Angriff

Messerattacke von Grafing: „Es hätte jeden treffen können“

| Lesedauer: 5 Minuten
Sören Kittel
Am Tatort des Angriffs auf Fahrgäste in Grafing haben Menschen zum Gedenken Blumen niedergelegt.

Am Tatort des Angriffs auf Fahrgäste in Grafing haben Menschen zum Gedenken Blumen niedergelegt.

Foto: Johannes Simon / Getty Images

Nach einer Attacke in Bayern sehen sich die Ermittler wirren Aussagen des Täters gegenüber. Die Anwohner denken an die Verletzten.

Grafing.  Konstantinos A. besitzt das griechische Restaurant „Orfeas“, direkt gegenüber dem Bahnhof von Grafing. Er zieht die Stirn in Falten, hebt hilflos die Arme. „Ein schlimmer Tag“, sagt er. „Der Hannes ist noch im Krankenhaus. Ich kenne den Hannes gut, der ist immer freundlich, wenn er bei uns ist.“

Hannes ist ein Zeitungszusteller, der an diesem Morgen den ersten Zug nach München nehmen wollte. Jetzt liegt der 58-Jährige im Krankenhaus Murnau. „Ich habe gehört, es geht ihm sehr schlecht“, sagt der Wirt. „Ich war noch nie so nahe an einem Mord, es hätte ja jeden treffen können.“

An diesem Dienstagmorgen, gegen 4.50 Uhr, ging ein 27-jähriger, offenbar psychisch kranker Mann am Grafinger Bahnhof auf vier Menschen los und verletzte sie mit einem Messer schwer. Eines der Opfer, ein 56-Jähriger aus Wasserburg, starb kurz darauf im Krankenhaus. Die anderen drei Opfer, zwischen 43 und 58 Jahre alt, stammen aus Grafing. Der Angreifer, Paul H. aus dem hessischen Gießen, soll barfuß gewesen sein und unter Drogeneinfluss gestanden haben. Die Waffe war eine, die sonst im Dschungel einsetzt wird, ein sogenanntes Survivalmesser mit einer zehn Zentimeter langen Klinge. Die Polizei war um 5.04 Uhr vor Ort und nahm den Mann um 5.07 Uhr fest. Am Mittwoch soll er dem Haftrichter vorgeführt werden.

Opfer antwortete Täter: „Allah ist auch mein Freund“

Laut Polizei soll der Täter „Allahu Akhbar“ gerufen haben, arabisch für: „Gott ist groß“. Anschließend habe er wahllos auf vier Umstehende eingestochen. Außerdem habe er laut geschrien: „Ungläubiger, du musst jetzt sterben!“

Ein Augenzeuge, der nicht genannt werden möchte, berichtet am Nachmittag, er habe gesehen, wie Hannes, der Zeitungszusteller, verwundet am Boden lag. Nur zehn Meter entfernt. „Er rief dem Angreifer entgegen: Aber Allah ist auch mein Freund!“ Daraufhin soll Paul H. von ihm abgelassen haben. Als die Polizei eintraf, habe sich der Angreifer auf den Boden gelegt.

Die Grafinger, die in der Nähe des Bahnhofs wohnen, wurden Zeuge einer groß angelegten Polizei- und Rettungsaktion in ihrem kleinen Ort. „Überall waren Männer in Uniform“, sagt eine Anwohnerin. Laut Polizeipräsident Gunther Gietl waren über 100 Beamte im Einsatz. Viele Anwohner wachten erschrocken auf, als der Hubschrauber die Opfer in ein Krankenhaus transportierte. Grafing ist ein ruhiger Vorort von München, mit der S-Bahn sind es nur 13 Minuten bis zum Ostbahnhof.

Bei einer Pressekonferenz sagte Oberstaatsanwalt Ken Heidenreich, dass es nach der ersten Vernehmung Zweifel an der Schuldfähigkeit von Paul H. gebe. „Seine Aussagen sind verwirrend“, sagt er, „das passt alles nicht so richtig zusammen.“ Trotz der islamistischen Äußerungen soll es sich nicht um einen radikalisierten Muslim handeln. Noch ist nicht sicher, ob er überhaupt zum Islam konvertiert sei. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass etwa Videos auf seinem Laptop zu einer Radikalisierung beigetragen haben“, sagte der bayerische LKA-Chef Lothar Köhler. Inzwischen seien Wohnung und Facebook-Profil untersucht worden. „Dabei konnte bisher nichts Auffälliges festgestellt werden.“

Opfer waren wahllos ausgewählt

Allerdings habe der Mann, ein arbeitsloser Schreiner, offenbar psychische Probleme gehabt. Er sei vor wenigen Tagen in psychiatrischer Behandlung gewesen. Am Abend des 9. Mai, so Polizeipräsident Gunther Gietl, soll er einen Rucksack gepackt haben, darunter Bundeswehr-Kleidung, das Messer und zehn Euro Bargeld. Er fuhr von Gießen in Richtung München und war am Morgen des 10. Mai am Bahnhof Grafing. „Es könnte sein, dass er mit dem Zug weiter nach Österreich wollte“, sagt Gietle.

Ingrid F. aus Grafing steht am Nachmittag fassungslos vor dem Bahnhof und schaut zu, wie zehn Feuerwehrmänner den Boden mit Wasser reinigen. Markierungen der Polizei sollen verschwinden, aber auch Blutspuren. „Ich will meinen Sohn vom Zug abholen“, sagt sie, „nur um sicherzugehen.“ Sie war schon einmal hier, gegen 6 Uhr morgens, weil sie Brötchen holen wollte. „Doch ich kam gar nicht so weit, alles war abgesperrt,“, sagt die 42-Jährige, „und ich sah Blut auf dem Bahnsteig.“ Sie könne noch immer nicht glauben, dass das alles in Grafing passierte, sagt sie später, als ihr Sohn angekommen ist. „Man liest immer in der Zeitung von Brüssel und Paris“, sagt sie, ihren Sohn an der Hand, „aber dass das vor der eigenen Haustür passiert, hätte ich nie für möglich gehalten.“

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