt hier über Phänomene in der Tierwelt.