Familienplanung

Spätes Vaterglück ist keine Ausnahme mehr

Rock-Legende Ron Wood und Sky du Mont: Immer mehr Männer haben in der zweiten Lebenshälfte nochmal kleine Kinder. Woher kommt das?

Ronnie Wood, hier mit Ehefrau Sally, ist spät Vater geworden.

Ronnie Wood, hier mit Ehefrau Sally, ist spät Vater geworden.

Foto: Getty Images / Getty Images Entertainment/Getty Images

Berlin.  Wenn Malte Welding (42) an seinen verstorbenen Vater zurückdenkt, dann oft an die Kleinigkeiten. Er aß Äpfel mitsamt Gehäuse. Er hatte seinem Sohn den Roboter Grag, den Freund von Captain Future, geschnitzt, und vor allem bastelte er ihm ein Wikingerschwert aus Holz. Wie lange sein Vater dafür brauchte, weiß Malte Welding nicht mehr, aber Zeit spielte für seinen Vater keine Rolle. Er nahm sie sich. Sein Vater war schon 53 Jahre alt, als er ihn bekam – der Sohn war sein erstes Kind.

Welding ist Autor, er lebt in Berlin und hat heute selbst zwei Kinder. Als er noch ein Kind war, war sein Vater stets eine Ausnahme, heute sind alte Väter fast Normalität. Im Jahr 2014 ist laut der neuesten Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamts das Durchschnittsalter der Väter bei der Geburt des Kindes auf 35 Jahre gestiegen.

Zum Vergleich: Im Jahr 2000 lag das Durchschnittsalter bei 33 Jahren. Hinter diesem Anstieg verbergen sich immer mehr überdurchschnittlich alte Männer, die den Schnitt in die Höhe treiben. Trotz der sich verschiebenden Statistik: Wenn Prominente späte Väter werden, wird das Thema immer noch kontrovers diskutiert.

Mit 68 Jahren noch einmal Vater geworden

So wie bei Ron Wood (68), der Ende Mai mit seiner Frau Sally, einer Theaterproduzentin, Zwillinge bekam. In einem Interview erzählte der Rolling-Stones-Gitarrist, wie er seine Babys in den Schlaf wiegt und sie Bäuerchen machen lässt. Das hinderte Wood dennoch nicht daran, drei Wochen später, als seine Girls zwei Monate alt waren, vier Nannys zu engagieren, damit er nachts wieder in Ruhe schlafen kann.

In Deutschland taten es ihm „Tagesthemen“-Chef Jan Hofer, Autor Ulrich Wickert und Schauspieler Sky du Mont gleich, die mit 63, 69 und 56 Jahren noch einmal Vater wurden. In Los Angeles wurde der deutsch-stämmige Milliardär Nicolas Berggruen (54) gerade Vater von zwei Kindern. Die späte Entscheidung für seine Elternschaft traf er bewusst, er beauftragte zwei Leihmütter, die die Babys für ihn austrugen.

Ähnlich geplant geht er die Sache mit der Ehe an, Berggruen, der bisher als Investor und ewiger Playboy durch die Welt jettete und in Deutschland Schlagzeilen als Käufer von Karstadt machte, will nun bald heiraten, sagte er der Londoner „Times“.

Altersforscher: Durch das Kind fühlen sich viele Männer jünger

Doch warum suchen diese Männer das späte Vaterglück? „Bei vielen solcher Vaterschaften spielt auch das Gefühl eine Rolle, sich durch das junge Kind noch einmal selbst jünger fühlen zu können, das sogenannte Renaissance-Element“, sagt François Höpflinger, Altersforscher an der Universität Zürich. Auch die Sehnsucht, einem Kind noch einmal die volle Aufmerksamkeit schenken zu können, einen Nachfahren zu zeugen und allein schon die Erfahrung des Vaterseins gemacht zu haben, sind wichtige Gründe.

Der demografische Wandel und die steigenden Scheidungsraten würden, laut Höpflinger, auch dafür sorgen, dass sich mehr jüngere Frauen mit älteren Männern zusammentun. „Viele ältere Väter zeugen ihr jüngstes Kind in zweiter oder dritter Ehe, das lässt den Altersdurchschnitt bei den Vätern natürlich steigen.“

Später Väter sind ausgeruhter

Andreas Eickhorst, Psychologe und Vaterforscher am Deutschen Jugendinstitut in München, sieht Vorteile. Die späten Väter seien ausgeruht, erfahren, führten stabile Partnerschaften, das komme den Kindern zugute.

Die Nachteile der späten Väter haben Forscher aus Schweden und den USA im Fachjournal „Jama Psychiatry“ nachgewiesen: Verschiedene psychische Störungen, darunter ADHS, Autismus und Psychosen, nehmen mit dem steigenden Alter des Vaters zu.

Zudem komme die Sorge der Kinder um ihre Väter: „Als ich zwölf Jahre war, rechnete ich mir ständig aus, wie alt ich wohl mit Vater werden könnte. Mir war irgendwann klar, dass er vor meinem 30. Lebensjahr sterben würde“, erinnert sich Malte Welding. Letztendlich kam es auch so. Sein Vater starb am Vorabend seines 23. Geburtstags an einer Krebserkrankung.

Söhne zeigen älteren Vätern ihre Überlegenheit

„Im Grunde macht es aber keinen Unterschied für das Kind, welches Alter der Vater hat“, sagt der Altersforscher Höpflinger dennoch. Die gemeinsame Lebensspanne von Vater und Kind verkürze sich durch die höhere Lebenserwartung kaum. Was allerdings vorkommen kann, so Höpflinger, sei, dass gerade Söhne in der Pubertät das Alter des Vaters ausnutzen und damit spielen. So können sie ihren Vater in Theorie körperlich dominieren, seinen Respekt durch ihre körperliche Überlegenheit untergraben.

Malte Welding hat keine solcher Erinnerungen, wenn er an seinen Vater denkt. „Gerade als Teenager habe ich meinen fast siebzigjährigen Vater als Vorteil gesehen. Da war ein abbezahltes Haus, und mein Vater hatte seine Karriere schon gemacht.“ Weldings eigene Söhne hingegen erlebten die Hochphase seines Berufslebens als Drehbuchautor gerade voll mit.