Ernährung

Krebs durch Fleischkonsum? – Sieben Antworten zum Risiko

Die Weltgesundheitsorganisation sieht Fleisch als potenziellen Krebserreger. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Fleischverzehr.

Gefährlicher Genuss? Laut WHO erhöhen rotes und verarbeitetes Fleisch das Krebsrisiko stärker als bislang angenommen.

Gefährlicher Genuss? Laut WHO erhöhen rotes und verarbeitetes Fleisch das Krebsrisiko stärker als bislang angenommen.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Berlin.  Da wird dem ein oder anderen Fleischliebhaber in Deutschland ein gehöriger Schrecken in den Magen gefahren sein: Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in einem am Montag veröffentlichten Bericht vor zu viel Fleischkonsum gewarnt - wegen des Krebsrisikos. Vor allem verarbeitetes Fleisch wie Wurst und Schinken, aber auch rotes Fleisch wie Rind oder Schweinekotelett sollen Krebs verursachen können. Der Verzehr von 50 Gramm verarbeitetem Fleisch täglich erhöhe das Darmkrebsrisiko um 18 Prozent , 17 Prozent sollen es je 100 Gramm rotem Fleisch sein, hieß es von der WHO.

Kein Wurstbrot mehr, kein Grillfest? Wir haben Expertenmeinungen eingeholt und beantworten die wichtigsten Fragen zum WHO-Bericht und zum Fleischverzehr.

• Was ist dran an den Aussagen des WHO-Berichts?

Sie sind absolut seriös. Die WHO hat rund 800 Einzelstudien ausgewertet, die Ergebnisse sind definitiv repräsentativ. Hinzu kommt: Die Erkenntnisse sind nicht neu. „Wir können die Befunde nur bestätigen“, sagt Ökotrophologin Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Diese Ergebnisse hätten sich bereits in den DGE-Ernährungsberichten 2008 und 2012 abgezeichnet, jüngste Untersuchungen hätten nahezu dieselben Resultate gebracht. Auch Dr. Thomas Hulisz, Ernährungsexperte von den Augusta-Kliniken in Bochum, unterstützt die Aussagen des Berichts: „Das alles ist für mich keinesfalls bahnbrechend neu. Aber es ist gut, dass es jetzt mal so offensiv in die Öffentlichkeit gebracht wird.“

Was sagen Kritiker der Studie?

Der deutsche Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen bestätigte die Einschätzung der WHO prinzipiell, bemängelte aber, dass nicht erwähnt werde, dass es Länder mit hohem Fleischkonsum gebe, in denen die Dickdarmkrebs-Raten trotzdem sehr niedrig sind. Aus seiner Sicht müsste mehr zwischen den verschiedenen Sorten roten Fleisches differenziert werden. Ein wenig harscher reagierte der Schutzverband Schwarzwälder Schinkenhersteller. Die WHO verunsichere Verbraucher, ohne ihre Vorwürfe mit Zahlen zu belegen, sagte Verbandschef Hans Schnekenburger. Er hält die Debatte für ideologisch gefärbt.

Für Sarkasmus hat der Bericht in Australien gesorgt. Agrarminister Barnaby Joyce regt sich vor allem darüber auf, dass die WHO Fleisch ähnlich gefährlich einstufe wie Asbest, Alkohol und Tabak. „Das macht das ganze doch vollends zur Farce - Würstchen mit Zigaretten zu vergleichen“, meinte Joyce. „Wenn wir all das aus unserer Ernährung streichen würden, was die WHO als krebserregend bezeichnet, können wir zurück in die Höhlen gehen.“ Zur Einordnung: Australier essen im Schnitt mehr als 100 Kilogramm Fleisch jährlich - in Deutschland sind’s rund 60.

• Was macht das Fleisch potenziell krebserregend?

Einige Inhaltsstoffe von rotem Fleisch und Zusätze bei verarbeitetem Fleisch wie zum Beispiel Salze können Verbindungen eingehen, die krebserregend sind. Ungesunde Stoffe können auch bei langem Anbraten, Garen und Grillen entstehen. Die gefährlichen Substanzen entstehen vorrangig im Darm, daher erhöht Fleischverzehr vor allem das Darmkrebsrisiko.

