Internetstars

Youtuber - Stars mit unbekannten Gesichtern

Youtuber erobern im Internet Millionen Teenager – und schwächen das Fernsehen. Sie sind die Showstars nach Gottschalk und Carrell.

Joyce Ilg ist einer der größten deutschen Youtube-Stars.

Joyce Ilg ist einer der größten deutschen Youtube-Stars.

Foto: abaumgarten@wmg.loc / Youtube

Berlin.  „Ich hab keinen Bock mehr auf Prenzlauer Berg, ich ziehe nach Halle!“ und „dieser Apple Schrott, der läuft ja gar nicht richtig“, das sind Sätze, mit denen Joyce Ilg in ihrem neuesten Youtube-Video „Dinge, die Hipster nicht sagen“ die Möchtegerncoolen in der Hauptstadt mit ihren iPhones und dicken schwarzen Brillen parodiert. Joyce Ilg ist ein deutscher Youtube-Star. Also jemand, dessen Videos sich Zehntausende Teenager im Internet anschauen – und jemand, der den meisten Eltern nicht bekannt ist.

Ilgs Youtube-Kanal heißt „Joyce“, ihre Filme sind selbstironisch und in ihrer Wohnung gedreht, das soll dem Zuschauer Nähe vermitteln. Die Kölnerin gehört mit 31 Jahren zu den ältesten Youtube-Stars, die meisten sind zwischen 16 und 22. Ilg begann ihr öffentliches Leben vor mehr als zehn Jahren als Schauspielerin, spielte in Serien wie „Unter uns“ und „Dahoam is dahoam“ mit – nun verdient sie 70 Prozent ihres Lebensunterhalts mit Youtube. Wie viel das genau ist, will sie nicht öffentlich machen. Ihren Kanal, mit derzeit rund 940.000 Abonnenten, hat sie vor zwei Jahren eröffnet.

Für Jugendliche werden Youtube-Stars immer wichtiger: Teenager schauen immer weniger fern, dafür sehen sich 95 Prozent der 14- bis 29-Jährigen laut der ARD/ZDF-Onlinestudie Internetvideos an. So entsteht ein Paralleluniversum: Eltern haben von den Stars ihrer Kinder noch nie gehört, Jugendliche langweilt das Fernsehprogramm. Die meisten Fernsehzuschauer sind über 50 Jahre alt – wie der Vater von Joyce. „Mein Vater hat lange gebraucht, um zu verstehen, dass Youtube jetzt mein Hauptberuf ist“, sagt Ilg.

Klicks bedeuten Millionen Euro

Die Einnahmen von Ilgs neuem Hauptberuf werden durch Klickzahlen generiert – und die können beachtlich sein. Das Comedytrio Y-Titty, das mit 3,2 Millionen Abonnenten auf Platz drei der deutschen Youtube-Charts steht, soll nach Schätzungen zwischen 33.000 und 270.000 Euro pro Jahr über Youtube verdienen. Im internationalen Vergleich ist das ein Taschengeld: Der erfolgreichste Youtuber der Welt ist bereits Millionär. „Pewdiepie“ alias Computerspielexperte Felix Kjellber soll zwischen zwei und 14 Millionen Euro im Jahr verdienen. Der Kanal des 25-jährigen Schweden hat 39 Millionen Follower, seine Videos wurden über zehn Milliarden Mal abgerufen. Das sind große Zahlen, doch nur rund ein Prozent der Youtuber kann auch von ihren Videos leben.

Die Fans hingegen leben offenbar für ihre Stars. Sie schauen und diskutieren ihre Videos im Internet wie TV-Fernsehserien früher auf dem Schulhof. Inhalte wie Schminkanleitungen, