Tierfreund

Überleben Kakerlaken wirklich einen Atomkrieg?

Dr. Mario Ludwig über ein äußerst unbeliebtes Insekt, das durch seine Widerstandsfähigkeit beeindruckt

Unbeliebt: eine deutsche Schabe

Unbeliebt: eine deutsche Schabe

Foto: WILDLIFE/P.Hartmann / picture alliance / WILDLIFE

Igitt, eine Kakerlake! Nein, Schaben, wie der politisch korrekte Name der flinken Insekten lautet, gehören nicht zu den beliebtesten Tieren. Im Gegenteil: Nach einer Umfrage eines Wissensmagazins liegen Schaben in Deutschland in Sachen „ekelhaftestes Tier“ vorn, gefolgt von Ratten und Spinnen.

Aber Ekel hin, Ekel her, eines ist sicher: Kakerlaken gehören zu den widerstandsfähigsten Tieren überhaupt. Vom ehemaligen US- Präsidenten Bill Clinton ist ja der wunderbare Satz überliefert: „Nur Kakerlaken können einen Atomkrieg überleben – und Keith Richards von den Rolling Stones“. Aber sind Schaben tatsächlich derart robust, dass sie als einzige Lebewesen einen Atomangriff überleben könnten und damit die Herrscher der Erde wären?

So richtig zufriedenstellend kann man diese Frage nicht beantworten. Richtig ist, dass Insekten und speziell Schaben tatsächlich eine radioaktive Bestrahlung deutlich besser aushalten können als wir Menschen. Für einen Menschen ist eine Strahlendosis von fünf bis zehn Gray über einen Zeitraum von wenigen Wochen tödlich. Schaben dagegen halten wohl vor allem wegen ihres dicken Chitinpanzers ohne Weiteres die zehnfache Dosis aus.

Außerordentlich robustes Immunsystem

Die ersten und einzigen Atombomben, die jemals zum Einsatz kamen, nämlich die Bomben von Hiroshima und Nagasaki, hätten Schaben also sehr wahrscheinlich überleben können. Die Vernichtungskraft moderner Atomwaffen, die heute in einen nuklearen Krieg zum Einsatz kommen würden, beträgt jedoch ein Vielfaches der Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Deshalb muss man davon ausgehen, dass durch einen weltweiten Atomkrieg auch alle Schaben vernichtet werden würden.

Aber Schaben haben in Sachen Widerstandsfähigkeit noch andere Pfeile im Köcher. So besitzen die Insekten mit den langen Fühlern ein außerordentlich robustes Immunsystem. Wissenschaftler fanden im Verdauungstrakt von Schaben Mikroben, die andere Tiere oder Menschen gesundheitlich schwer schädigen oder sogar töten würden. Und sie haben noch eine weitere, geradezu sensationelle Besonderheit zu bieten: Sie können, so haben Wissenschaftler im Experiment herausgefunden, bis zu neun Tage ohne Kopf überleben.

Diese verblüffende Tatsache lässt sich stark vereinfacht dadurch erklären, dass sich das Gehirn der Krabbeltiere nicht wie bei Wirbeltieren ausschließlich im Kopf befindet. Sondern es ist in jedem Körpersegment eine Art doppeltes „Miniaturgehirn“, ein sogenanntes Ganglienpaar, vorhanden. Diese Ganglien steuern im Brustbereich die Bewegung von Beinen und Flügeln und im Hinterleib die Verdauung. Sie sind relativ unabhängig vom Oberschlundganglion, dem „Ober-Gehirn“ der Schabe. Will heißen, die lebenswichtigen Funktionen arbeiten vom Oberschlundganglion unabhängig. Allein lebenslimitierend ist die Tatsache, dass den kopflosen Schaben natürlich jetzt ein Mund fehlt, mit dem sie Flüssigkeit bzw. Nahrung aufnehmen können. Deshalb müssen die Tiere nach einer gewissen Zeit verdursten bzw. verhungern.

Kakerlakenpulver als Heilmittel

Übrigens: In China haben Kakerlaken einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Dort sind getrocknete und zu Pulver zermahlene Kakerlaken ein wichtiger Bestandteil der traditionellen Medizin. Der Verzehr soll nicht nur die Abwehrkräfte stärken und bei Leberleiden wie Hepatitis helfen, sondern auch bei Krebspatienten die Nebenwirkungen der Chemotherapie mildern. Und da immer mehr Chinesen an die heilende Wirkung glauben, ist die Nachfrage nach Kakerlakenpulver in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Das schlägt sich auch im Preis nieder: Der lag für ein Kilo Küchenschaben zeitweise bei 60 Euro. Auf Hunderten von Farmen werden mittlerweile Küchenschaben gezüchtet und dann zu Pulver und Pillen verarbeitet. Vom Schabenzüchter zum Millionär: Ein utopischer Traum ist das nicht.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt für die Berliner Morgenpost über Phänomene in der Tierwelt.