Ja, wie ist es nur möglich? Wieder ein Jahr vorbei – und der Wahnsinn des Festivals von Wacken beginnt von vorne. Myriaden von Metal-Fans strömen in die norddeutsche Provinz. 74.999 sind es genau genommen bei Wacken 2016, die dabei sind plus ein wackerer Reporter des „Hamburger Abendblatts“. Er beobachtet, bewertet und besingt die Musik, die Menschen, den Metal. Los geht’s.
Erfolgserlebnisse an Wackenmorgen 0 (immerhin beginnt das Festival eigentlich erst morgen, auch wenn die Ersten bereits am Montag aufgebaut haben): Die Bialetti funktioniert. Und der Regen, der von unserer eher schlecht als recht zwischen den Autos gespannten Plane abläuft, trifft zielgenau das Geschirr von gestern Abend. Dafür verweigert die gestern noch als Nonplusultra gelobte Anschaffung eines Solarladegeräts die Tätigkeit. Nun gut, bei vollständig wolkenverhangenem Himmel, aus dem es zudem ausführlich tropft, verwundert das nur bedingt.
Wackeeeeeeen! – Schnauze!
Freuen über die Sonne in Tropfenform dürften sich allerdings die Nachwuchsbands des Metal Battles, die gerade ihr Equipment in die Shuttles verladen: Sie spielen auf den überdachten Bühnen im Zelt. Und die werden sicherlich gut besucht sein, auch wenn man keine Ahnung hat, wer Hteththemeth (wie man die Rumänen wohl ausspricht?), Profaner oder Preternatural sind. Ein weiterer Wetterklassiker: Just in dem Moment, als man frisch geduscht und mit neuem (Metal-)T-Shirt versehen aufbrechen möchte, besinnt sich der Regen seines Auftrags und fällt mit erneuerter Motivation. Diese wiederum senkt auf unserer Seite das allgemeine Bestreben danach, die Teile des Holy Wacken Lands zu erkunden, die zum einen geöffnet und zum anderen nicht überdacht sind.
Immerhin hört man von unserem Campingplatz aus nicht nur Generatorgeratter und vereinzelte „Wackeeeeen!“ „Schnauze!“-Dialoge, sondern auch Sunless Dawn aus Dänemark, die gerade im Zelt ohrenscheinlich alles geben. Wir warten trotzdem noch mal ein paar Minuten ab. Schließlich hat mindestens ein Wetter-App-Orakel behauptet, dass der Regen Schlag 14 Uhr aufhören soll. Wir sind gespannt. Und vertreiben uns die Zeit mit Regen-Abwasch und Nahrungsaufnahme (fest und flüssig). Rain or shine klingt halt nur 51 Wochen lang wie ein toller Schlachtruf. Wenn man dann tatsächlich im Einen steht, wünscht man sich sehnlichst das Andere herbei.
Metal-Fans zieht es zum Wacken-Festival
Mehr oder weniger nützliche Hinweise zum Wacken:
Vielleicht kommen Sie heute zufällig mit Reisenden bei einer Dose Bier ins Gespräch? Dann haben wir hier einige Konversations- und Orientierungshilfen, die wirklich Heavy Metal sind – und garantiert frei von jeglichen Klischees. Na, ja.
„Freu dich, du bist in Wacken“
Schon auf der Autobahn empfängt einen das Schild mit dem freundlichen Gruß „Freu dich, du bist in Wacken.“ Und dieser Spruch ist mehr als eine Erleichterung nach überstandenen Staus. Vielmehr ist er der Universalspruch für jede Lebenslage auf dem Festival und nicht nur dort.
