Terror

Bataclan-Überlebende: „Ich tat so, als wäre ich tot“

Ein ausgelassener Konzertabend wurde im Bataclan zum Albtraum. Der erschütternde Bericht einer 22-Jährigen auf Facebook bewegt viele.

Das Profilbild von Isobel Bowdery, die den Terror im "Bataclan" überlebte - und deren Post Hunderttausende Menschen bewegt

Das Profilbild von Isobel Bowdery, die den Terror im "Bataclan" überlebte - und deren Post Hunderttausende Menschen bewegt

Paris/Berlin. „Du denkt nie daran, dass es dir passieren könnte. Es war nur ein Freitagabend in einer Rock-Show. Die Atmosphäre war glücklich, alle haben getanzt und gelacht. Und dann, als die Männer durch den Haupteingang kamen und zu schießen begannen, waren wir so naiv zu glauben, es sei alles ein Teil der Show.“

Mit diesen Worten beginnt die 22-jährige Isobel Bowdery den Bericht auf ihrer Facebookseite. Sie hat das Konzert der „Eagles of Death Metal“ in der Pariser Konzerthalle Bataclan besucht. An dem Abend kamen mindestens 80 Menschen ums Leben. Erschossen von mehreren Attentätern. Isobel Bowderys Geschichte rührt viele Menschen. Millionen haben inzwischen ihren Facebookbeitrag gesehen. Wir dokumentieren ihn an dieser Stelle in deutscher Übersetzung:

„Zerstörte Zukunft, untröstliche Familien“

„Es war nicht nur ein Terroranschlag, es war ein Massaker. Dutzende von Menschen wurden direkt vor mir erschossen. Kübelweise Blut füllte den Boden. Schreie erwachsener Männer, die die leblosen Körper ihrer Freundinnen hielten, füllten den kleinen Saal. Zerstörte Zukunft, untröstliche Familien. In einem Augenblick. Schockiert und allein tat ich über eine Stunde lang so, als sei ich tot, mitten unter Menschen, die ihre Lieben nur noch leblos sahen.

Ich hielt meinen Atem an, versuchte mich nicht zu bewegen, nicht zu schreien. Ich war unglaublich glücklich, überlebt zu haben. Aber so viele haben nicht überlebt. Die Menschen, die aus den gleichen Gründen wie ich dort waren – einfach einen schönen Abend haben.

Diese Welt ist grausam. Ereignisse wie dieses zeigen am besten wie verdorben diese Menschen sind, deren Bilder mich für den Rest meines Lebens wie Geier verfolgen werden. Die Art und Weise, wie sie ohne Rücksicht auf menschliches Leben auf den Innenraum zielten, wo auch ich stand.

„Es fühlte sich nicht real an“

Es fühlte sich nicht real an. Ich wartete darauf, dass irgendjemand sagt: Es war nur ein Albtraum. Dass ich eine Überlebende bin, versetzt mich in die Lage, das Licht auf die Menschen zu lenken, die Helden waren. Auf den Mann, der mich mit seinen Worten beruhigte, als ich zu winseln begann. Auf das Paar, dessen letzte Worte mich an das Gute in der Welt glauben ließ. Auf die Polizei, der es gelang, hunderte Menschen zu retten. Und auf die völlig Fremde, die mich auf der Straße tröstete, während ich 45 Minuten lang glaubte, dass der Junge, den ich liebte, tot wäre. Auf den verletzten Mann, den ich mit Amaury verwechselt hatte und der mich hielt und sagte, alles werde gut, obwohl er ganz alleine war und selbst Angst hatte. Auf die Frau, die ihre Tür für die Überlebenden öffnete. Den Freund, der mir Unterschlupf anbot und losging, um neue Kleidung zu kaufen, damit ich dieses blutbefleckte Top nicht länger tragen musste.

An alle Freunde, die ihr mir Unterstützung angeboten und Solidaritätsbekundungen geschickt habt – ihr lasst mich glauben, dass diese Welt das Potenzial hat, besser zu sein.

Lasst uns das nie wieder zulassen.

„Es gibt nichts, das den Schmerz heilen kann“

Doch am meisten denke ich an die Menschen, die in der Halle ermordet worden sind, die nicht so viel Glück hatten, die heute nicht aufwachen werden und an all die Schmerzen, den ihre Freunde und Familien durchleben. Es tut mir so leid. Es gibt nichts, das den Schmerz heilen kann.

Ich fühle mich privilegiert, dort gewesen zu sein, wo sie ihre letzten Atemzüge taten. Und ich dachte wirklich, dass ich ihnen folgen würde. Ich verspreche, dass ihre letzten Gedanken nicht bei diesen Tieren waren, die das angerichtet haben. Sie dachten an die Menschen, die sie liebten.

„Du wirst niemals vergessen werden“

Als ich im Blut von Fremden lag und auf meine Kugel zum Ende meiner bloß 22 Jahre wartete, sah ich in jedes Gesicht und flüsterte: Ich liebe dich. Immer und immer wieder. Dabei dachte ich an die Höhepunkte meines Lebens. Ich hoffte, dass diejenigen, die ich liebe, weiter an das Gute im Menschen glauben – egal, was mir passiert. Um nicht zuzulassen, dass diese Männer gewinnen.

In der vergangenen Nacht ist das Leben von vielen für immer verändert worden. Es ist an uns, bessere Menschen zu sein. Das Leben zu leben, von dem die unschuldigen Opfer träumten, das sich aber leider nie erfüllen wird. RIP Engel. Du wirst niemals vergessen werden.“