• Muss ich Fleisch jetzt aus meinem Speiseplan streichen?

“Niemand muss aus gesundheitlichen Gründen auf Fleisch verzichten“, sagt Antje Gahl von der DGE. Wie bei so vielem gelte aber: Die Menge macht’s. Die DGE empfiehlt, wöchentlich nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch zu essen. Deutsche Frauen würden gemessen an diesem Richtwert gerade noch im Rahmen liegen, Männer allerdings essen im Schnitt fast doppelt so viel (1092 Gramm). Dr. Thomas Hulisz ist geht noch weiter. Der Ernährungsexperte von den Augusta-Kliniken in Bochum sagt: „Meiner Meinung nach kann auch gut bei 150 Gramm pro Woche Schluss sein.“

• Wie kann ich mein Risiko verringern, ohne auf Fleisch zu verzichten ?

Wie schon gesagt: Die Menge macht’s. Vielleicht muss es ja nicht immer das 400-Gramm-Entrecote sein. Portionsgrößen kontrollieren, vielleicht einmal mehr das Käse- statt des Wurstbrots essen, so kann man sich den Richtwerten der DGE annähern.

Wer nicht so viel an der Fleischmenge verändern will, kann auch auf „weißes Fleisch“ umsteigen, auf Geflügel also. „Weißes Fleisch wurde zwar in dem aktuellen Bericht gar nicht berücksichtigt, ist aber aus unserer Sicht und laut den Ergebnissen anderer Studien weniger bedenklich“, sagte Antje Grahl. Dort gibt es allerdings andere Risiken wie eine mögliche Keimbelastung.

• Kann ich einfach auf Fleisch verzichten? Worauf muss ich dabei achten?

Generell gilt: Ja, es lässt sich gut auf Fleisch verzichten, ohne dabei mit Mangel kämpfen zu müssen. Wie ratsam das allerdings ist, daran scheiden sich die Geister.

„Fleisch ist ein sehr nährstoffreiches Lebensmittel und gehört zu einer normalen Ernährung“, sagt Professor Johannes Erdmann, Ernährungsmediziner und Diabetologe von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, „wer Fleisch oder tierische Produkte allgemein ersetzen möchte, braucht ein riesiges Know-How, um sich ausgewogen zu ernähren“. Dieses Wissen hätten nicht viele und gerade bei Kindern könne es aufgrund vorschneller Ernährungsumstellungen auch schnell zu Mangelerscheinungen kommen, so Erdmann. Schnell fehlten dann etwa Vitamin B12, Eisen oder ausreichend Proteine (Eiweiß). Gerade Eiweiße und Eisen kann unser Körper sehr gut aufnehmen, weil sie den menschlichen sehr ähneln. Dr. Thomas Hulisz von den Augusta-Kliniken Bochum hingegen sieht eine Ernährungsumstellung weniger skeptisch: „Wer es nicht unbedingt haben mus, aus Gründen des Geschmacks zum Beispiel, der kann sehr gut und einfach auf Fleisch verzichten.“

Was sich in jedem Fall sagen lässt: Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte wie Bohnen, Linsen und Erbsen gelten als die besten Alternativen zu tierischem Eiweiß. Eisen kann man sich unter anderem gut durch Spinat, Wurzelgemüse und Vollkornprodukte besorgen. Antje Gahl merkt an: „Gerade wenn jemand

• Kann ich mein Kind fleischlos ernähren?

Ja, unter bestimmten Bedingungen. Vegetarische Ernährung von Kindern, auch von Säuglingen, ist laut der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) möglich. Allerdings sollte der Eisengehalt im Blut des Kindes überwacht werden. Von veganer Ernährung, also vom zusätzlichen Verzicht auf Ei- und Milchprodukte rät die DGKJ dringend ab, „da sie zu schwerwiegenden Nährstoffdefiziten“ führe, heißt es in einer DGKJ-Monatsschrift.