Terror

Der Axt-Attentäter von Würzburg: „Immer freundlich und nett“

Der Axt-Attentäter von Würzburg lebte in einem idyllischen Ort. Die Menschen fragen sich: Warum geriet der junge Mann außer Kontrolle?

Foto: Facebook

Gaukönigshofen.  Das blaue Haus in der Mühlstraße in Gaukönigshofen leuchtet fast wie der Himmel, das Pink der Blumen hebt sich davor ab. Das Namensschild wurde aus Ton gebastelt. Es ist ein Zuhause, das mit Liebe gepflegt wird. Es ist das Haus, in dem Riaz Khan Ahmadzai, der Axt-Attentäter von Würzburg, in den vergangen zwei Wochen lebte.

Eine ältere Frau öffnet nur Sekunden nach dem Klingeln. Sie sieht müde aus und sagt leise: „Ich kann nur sagen, dass er immer freundlich und nett war.“ Dann beginnt sie zu weinen. Sie hebt die Schultern und sagt noch, dass Riaz sehr gut Deutsch gesprochen habe. Sie hätten gemeinsam gegessen – „alles bis auf Schweinefleisch“. Dann sei er immer ruhig auf sein Zimmer gegangen. Sie macht eine Pause und schaut zur Seite. Dann sagt sie unter Tränen: „Ich kann nur sagen, dass ich mir das nicht erklären kann, bitte entschuldigen Sie.“

Mit der Axt ins Gesicht geschlagen

Riaz Khan Ahmadzai, der 17 Jahre alte Flüchtling aus Afghanistan, hatte am Montagabend fünf Menschen bei seinem Amoklauflauf in der Nähe von Würzburg schwer verletzt. Zuerst schlug er mit einem Messer und einer Axt auf vier Menschen in einer Regionalbahn ein. Mit „großem Vernichtungswillen“, wie die Polizei sagt. Nachdem ein Fahrgast die Notbremse zog, lief er durch das nächtliche Würzburg und überfiel eine Frau, die mit ihrem Hund an den Mainauen entlanglief. Wieder schlug er mit der Axt auf Gesicht und Körper. Die Frau liegt auf der Intensivstation des Stiftung Juliusspital Würzburg. Das Krankenhaus will sich aber nicht zum Zustand der Patienten äußern. Ebenso das Uniklinikum, wo die anderen Opfer liegen, vier chinesische Staatsbürger aus Hongkong auf Europareise. Mindestens zwei seien aber weiterhin in einem kritischen Zustand.

Der 17-jährige Afghane wurde nach dem Angriff auf die Spaziergängerin von einer Einheit des Spezialeinsatzkommandos (SEK) gestellt. Da er diese ebenfalls mit der Axt attackierte, erschossen die Beamten ihn aus Notwehr.

„Doch nicht hier in Gaukönigshofen“

Die Einwohner von Gaukönigshofen können sich noch immer nicht vorstellen, dass „einer von den unseren“ das gemacht haben soll. Susanne Faulhaber wohnt seit Langem in dem kleinen Ort und sagt, dass sie sich schon Sorgen gemacht hat, als die ersten Flüchtlinge kamen. Sie zogen in ein ehemaliges Jugendhaus. „Immer dieses ‚Wir schaffen das‘“, sagt sie, „so ein blöder Spruch.“ Es ist der zentrale Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zur Flüchtlingskrise.

Susanne Faulhaber war mit ihren Sorgen nicht allein, auch im benachbarten Ochsenfurt, wo zeitweise bis zu 200 Flüchtlinge unterkamen, gab es zunächst Bedenken, ob die Gemeinde das hinbekommen würde. „Aber es gab hier in Gaukönigshofen nicht einen einzigen Vorfall, an den ich mich erinnern kann“, sagt Susanne Faulhaber. „Sie haben sich komplett sehr gut integriert.“ Sie schüttelt den Kopf. Sie habe noch mit ihrem Mann darüber gesprochen, als der Terroranschlag in Nizza passierte. „Doch nicht hier in Gaukönigshofen, hier würde sowas nicht passieren.“

