Tierfreund

Gibt es im Tierreich wirklich Keuschheitsgürtel?

| Lesedauer: 4 Minuten
Mario Ludwig
Schrecken aller Gartenbesitzer: Ein Maulwurf schaut aus seinem Maulwurfshügel

Schrecken aller Gartenbesitzer: Ein Maulwurf schaut aus seinem Maulwurfshügel

Foto: fotototo / picture alliance / blickwinkel/f

Dr. Mario Ludwig über den gnadenlosen Spermienkrieg im Tierreich und wie sich die Männchen vieler Arten einen Vorsprung gegenüber Konkurrenten sichern

Man glaubt es kaum, aber im Tierreich erfreuen sich Keuschheitsgürtel größter Beliebtheit. Man findet sie unter anderem bei Fledermäusen, Ratten, Maulwürfen, Eichhörnchen, aber auch bei Schlangen und sogar einigen Insekten- und Spinnenarten.

So arbeiten Maulwürfe mit Bio-Keuschheitsgürteln. Normalerweise sind Maulwürfe Einzelgänger. Lediglich im Juni, wenn die Weibchen brünstig sind, kommen die Maulwürfe zur Paarung zusammen. Und danach verpassen dann die Männer ihrem Weibchen einen Keuschheitsgürtel, dessen Effektivität sich mit seinem mittelalterlichen Vorbild messen kann: Sie verkorken ihre Weibchen. Der Liebhaber hinterlässt einen harzähnlichen Pfropfen in der Scheide, der sofort erhärtet.

Die Maulwurfsherren verpassen ihren Weibchen diesen Pfropfen jedoch nicht etwa aus Eifersucht, sondern es geht, wie im Tierreich so oft, mal wieder darum, die Gene „durchzusetzen“. Denn im Tierreich herrscht ein sogenannter Spermienkrieg und wer diesen Krieg verliert, muss vielleicht Kinder aufziehen, die gar nicht die eigenen sind. Wenn ein Männchen ein Weibchen nämlich „rumgekriegt“ hat, heißt dass noch lange nicht, dass es auch seine Gene erfolgreich weitergegeben hat.

Knallharte Konkurrenz

Weibchen haben manchmal durchaus Sex mit mehreren Männchen hintereinander. Für das Weibchen ist das aus evolutionärer Sicht günstig, da die Spermien verschiedener Männchen im Körper des Weibchens konkurrieren. In der Wissenschaft wird diese Tatsache als „Spermienkonkurrenz“ bezeichnet. Schließlich kommt nur das Spermium, das sich gegen die Spermien anderer Männchen durchgesetzt hat, zur Befruchtung. Bei vielen Tierarten sind die Männchen jedoch nicht in der Lage, nach der Kopulation ständig in der Nähe des Weibchens zu bleiben und andere Freier abzuwehren oder ausreichend lange auf dem Weibchen in Kopulationsstellung zu verharren. Also: Was liegt für ein Männchen näher, als der Mutter seiner zukünftigen Kinder einen Keuschheitsgürtel zu verpassen.

Aber Männer wären nicht Männer, wenn sie nicht Gegenstrategien entwickeln würden. So schaffen es etwa männliche Wanderratten in über zwei Dritteln aller Fälle, den Begattungspfropfen eines früheren Liebhabers zu entfernen. Die Ratten benutzen dafür ihren Penis, der über eine außerordentlich gut ausgebildete Muskulatur verfügt und als eine Art Greifarm eingesetzt werden kann. Und als wenn das noch nicht genug wäre, verspeisen die Rattenherren nach der Entfernung auch noch genüsslich den eiweißreichen Pfropfen.

Nach dem Sex fallen sie tot um

Einen Ganzkörper-Keuschheitsgürtel kann man dagegen bei der nordamerikanischen Wespenspinnenart Argiope aurantia beobachten. Bei dieser Spinnenart fallen die Männchen nur wenige Sekunden nach dem Sex um und sind mausetot. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass dieser Herztod genetisch programmiert ist. Er liegt im ureigensten Interesse des Männchens: Er soll das Weiterkommen seiner Gene sichern. Nach ihrem Tod bleiben die Männchen nämlich mit ihren geschwollenen Fortpflanzungsorganen in der Geschlechtsöffnung des Weibchens stecken und versperren so Konkurrenten den Zugang.

Die etwas pietätlosen Weibchen versuchen den Verstorbenen rasch zu entfernen, um für den nächsten Freier bereit zu sein. Das dauert aber in der Regel 20 Minuten und mehr. Für eine erfolgreiche weitere Befruchtung ist es dann meistens zu spät. Denn durch den „Opfertod“ des Männchens gewinnen seine Spermien auf dem Weg zu den Eizellen einen uneinholbaren Zeitvorsprung gegenüber Konkurrenten.

Eigentlich kein übler Tod, denn folgt man einer Umfrage eines bekannten amerikanischen Männermagazins, würden die meisten Männer einen Tod unmittelbar nach dem Sex mit einer schönen Frau jeder anderen Todesart vorziehen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.

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