Autoszene

Wie dreiste Autotuner deutsche Innenstädte terrorisieren

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Jonas Erlenkämper

Foto: Uwe Anspach / dpa

Lärmgeplagte Anwohner, Straßenrennen mit Todesopfern: Viele Städte haben ein Raserproblem. Und der Polizei sind oft die Hände gebunden.

Berlin.  Mit kreischendem Motor brettern die PS-Protzer in ihren Sportwagen an Restaurants und Wohnhäusern vorbei. Die Tassen auf den Cafétischen klappern, Passanten halten sich schützend die Hände vor die Ohren, verziehen erschrocken das Gesicht. Viele dieser getunten Fahrzeuge wummern mit weit über 100 Dezibel immer und immer wieder durch die Straßen und sind damit lauter als ein Presslufthammer. Von Berlin bis Regensburg treiben die Autonarren Spaziergänger zur Weißglut, lärmgeplagte Anwohner empören sich über „diese Krachmacher“.

Lärm ist kein Kavaliersdelikt, von einem erholsamen Schlaf können die Menschen in der Nachbarschaft nur träumen: „Solche Extremgeräusche führen zu Schreckreaktionen und verursachen Aggressivität“, warnt der Berliner Lärmforscher Michael Jäcker-Cüppers. Chronische Lärmbelastung könne gravierende Folgen haben, bis hin zu Herzkrankheiten. Der Kampf gegen die Szenemitglieder ist also ein ernstes Anliegen. In Hamburg nennt die Polizei sie Cruiser, die Berliner Kollegen sagen Profilierungsfahrer, anderswo heißen sie Autoposer: viele Namen für ein deutschlandweites Problem.

Ziel der Tuner: Aufmerksamkeit

Verantwortlich für den Lärm sind Autonarren, die ihre Wagen so umbauen, dass sie besonders laut röhren. Ihre Ziele: Provokation und Aufmerksamkeit. „Es gibt eine kleine Schrauberklientel, die diesen Lärm als Sound­erlebnis empfindet“, klagt Mannheims Polizeichef Dieter Schäfer. Die Indus­triestadt am Neckar hat den PS-Protzern unlängst sehr öffentlichkeitswirksam den Kampf angesagt, will sie durch häufige Kontrollen und Bußgelder disziplinieren.

Lärmbelästigung ist ein schwerwiegendes, aber nicht das einzige Problem – die Protzerei gilt als eine Art Vorstufe zu illegalen Straßenrennen. „Wir sehen ganz klar eine Überschneidung zwischen der Poser- und der Raserszene“, sagt Christoph Schulte, Polizeisprecher in Köln. „Poser modifizieren die Abgasanlage – das trifft auch auf die Raser zu.“ Seine Stadt ist eine Hochburg für Fans illegaler Rennen.

Sohn von Kölns Oberbürgermeister bei Autorennen getötet

Die Kölner sind für die Gefahr sensibilisiert, seit 2001 der Sohn des damaligen Oberbürgermeisters Fritz Schramma Opfer eines Rasers wurde: Zwei Autofahrer (22, 24) hatten sich ein Rennen geliefert, einer raste in der Innenstadt in eine Menschengruppe. Stephan Schramma war sofort tot. Solche Unfälle gehören in Köln beinahe zum Alltag. Allein 2015 starben bei verbotenen Wettfahrten drei Unbeteiligte.

In Berlin beginnt kommenden Donnerstag vorm Landgericht der Prozess gegen zwei junge Männer (27, 24), die im Februar in ihren Sportwagen über den Kurfürstendamm gejagt waren und dabei einen Rentner totgefahren hatten. Auch in Frankfurt und Ludwigshafen gab es schon Tote. Der Verband der Automobil-Tuner distanziert sich deutlich von den „schwarzen Schafen“ und empfiehlt Rasern und Posern, auf Rennstrecken auszuweichen, wo sie niemanden gefährden und der Lärm nicht stört.

Die Polizei ist oft machtlos

Die Protagonisten passen ortsübergreifend in ein Schema: Es sind vor allem junge Männer mit Migrationshintergrund und ausgeprägtem Statusdenken, die mit ihren schnellen und lauten Fahrzeugen Beachtung ernten wollen. Die Polizei hat wenige Möglichkeiten, diese Klientel zu erreichen. Über normale Verwarngelder lachen die Poser nur.

Es sei überhaupt schwer, „ihnen Geschwindigkeitsüberschreitungen nachzuweisen, weil die Spurts oft kurz sind“, teilt die Berliner Polizei mit. Erfolgreich seien die Beamten vor allem, wenn sie getunte Fahrzeuge stilllegen, sagt eine Sprecherin der Polizei Dortmund, wo Raser vor allem abends am Wochenende die Innenstadt terrorisieren.

Mannheims Polizei geht neue Wege

Die Polizeibehörden erwarten daher gespannt, ob der restriktive Mannheimer Ansatz Erfolge zeigt. Dort messen die Beamten seit vier Wochen den Lärmpegel auffälliger Autos, haben schon weit mehr als 30 Autos und Motorräder aus dem Verkehr gezogen. Ihre Halter müssen die Fahrzeuge in einer Werkstatt umbauen lassen. „Da kommen inklusive Bußgeld schon mal mehr als 1000 Euro zusammen“, sagt Polizeichef Schäfer.

Die Poserszene zeigt sich uneinsichtig. Schäfer berichtet von erbosten Reaktionen auf die Kontrollen. Motto: Hat die Polizei nichts Besseres zu tun? Auch Fritz Schramma, Kölns ehemaliger Oberbürgermeister, sagte in einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ über die Männer, die seinen Sohn totfuhren: „Ich hätte eine offene Form der Entschuldigung von ihnen erwartet. Aber die gab es nicht.“ Allzu schnell werden sich die Poser aus den Städten wohl nicht vertreiben lassen.