„Ich beginne eine heilige Operation“

Ähnlich wie sie sehen das einige Menschen im Dorf. Doch natürlich gibt es nicht nur positive Erlebnisse. Ein zugezogener Libanese, der als Altenpfleger in der Region arbeitet, erzählt, er habe einmal zwei Syrer in seinem Auto mitgenommen. Doch während der Fahrt haben sie ihn begonnen zu beschimpfen, er ist ein Druse, das ist eine kleine Religionsgemeinschaft im Nahen Osten. Sie seien richtig laut geworden und hätten ihn schließlich bedroht, weil er zu westlich leben würde als Einwanderer. „Ich habe ihnen immer wieder auf Arabisch erklärt: Das ist Deutschland hier, ihr werdet Euch ändern müssen.“ Dieses Erlebnis aus dem Januar dieses Jahres beschäftigte ihn jetzt wieder, als er von dem Axt-Attentäter hörte.

Es gilt inzwischen als erwiesen, dass sich der Attentäter in Gaukönigshofen innerhalb kurzer Zeit dem „Islamischen Staat“ (IS) zugewendet hat. Ein Freund in Afghanistan sei gestorben und innerhalb von zwei Tagen habe sich der junge Mann verändert. Der Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager spricht von einer „Turboradikalisierung“. Es sei zu schnell gegangen, dass jemand davon hätte etwas mitbekommen können. Polizisten fanden in dem Gästezimmer im blauen Haus in der Mühlstraße eine Art Abschiedsbrief an den Vater sowie eine selbstgemalte IS-Flagge. Im Internet tauchte ein Bekennervideo auf, in dem er seine Tat ebenfalls ankündigte und dabei mit einem Messer fuchtelt. Er sagt: „Ich beginne eine heilige Operation.“ Das Video gilt als authentisch. Hinter ihm ist ein Schrank zu sehen: sein Zimmer in der Mühlstraße?

Der Innenminister tut sich schwer, die Tat zu definieren

Laut bayerischem Innenministerium war Riaz Khan Ahmadzai ein Einzeltäter. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagt am Mittwoch, der Attentäter habe sich durch die IS-Propaganda „angestachelt gefühlt“. Das Bekennervideo enthalte allerdings keine Hinweise auf eine Anordnung des IS, sagte de Maizière. Für ihn ist es schwer, diesen „brutalen Akt wahlloser Gewalt“ zu definieren. „Es ist vielleicht auch ein Fall, der im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror liegt.“

Was zu der Tat nicht passt: dass Riaz Khan Ahmadzai für das Pflegefamilienprogramm ausgewählt wurde. Laut Michael Horlemann vom Amt für Soziales in Würzburg werden nur zehn bis 15 Jugendliche ausgewählt für den Einzug bei Privatfamilien. „Diese Jugendlichen haben sich durch regelmäßigen Schulbesuch und ihr sonstiges tadelloses Verhalten dafür geeignet gezeigt“, sagt Horlemann. „Ich möchte aber betonen, dass alle anderen Jugendlichen in Privatfamilien schon zum Teil sehr lange dort wohnen und das sehr gut funktioniere.“ Man habe ständigen Kontakt mit den Eltern und die Jugendlichen entwickelten sich „prächtig“.

Friedhelm Metz will ein Kerze für den Attentäter aufstellen

Ganz in der Nähe des Kolpingheimes in Ochsenfurt, das noch immer streng von der Polizei bewacht wird, ist das Antiquitätengeschäft von Friedhelm Metz. Der Ochsenfurter sieht müde aus, er sagt, es gehe ihm nicht gut. „Ich habe im Fernsehen gesagt, dass es schlimm sei, dass sie den Riaz erschossen haben.“ Das hat ihm jetzt Ärger eingebracht. „Wäre“, fragt er sich, „nicht ein Warnschuss oder ein Schuss ins Bein genug gewesen?“ Metz ringt nach Fassung, „Ich kann mir das wirklich nicht vorstellen, dass der Riaz das so gemacht hat.“ So etwas ähnliches hatte die Pflegemutter in Gaukönigshofen auch gesagt. Er kennt die Frau gut. Schlimm muss es für sie sein, sagt Friedhelm Metz.

Riaz habe bei ihm ab und zu ausgeholfen, schwere Möbel getragen: immer freundlich und korrekt. Er denke auch an die Opfer, die jetzt um ihr Leben ringen. Am Donnerstag will er eine Kerze aufstellen, mit einem Foto des Attentäters. „Es soll dort stehen, wo er immer gesessen hat, auf der Mauer.“