Leute

Genuss für Auge und Gaumen

Die Gourmetspitzen: Heinz Horrmann besucht das „Palazzo“ im Spiegelzelt am Ostkreuz

Hans-Peter Wodarz, ein grandioser Koch in seiner Münchner und Wiesbadener Zeit als Küchenchef, hat für seine Erlebnisgastronomie stets erstklassige Partner ausgesucht. Mit Christian Lohse war das Spitze und jetzt mit Kolja Kleeberg, der zur späten Stunde dann auch noch die beste rockige Gesangsnummer präsentiert. Unabhängig von der übrigen Qualität des Showprogramms – über die Einzelheiten haben Sie in dieser Zeitung schon ausführlich gelesen – möchte ich etliche Leseranfragen beantworten und detailliert berichten, wie ich das Essen bewerte, das für mehr als 400 Besucher stets frisch zubereitet wird. Dazu den Ablauf des Service. Sie wissen ja, die edelste Küche fährt an die Wand, wenn die schwarze Brigade im Dienst am Gast nicht gut arbeitet. Hier im „Palazzo“ war ich hochzufrieden.

Zur Qualität der Küche: Schon im letzten Jahr war Kolja Kleeberg zum Entengericht zurückgekehrt. Das gehört einfach dazu. Aber anstelle der letztjährigen Entenbrust in Scheiben wird in diesem Jahr eine Entenkeule serviert, nicht gebraten, sondern confiert (in heißem Öl langsam gegart). Das garantiert ein butterzartes Fleisch, das mit Zitrone und Panch Phoron (eine mittelscharfe indische Gewürzkombination) aromatisiert wird. Rahmspinat und rote Zwiebelcreme komplettieren den Gang. Ein wenig indisch ausgerichtet war auch die davor servierte Suppe im neuen Vier-Gang-Menü. Nämlich eine indische Tomatensuppe mit Süßkartoffeln und Kaschmirknäcke, herrlich scharf, aber durchaus im Limit, sodass man nicht nach dem Feuerlöscher rufen muss.

Nicht jedermanns Sache war die Vorspeise, der geräucherte schwarze Heilbutt mit Rübchen und Senfkorn-Vinai-grette. Bei Räucheraromen scheiden sich die Geister. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch dieser Gang handwerklich für so viele Menschen sehr gut zubereitet war. Hier geht es nur um persönliche Geschmacksache.

Das Dessert war dann nur noch ein kleiner, leichter Abschluss. Ein wenig Fruchteis, ein bisschen Schokolade, auf den Teller gestrichene Karamellschokolade mit Fleur de Sel und Paradiesäpfel mit hauchfeinem Mais. Bei mir am Tisch wählten einige Schauspieler das vegetarische Menü. Da war natürlich auch die indische Tomatensuppe platziert, aber als Einstieg ein Quinoa-Salat mit grünem Spargel und Ingwer. Als Hauptgang produzierte die Küche ein Blumenkohlrisotto mit Babyspinat und karamellisierten Walnusskernen, das übrigens auch mit der Entenkeule kombiniert war. Das Dessert war dann wieder deckungsgleich mit dem anderen Menü. Obwohl die Zeit bei Showbeginn schon recht spät ist, denkt Hans-Peter Wodarz auch an die Kinder, die ins Zelt kommen. Genau im Blick, was die Kleinen mögen, wird dann auch serviert: gebackene Garnelenbällchen mit Gurkenspaghetti und hausgemachtem Paprikaketchup. Buchstabennudeln in der Fleischconsommé machen die Suppe für Kinder witziger. Piccata von der Hähnchenbrust mit Tomatensoße als Spiegel und Quark-Ravioli. Das macht den Kleinen Appetit. Das Dessert gefällt mir noch besser als im Hauptmenü, es ist ein Quader von Schokoladenmousse, angerichtet mit gezuckerten Beeren.

Bei der ersten großen Vorstellung war das Weinangebot festgeschrieben: Ein grauer Burgunder aus Baden, ein leichter Vinho Verde aus Portugal und ein Rotwein aus Württemberg. Fortan haben die Besucher eine kleine, aber feine Weinauswahl.

Nun zum Service: Der gehört zur Show oder die Show zum Service. Doch diesmal agiert der ganze Bedienungsapparat stilvoll und gut geschult, allein darauf konzentriert, den Gast zu verwöhnen. Die Weinkarte ist, wie gesagt, klein, umfasst nur günstige Kreszenzen. Aber wer lechzt schon nach einem Mouton-Rothschild, wenn die Künstler mit sensationeller Akrobatik auf dem Seil den Atem rauben? Doch unabhängig vom tollen Unterhaltungsprogramm mit Las-Vegas-Atmosphäre ist auch alleine das, was auf den Tisch kommt, empfehlenswert für einen schönen Abend.

Unabhängig von allen gekonnten Ausführungen ist grundsätzlich das Schöne an der „Palazzo“-Küche, dass es hier kein Trendessen aus dem Chemiebaukasten gibt. Und auch Fast Food, die Notnahrung, die immer schneller und schlimmer wird, findet nicht statt. Insgesamt steht unter dem Strich eine Bewertung knapp unter der Sternegrenze – und das für 400 Gäste. Wahrlich außergewöhnlich.

Was der Spaß kostet? Die Preisliste Menü plus Show beginnt bei 99 Euro. Zum Wochenende wird es teurer, und wer jetzt schon Silvester buchen möchte, muss 239 Euro einkalkulieren.

Insgesamt bin ich jedes Mal überrascht und fasziniert, wie für derart viele Menschen gleichmäßig gutes Essen gezaubert werden kann. Das lukullische Element ist im „Palazzo“ alles andere als eine Randnotiz zur Show, sondern ein tragendes Genuss-Element.