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Warum Schweigers Flüchtlingsheim doch nicht gebaut wird

| Lesedauer: 7 Minuten
Felix Laurenz und Peter Sieben
Til Schweiger setzt sich immer wieder medienwirksam für Flüchtlinge ein.

Til Schweiger setzt sich immer wieder medienwirksam für Flüchtlinge ein.

Foto: Sean Gallup / Getty Images for GQ

Ein „Vorzeige-Flüchtlingsheim“ wollte Til Schweiger bauen. Doch das wurde nichts. Offenbar hatte er auf die falschen Leute gehört.

Osterode.  Die Ansage war klar und deutlich: „Ich werde mit Freunden ein Flüchtlingsheim bauen“, hatte Til Schweiger Anfang August erklärt. Ein „Vorzeige-Flüchtlingsheim“ sollte es werden. Die Ankündigung hatte damals für erhebliche mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Im Fernsehen bestätigte Schweiger den Plan immer wieder.

Danach blieb es monatelang ruhig um das Vorzeige-Flüchtlingsheim: Was ist aus den Plänen geworden? Offenbar hatte der Schauspieler den falschen Leuten vertraut.

Til Schweiger: „Die Anlage ist unglaublich toll“

Anfang August positionierte sich Til Schweiger unter anderem in den sozialen Medien als entschiedener Gegner von Flüchtlingsgegnern. Dafür schlugen ihm Häme und Hass aus der fremdenfeindlichen Ecke entgegen.

Womöglich auch, weil Kritiker ihm vorwarfen, nur ein Maulheld zu sein, kündigte Schweiger an, Worten Taten folgen zu lassen und besagtes „Vorzeige-Flüchtlingsheim“ im niedersächsischen Osterode zu bauen. „Die Anlage ist unglaublich toll“, sagte Schweiger in der Talkshow von Sandra Maischberger. Es gebe dort viel Platz, man habe viele Möglichkeiten.

Heruntergekommene ehemalige Kaserne

Doch bei der Liegenschaft handelt es sich um die ziemlich heruntergekommene ehemalige Rommel-Kaserne. Der Geschäftsmann Wolfgang Koch hatte das Objekt im November 2014 über seine Firma „Princess of Finkenwerder“ für 160.000 Euro der Phalanx Investment GmbH abgekauft.

„Princess of Finkenwerder“ sei spezialisiert auf den Umbau ehemaliger militärischer Einrichtungen für die zivile Nutzung, sagte Koch damals. Indes konnte er auf Nachfrage von NDR-Info kein einziges vorzeigbares Projekt präsentieren. Ein Spezialist ohne jegliche Referenz. Über seinen Geschäftspartner Jan Karras stellte Koch den Kontakt zu Til Schweiger her. Koch und Schweiger kennen sich schon lange, sind befreundet.

Schweiger wird die Gelegenheit wohl nur allzu gern beim Schopf gepackt haben: Mit der Liegenschaft in Osterode konnte er der Öffentlichkeit endlich ein großes Projekt präsentieren.

Asbestverseucht und voller PCB

Doch Koch hatte sich mit der Kaserne offenbar völlig übernommen. Ende August deckte der NDR auf, dass das Gebäude asbestverseucht und mit dem giftigen Weichmacher PCB belastet ist. Und auch Osterodes Bürgermeister Klaus Becker räumt auf unsere Nachfrage ein, dass die Kaserne sich „kurzfristig nicht zur Flüchtlingsunterkunft eignet“.

„Herr Koch hat sich eine völlig falsche Vorstellung davon gemacht, was so eine Instandsetzung kostet“, sagt Carsten Jungclaus. Der aus Hamburg stammende Privatinvestor sollte als Retter einspringen, als klar wurde, dass Kochs „Princess of Finkenwerder“ das Projekt nicht würde stemmen können. „Man braucht dafür mindestens zehn Millionen Euro“, so Jungclaus.

Koch habe erfolglos versucht, bei verschiedenen Banken Kredite aufzutreiben. Bei der Suche nach Investoren stieß er schließlich auf Carsten Jungclaus. Koch hatte eine „völlig absurde Vorstellung“ vom Wert der Anlage, sagt Jungclaus: „Er wollte ein vielfaches von dem, was er ausgegeben hatte.“ Bei den Verhandlungen habe er sich „schon weit aus dem Fenster gelehnt.“ 1,5 Millionen Euro habe Jungclaus ihm geboten – also das beinahe Zehnfache dessen, was Kochs Firma einst bezahlt hatte. „Das war dem Herrn Koch aber zu wenig“, sagt Jungclaus. Die Verhandlungen platzten.