Der Schlamm suppt knietief nach Dauerregen? „Freu dich, du bist in Wacken.“ Die Sonne brennt auf das schwarze Bandshirt und die Schnürlederhose? „Freu dich, du bist in Wacken.“ Das Bier ist alle? „Freu dich, du bist in Wacken.“ Man hat sich zwischen eine „Wall of Death“, sprich zwei aufeinander zustürmende Schlachtreihen von 120 Kilo schweren Metalbären verirrt? „Freu dich, du bist in Wa...“
W.O.A. 2016
Das Kürzel für „Wacken Open Air“. Es wird besonders am Mittwoch und am Sonntag die Heckscheiben auf norddeutschen Autobahnen dominieren, bevorzugt selbst geklebt mit weißem, gelbem, grauem und natürlich auch gern schwarzem Klebeband. So kann man Gleichgesinnte schnell erkennen, sie beim Überholen mit dem Metallergruß beglücken und es auch der Polizei einfacher machen bei der Auswahl vor der Alkoholkontrolle. Und sollte der Heckscheiben-Schriftzug schwer zu entziffern sein, hat das Klebeband nicht gut gehalten – oder es ist das von garstiger Dämonenhand gekritzelte, unleserliche Bandlogo einer Black-Metal-Truppe, die dieses Jahr in Wacken auftritt. Marduk vielleicht. Oder Tsjuder. Oder Borknagar. Für das ungeübte Auge sehen die alle gleich aus.
„Kutte“
Sie ist wieder da. Eigentlich war sie nie weg. Aber die Renaissance der Jeansweste voller Bandaufnäher ist offensichtlich. Sie zeigt an, auf welche Gruppen und Genres der Besitzer steht, und folgt den üblichen Gesetzen von Sammlerstücken: Je älter oder seltener ein Aufnäher, desto besser. Je ungewaschener und dennoch (!) ausgeblichener die Weste, desto Heavy Metal. Nieten, umgebogene Kronkorken an den Säumen, aufgenähte Festivalbändchen und Autogramme der Lieblingsbands runden eine … ähem ... waschechte Kutte ab. So lädt die Kutte zum gegenseitigen Fachsimpeln ein – oder zum Debattieren. An der Frage, ob blauer oder schwarzer Stoff, Jeans oder Leder, handgenäht oder maschinell, zerbrechen Freundschaften.
„Heavy Metal“
Was Heavy Metal ist und was nicht, liegt im Auge des Betrachters. Duschen, Gummistiefel, weiße T-Shirts, selbst vierlagiges Klopapier sind für manchen Wacken-Besucher mittlerweile durchaus Heavy Metal. Nur Heavy Metal ist nicht mehr Heavy Metal, dafür verästelt sich das Obergenre in Dutzende Untersparten von Drone über Djent bis zu Goregrind. Fragen Sie gar nicht erst nach Unterschieden, denken Sie sich einfach eine Fantasiesparte wie Symphonic Mathcore aus: Sie werden in Wacken garantiert jemanden finden, der sagt: „Joah, Symphonic Mathcore hör ich auch, besonders die neue Morgomorph, Mörderplatte.“
„Bier“
Klar, man könnte auch vier Tage lang Apfelschorle trinken oder Orangenbrause oder Wurstwasser (alles schon gesehen). Aber Bier ist Heavy Metal. Es ist die Basis spontaner Freundschaften, ersetzt drei Mahlzeiten, sichert das Überleben beim halbstündigen Fußmarsch zwischen Zelt und Bühnengelände und schmeckt sogar kalt! Wer keinen Kühlschrank oder eine Zapfanlage nebst Benzingenerator im Gepäck unterkriegt, greift übrigens gern auf eine Kiste Trockeneis zurück.
„Andere Festivals“
Der harte Festival-Kalender ist nicht nur in Deutschland, sondern europaweit prall gefüllt. Es mangelt also nicht an Alternativen wie Party.San, Summer Breeze, Bloodstock, Bang Your Head, Rockharz, Brutal Assault oder With Full Force. Das spektakulärste Metal-Open-Air mit den fantastischsten Bands bis ins Kleingedruckte des Programms ist übrigens das Hellfest im französischen Clisson. Aber hey! Freu dich, du bist in Wacken!
Dieser Text ist zuerst auf abendblatt.de erschienen.



















