Uh Geumsuk ziert sich, auf die Frage, nach den neuesten Klatschgeschichten in der Schule. Schließlich ist sie keine 17 mehr. Doch dann spitzt die 73-Jährige ihre Lippen, lächelt und erzählt eine Geschichte von ihrem Klassenkameraden, der immer zusammen mit seiner Frau in die Schule komme. „Aber jedes Mal in der großen Pause bringt er einer anderen Dame einen Kaffee.“ Frau Uh hat da Verständnis, sie hat selbst viel erlebt. „Wir haben uns die Augen des Mannes angesehen, wenn er zu ihr geht“, sagt sie. „Wir sind uns sicher, er ist verliebt.“
Dieses „wir“, von dem die ältere Dame erzählt, ist eine ganz besondere Gemeinschaft: Rund 300 ältere Damen und Herren treffen sich zwischen ein- und dreimal pro Woche in einem großen Schulgebäude an der Ostküste von Südkorea. Es ist die Generation, die während der japanischen Besatzungszeit geboren wurde und im Koreakrieg in den 50er-Jahren aufgewachsen ist. Alle diese „Schulkinder“ haben miterlebt, wie Südkorea vom Status eines afrikanischen Entwicklungslandes mit Plumpsklos in den Gassen zum technischen Powerhouse mit Highspeed-Internet und Samsung-Fabriken wurde. Nur konnten sie nicht die Bildung erlangen, die für die Koreaner die PISA-Studien anführen lässt. Das soll diese Schule jetzt ändern.
Ein Schultag beginnt für Uh Geumsuk gegen 9 Uhr, wenn sie ihre Schuluniform anzieht, dann fährt ihre Schwiegertochter sie in die Schule. „Ich komme mindestens einmal in der Woche zum Unterricht“, sagt sie, auch wenn sie sich keinen besseren Job mehr danach erhofft. „Hier habe ich gelernt, wie ich am Computer E-Mails schreiben kann, mit Skype telefonieren.“ Sie könne das gut gebrauchen für den Alltag. Einige ihrer Altersgenossen lernten erst hier richtig lesen. Die meisten haben nur einen Grundschulabschluss, weil sie schon in jungen Jahren Geld verdienen mussten.
Viele bleiben auch nach dem Erreichen ihres Schulabschlusses
Für den Leiter der Schule war das der Hauptgrund, dieses Projekt vor zehn Jahren in der Kleinstadt Yangpo zu gründen. Der 51 Jahre alte Kim Jin-Dong konnte die Unterstützung des Bürgermeisters der Großstadt Pohang gewinnen. Die Hafenstadt wurde in den 60er- und 70er-Jahren zum wichtigsten Standort der koreanischen Stahlindustrie. Dafür hat er zehn Lehrer gefunden, die diese Schüler in acht Fächern wie Musik, Sport, Geschichte, Lesen und „Moderne Technik“ unterrichten. „Nach vier Jahren können die Absolventen bei uns eine Zertifikat bekommen“, sagt er, „aber die meisten bleiben danach auch an der Schule.“
Uh Geumsuk hat sich inzwischen noch einmal umgezogen. Kurz vor elf Uhr steht Frau Uh in einem orange leuchtenden T-Shirt auf der Dachterrasse der Schule. Der Sportunterricht findet heute noch vor dem Mittagessen statt. Es beginnt mit einem Stretching, einer Übung, mit der noch heute an vielen Mittelschulen in Südkorea der Tag beginnt. Dann bilden sie Teams, machen einen Staffel- und einen Hindernislauf. Die Teams Weiß gegen Blau bringen sich gegeneinander in Stellung. Uh Geumsuk in Weiß gehört zum Verliererteam und drückt die Wut darüber aus, wie das vor 60 Jahren üblich war: Sie nimmt ihren Schuh in die Hand und haut damit auf den Boden – unter großem Gejohle aller.
All das muss finanziert werden, vor allem Spenden der Schüler helfen dabei, sagt Schulleiter Kim. Schließlich müssen die Kinder ihre Eltern ehren. Zudem liegt die Geburtenrate in Südkorea mit 1,3 noch unterhalb der deutschen. Das heißt die Gesellschaft altert hier schneller als irgendwo sonst.
Das führt Uh Geumsuk zum wohl wichtigsten Unterschied zu einer wirklichen Grundschule. „Es kommt immer wieder vor“, sagt sie, „das am nächsten Schultag jemand nicht mehr kommt.“ Sie habe das oft erlebt. „Wir gehen dann geschlossen zur Beerdigung.“ So könnten die Verwandten sehen, wie wichtig gute Schulfreunde seien.