„Herr Koch wollte sich damit lebenslang sanieren“

Wolfgang Koch wollte mit seiner Firma ursprünglich die Unterkunft betreiben. Es scheint, als habe er darauf spekuliert, mit der Unterbringung von Flüchtlingen, für die es Kopfpauschalen gibt, mehr Geld zu machen als mit der Vermietung oder dem Verkauf der Liegenschaft. Er wäre in Niedersachsen der einzige private Betreiber einer Erstaufnahmeeinrichtung gewesen – alle anderen werden von großen karitativen Verbänden wie etwa der Diakonie geführt.

„Mit sozialen Einrichtungen Geld zu verdienen, das sollte man ja durchaus dürfen, das ist ja erlaubt. Die Frage ist, in welchem Umfang man so etwas macht. Ich habe den Eindruck, dass Herr Koch sich mithilfe der Unterkunft lebenslang sanieren wollte. Wie ein Sänger, der einen einzigen Hit hat, und dann von den Tantiemen lebt.“, sagt Carsten Jungclaus. Falls Koch diesen Plan wirklich hatte, ist er gescheitert.

Angesichts des anhaltenden Flüchtlingsstromes wäre das Land Niedersachsen oder die Stadt Osterode womöglich irgendwann als Käufer der Anlage in Frage gekommen. Doch dort hat man Mitte November offenbar eine andere Lösung gefunden: Ein ehemaliges Blindensanatorium dient laut Frank Kosching, Linken-Abgeordneter im Kreistag von Osterode, bald als Unterkunft, dort stehen 300 Schlafplätze für Flüchtlinge zur Verfügung. Auch Osterodes Bürgermeister Klaus Becker bestätigt auf Nachfrage, dass das ehemalige Sanatorium derzeit für die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft fit gemacht wird. „Das Projekt rund um die ehemalige Rommel-Kaserne ruht“, sagt Becker. Der Kreistagsabgeordnete Kosching wird deutlicher: „Herr Koch bleibt auf der Rommel-Kaserne erstmal sitzen“, sagt er.

Alles „mit heißer Nadel gestrickt“

„Ich führe mit niemandem Gespräche und bin weiterhin Besitzer der Immobilie, aber es gibt derzeit keine konkreten Pläne“, bestätigt auch Wolfgang Koch auf Nachfrage. Til Schweiger redet mittlerweile nur noch sehr ungern über die Pläne für seine „Vorzeige-Flüchtlingsunterkunft“. Vielleicht hat der Schauspieler selbst gemerkt, dass er sich mit seinen Plänen übernommen hat. Bei der Pressekonferenz anlässlich der Gründung seiner Stiftung räumte Schweiger ein, dass alles „mit heißer Nadel“ gestrickt sei.

Zuletzt hatte der Sprecher von Schweigers Stiftung, Christian Specht, verlautbart, Schweiger habe sich wohl „nicht ganz glücklich“ ausgedrückt. Ein Flüchtlingsheim könne ja nicht aus dem Boden gestampft werden.

Til Schweigers Stiftung engagiert sich jetzt in Osnabrück

Über seine Sprecherin Katy Steinfeld lässt der Schauspieler auf unsere Anfrage mitteilen: „Das Land Niedersachsen müsste die vorhandene Liegenschaft als Käufer oder Pächter erwerben und ein gemeinnütziger Betreiber den Betrieb übernehmen.“ Davon, dass Schweigers Stiftung ein eigenes Heim betreiben will, ist mittlerweile keine Rede mehr. Trotzdem sei die von Til Schweiger Ende August gegründete Til Schweiger Foundation „entgegen der Meldungen der letzten Tage in der Flüchtlingshilfe sehr aktiv“, so Steinfeld.

Was in der Tat der Fall ist: In Osnabrück unterstützt die Foundation ein Flüchtlingshaus. Den Tipp mit Osnabrück gab es vom niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius. „Er hatte da eine gute Idee“, sagt Ministeriumssprecher Matthias Eichler. Es sei irgendwann klar gewesen, dass sich das Heim in Osterode nicht so schnell realisieren lasse, „wie Til Schweiger sich das vorgestellt hatte.“ 35.000 Flüchtlinge sind derzeit in dem Bundesland untergebracht, Niedersachsen habe schnelle Lösungen gebraucht, die Verhandlungen in Osterode wurden zu langwierig. „Das neue Projekt in Osnabrück soll zeigen: Es geht um die Sache, nicht um Osterode.“ Dort laufe es gut, so Eichler.

„Wir haben ganz eng zusammengearbeitet“, sagt auch Hinrich Haake vom Betreiber, der Diakonie. Einen modernen Kraftraum mit Sportgeräten werde es schon sehr bald geben, erzählt er. „So können sich die Bewohner beschäftigen, das baut Stress ab.“ Und weil der Platz in dem ehemaligen Krankenhaus so begrenzt ist, will die Foundation zusammen mit dem Land Niedersachsen eine eigene Kindertagesstätte auf dem Gelände errichten.

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