Justizskandal

Mildes Urteil nach Vergewaltigung sorgt in USA für Empörung

Eine Vergewaltigung, ein Urteil, ein Aufschrei – der Justizfall um einen Ex-Sportstar sorgt in den USA für eine Welle der Empörung.

Ex-Stanford-Student Brock Turner wurde wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt – doch die relativ milde Strafe stieß in den USA auf geballte Kritik.

Ex-Stanford-Student Brock Turner wurde wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt – doch die relativ milde Strafe stieß in den USA auf geballte Kritik.

Foto: HANDOUT / REUTERS

Washington.  In der Fernsehserie „Sex and the City“ hätte die resolute Anwältin Miranda Hobbes mit jemandem wie Brock Turner wahrscheinlich kurzen Prozess gemacht. Im echten Leben bleibt der Hollywood-Schauspielerin und Hobbes-Darstellerin Cynthia Nixon (50) nur das mahnende Wort, um den ehemaligen Vorzeigesportler der kalifornischen Elite-Universität Stanford an den Pranger zu stellen.

Dazu lieh Nixon jetzt in einem Internet-Video ihre Stimme einem 23-jährigen Vergewaltigungsopfer – die junge Frau selbst blieb anonym: „Mein Schaden ist innerlich, unsichtbar, ich trage das mit mir herum. Du hast meinen Wert weggenommen, meine Privatsphäre, meine Energie, meine Zeit, meine Sicherheit, meine Intimität, mein Vertrauen, meine eigene Stimme, bis heute.“ Adressat dieser erschütternden Worte ist eben jener Ex-Schwimmstar Brock Turner (20). Das Video lässt seit Tagen in Amerika die Wogen der Empörung über ein seltsam mildes Gerichtsurteil höher schlagen.

Richter fällte mildes Urteil: sechs Monate Haft

Was war geschehen? Der aus einem kleinen Kaff in Ohio stammende Student Turner hatte sein betrunkenes und willenloses Opfer Anfang 2015 nach einer Studenten-Party auf dem Campus der Hochschule in Palo Alto bei San Francisco hinter einer Mülltonne sexuell missbraucht. Zwei Kommilitonen erwischten ihn in flagranti und hinderten ihn an der Flucht.

Es kam zum Prozess, in dem Richter Aaron Persky dem überführten Täter eine unerwartet goldene Brücke baute: Statt der nach dem Gesetz möglichen 14 Jahre Haft bekam Turner, den die Staatsanwaltschaft für sechs Jahre wegsperren lassen wollte, ganze sechs Monate aufgebrummt. Frauenverbände sehen darin nun einen Persilschein für Nachahmungstäter.

Kein Wort der Reue im Gerichtssaal

Der Brief, den die missbrauchte junge Frau, deren Name bisher geheim gehalten wird, im Gerichtssaal verlas, löste eine beispiellose Wutwelle aus. Auch weil der Vater des Täters um ein mildes Urteil für seinen Sohn, dem gerade alle „Lebensträume“ geplatzt seien, geradezu bettelte. Eine Haftstrafe, befand Vater Turner, sei doch „ein hoher Preis für eine 20-Minuten-Aktion“. Über das Opfer verlor er kein Wort, über Reue schon gar nicht.

In einer Online-Petition fordern inzwischen fast 600.000 Unterzeichner eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Richter Persky bekommt Morddrohungen. So weit, so schlimm, aber – man muss es leider so sagen – auch so gewöhnlich an vielen amerikanischen Universitäten.

Viele Studentinnen haben ähnliche Erfahrungen gemacht

Das Muster ist bekannt: Nach Partys in den Häusern studentischer Verbindungen werden junge Männer, die zum ersten Mal aus den Fängen ihrer Elternhäuser entkommen sind, unter heftigem Alkoholeinfluss rabiat und übergriffig. Die meist weiblichen Opfer verschweigen aus Scham, Angst vor demütigenden Polizeiverhören, Gruppendruck oder Sorge vor Repressalien die Vergewaltigung. Nur selten kommt ein Fall ans Licht. Noch seltener wird hart durchgegriffen und verurteilt. Das Problem hat inzwischen dramatische Ausmaße.

Die „Association of American Universities“ (AAU) hat 2015 anonyme Fragebögen von über 150.000 Studierenden an rund 30 Hochschulen auswerten lassen. Das sprachlos machende Resultat: 13,5 Prozent der jungen Frauen werden während ihres Studiums mindestens einmal zum Sex genötigt, obwohl sie bedingt durch Alkohol oder Drogen unzurechnungsfähig sind.

Obama: Gesellschaft schätzt Frauen zu wenig

Die Ergebnisse waren so erschütternd, dass US-Präsident Barack Obama und Vize-Präsident Joe Biden bereits Ende 2014 eine Initiative ins Leben riefen. Opfer sollten dadurch ermutigt werden, sich zu wehren und Übergriffe zu melden. Uni-Leitungen sind gehalten, nicht länger die Augen zu verschließen und überführte Täter zu exmatrikulieren; auch dann, wenn es sich um für das Uni-Prestige wichtige Sportstars handelt.

Obama, Vater zweier Töchter, konstatierte damals das Kernproblem: „Unsere Gesellschaft – vom Sport über die Popkultur bis zur Politik – schätzt Frauen immer noch zu wenig wert.“ Als rote Linie formulierte der Präsident das, was er schon im Fall des unter dem Verdacht der Serienvergewaltigung stehenden Entertainers Bill Cosby gesagt hatte: „Sex ist kriminell und nie einvernehmlich, wenn der Partner oder die Partnerin keine Zustimmung gibt oder geben kann.“

Neuauflage des Prozesses ist ungewiss

Ob es im Fall Brock Turner erneut zum Prozess kommt, wie es auch die demokratische Senatorin Barbara Boxer vehement fordert, ist noch ungewiss. Die Uni Stanford hatte den Studenten schon kurz nach Bekanntwerden der Vergewaltigung rausgeschmissen. Die ehemalige Olympia-Hoffnung gehört auch nicht mehr zur Schwimm-Riege. Bis zu seinem Lebensende wird Turner in den Akten der Behörden als Sex-Täter geführt werden.

Zeitungs-Kommentatoren in USA wiesen darauf hin, dass es zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine zu große Lücke gebe. In Kalifornien gilt seit 2014 per Gesetz („Yes means Yes“), wonach Sex auch unter Studenten ausdrücklich einvernehmlich sein muss. Das Wissen darüber muss bei dem Schwimmer Brock Turner untergegangen sein.