Einbruchserie

Der „Schleicher von Wimbledon“ narrt die Londoner Polizei

Ein geheimnisvoller Einbrecher führt die Polizei in London seit Jahren an der Nase herum. Auch Prominente zählen zu seinen Opfern.

Der „Schleicher von Wimbledon“ in Aktion. Doch mehr als verschwommene Fotos wie diese hat die Londoner Polizei bisher nicht von dem mysteriösen Einbrecher.

Der „Schleicher von Wimbledon“ in Aktion. Doch mehr als verschwommene Fotos wie diese hat die Londoner Polizei bisher nicht von dem mysteriösen Einbrecher.

Foto: dpa Picture-Alliance / Metropolitan Police / picture alliance / empics

London. Die britische Hauptstadt hat viele exklusive Wohngegenden. Knightsbridge etwa, oder Hampstead, wo selbst bescheidene Villen einen zweistelligen Millionenbetrag kosten. Londons Meisterdieb hat sich dagegen ein Viertel im Südwesten der Stadt ausgesucht, das er zu seinem exklusiven Revier erklärt hat: Wimbledon, das Mekka des Tennissports, und der Wohnort von Reichen und Superreichen.

Seit zehn Jahren macht er hier die Gegend unsicher, mehr als 200 Einbrüche gehen mittlerweile auf sein Konto. Auf rund zehn Millionen Pfund (rund 12,4 Millionen Euro) schätzt die Polizei seine bisherige Beute – und es sieht nicht danach aus, als ob er sich bald zur Ruhe setzen wollte.

Beutezüge im Schutz der Dunkelheit

Der „Wimbledon Prowler“ wird er genannt, „Schleicher von Wimbledon“, weil er katzengleich im Schutz der Nacht seine Beutezüge absolviert, leise, unerkannt und nicht zu fassen. 2006 begann die Einbruchsserie. Typischerweise besucht der Meisterdieb seine Zielobjekte mehrfach, späht Alarmsysteme aus und knackt Schlösser. Oft nimmt er zuerst nur kleine Sachen mit – hier einen Ring vielleicht, dort etwas, aber nicht alles Bargeld aus einer Brieftasche.

Spuren des Einbruchs gibt es nicht, wer etwas vermisst, mag denken, es war die Putzfrau. Wenn der „Wimbledon Prowler“ zum letzten Mal kommt, dann ist das allerdings nicht mehr zu übersehen. Eine Familie verlor einen Safe, in dem sich eine halbe Million Pfund an Juwelen befunden haben soll.

Auch Boris Becker wurde schon zum Opfer

Der Mann plant seine Beutezüge methodisch, führt sie akribisch aus – und Glück hat er auch. In den zehn Jahren seiner Tätigkeit wurde er ein Dutzend Mal überrascht, aber niemals gefasst. Aufnahmen von ihm gibt es ebenfalls reichlich. Doch er weiß stets, wo die Überwachungskameras montiert sind, trägt einen Fischerhut und hält sich die Hand vors Gesicht, wenn er an den Kameras vorbeiläuft. In einem Video ist zu sehen, wie er einen Tresor aus dem Fenster auf den Rasen wirft und danach ruhig auf die Terrasse tritt und den schweren Safe durch den Garten schleppt.

Zu seinen Opfern gehört auch Boris Becker. Der frühere Tennisstar, der Wimbledon zu seiner zweiten Heimat gemacht und sich dort eine Villa gekauft hat, ist mehrmals überfallen worden. „Es ist, als ob mir meine Freiheit genommen wäre“, klagte seine Ehefrau Lilly, „ich kann mein Wohnzimmer nicht mehr genießen, weil es zum Garten hinausgeht, durch den er ein paar Mal gekommen ist.“ Die Beckers haben jetzt neue Alarmanlagen eingebaut und ihr Heim in eine Festung verwandelt.

30 Beamte folgen seiner Spur

Ein anderes berühmtes Opfer ist der Fußballer Nicolas Anelka. Er hatte den Einbrecher sogar auf frischer Tat ertappt und jagte ihn durch seinen Garten. Zu peinlich für den damaligen Premier-League-Fußballer, dass der Meisterdieb schneller war.

Und was tut die Londoner Polizei? Wohl ihr Möglichstes, aber es bringt nicht viel. Eine Taskforce von 30 Beamten ist dem Täter auf der Spur, doch bisher vergebens. Man hat Polizisten nächstens in Bäumen sitzen und in Gartenhütten lauern lassen, um ihm auf die Schliche zu kommen. Ein Villenbesitzer alarmierte die Polizei, dass der Dieb wohl regelmäßig seinen Weg durch sein Grundstück nehme: „Wir hatten dann 14 Tage lang einen Polizisten in unserem Gästezimmer mit seinem Nachtsichtgerät und einer Thermoskanne Kaffee.“ Der Schleicher zeigte sich nicht.

„Jemand muss diesen Mann kennen“

Kommissar Dan O’Sullivan, der die Taskforce leitet, hat die Öffentlichkeit zur Mithilfe aufgerufen. „Jemand muss diesen Mann kennen“, sagte er, „er ist offensichtlich viele Stunden in der Nacht nicht zu Hause. Das kann doch vor Familie und Freunden nicht unbemerkt bleiben.“ Wenig weiß man über ihn: Er soll Mitte Dreißig und mittlerer Körpergröße sein, heißt es, athletisch, gelenkig, organisiert und diszipliniert. Vielleicht ein Ex-Soldat, wahrscheinlich vertraut mit polizeilichen Ermittlungsmethoden.

O’Sullivan weiß, dass er es mit einem Profi zu tun hat: „Im Königreich reicht keiner an ihn heran, weder was die Länge der Serie, noch die Höhe der Beute angeht.“ O’Sullivan weiß auch, dass er riskiert, immer mehr wie der hilflose Inspector Clouseau auszusehen, der die Beutezüge des „Pink Panther“ nicht aufklären kann. Der Zeugenaufruf hat bisher nichts gebracht, außer dass der „Wimbledon Prowler“ seither abgetaucht ist. Irgendwann, weiß O’Sullivan, wird er wieder auftauchen und dann „werden wir für ihn bereit sein“.