Anschlag

Warum es in den USA trotz Dallas kein Umdenken geben wird

Der Angriff auf Polizisten in Dallas sollte ein Weckruf sein, der zum Innehalten zwingt. Doch die Politik fällt in alte Muster zurück.

Foto: Mark Kaplan / dpa

Washington/Dallas.  Obama war am Freitag in Warschau – die Nato stärken, bei ihrem Einsatz gegen Bedrohungen von Russland über Nordkorea bis Islamischer Staat. Dabei liegt die wahre Kriegszone ganz woanders. In seiner Abwesenheit hat der uramerikanische Wahnsinn neue Maßstäbe der Grausamkeit gesetzt. Zwei durch Handy-Videos dokumentierten Gewaltexzessen von hoffnungslos überforderten Polizisten gegen Afro-Amerikaner folgte fast wie auf dem Fuße der schlimmste Anschlag auf die Staatsgewalt seit Jahrzehnten. Ausgerechnet in der Stadt, in der Präsident John F. Kennedy 1963 aus dem Hinterhalt erschossen wurde, machten der oder die Täter Jagd auf Polizisten. Fünf „Cops“ sind tot, sieben weitere kamen mit teilweise schweren Verletzungen davon. Das bereits bis in den Zynismus gegen den täglichen Waffen-Irrsinn abgehärtete Land, in dem unbeaufsichtigte Kinder ebenso zum Opfer werden wie ahnungslose Passanten, hält den Atem an. Man fühlt sich an dunkle Zeiten erinnert, als die Rassen nach der Strickart „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ einander an die Kehle gingen.

Mussten für die Polizei-Opfer von Baton Rouge und Falcon Heights, für Alton Sterling und Philando Castile, Beamte in Uniform sterben? Ausgerechnet bei einem Einsatz, der eine friedliche Demonstration gegen eben diese Polizeigewalt gewährleisten sollte? Es sieht so aus. Der mutmaßliche Cop-Killer soll sich in diese Richtung geäußert haben. Aber er ist tot. Man kann, so es bei einem Täter bleibt, nur noch sein Umfeld erhellen.

Omnipräsenz von Waffen senkt die Hemmschwelle

Das ändert nichts an der amerikanischen Schande, die die Kulisse zu dem jüngsten Exzess bildet. Die Vereinigten Staaten ersticken an Waffen. Bei geschätzt über 300 Millionen Pistolen und Gewehren in Privathaushalten, bei rund 30.000 Waffen-Toten pro Jahr, bei einem hohen Grad von Kriminalität und Verwahrlosung ist es keine Überraschung, dass die Hemmschwelle für den tödlichen Einsatz von Waffen durch die Polizei immer niedriger wird.

Cops müssen damit rechnen, nach einer gewöhnlichen Fahrzeugkontrolle nicht mehr lebend nach Hause zu ihrer Familie zu kommen. Weil der Fahrzeughalter bis an die Zähne bewaffnet ist oder psychisch krank oder voll von Drogen. Umgekehrt gilt, und hier kommt der tief sitzende Rassismus ins Spiel, das Gleiche für Afro-Amerikaner und Latinos, die erschreckend oft bei Bagatell-Kontakten mit der Staatsgewalt ums Leben kommen – viel häufiger als Weiße.

Weniger Waffen, mehr Kampf gegen Rassismus

Dass der Gouverneur von Minnesota den verabscheuungswürdigen Polizeieinsatz gegen Philando Castile öffentlich auf Rassismus zurückführt („bei einem Weißen wäre das nicht passiert“), müsste ein Weckruf sein, der das ganze Land zum Innehalten zwingt. Stattdessen ergeht sich die politische Klasse in Ritualen. Je nach ideologischer Verortung – die Demokraten mehr auf Seiten der Befürworter von strengeren Waffengesetzen, die Republikaner stärker pro Polizei und Waffenlobby NRA – werden die alten Argumentationsgräben befestigt.

Nationale Sicherheit und innerer Frieden werden aber nur dann gelingen, wenn alle Seiten drastisch abrüsten. Wenn Waffen aus dem Alltag verschwinden. Wenn ihr hemdsärmeliger Gebrauch als Ersatz für zivilisierte Methoden der Konfliktbewältigung gemeinschaftlich tabuisiert und der Rassismus aktiv bekämpft wird. Nach Dallas wird das ein kühner Traum bleiben. Der nächste Amoklauf, das nächste Massaker, der nächste aus dem Ruder laufende Polizeieinsatz ist nur einen Wimpernschlag entfernt. Und damit im schlimmsten Fall eine großflächige Explosion der gesellschaftlichen Ungleichgewichte. Wer beschützt Amerika vor sich selbst?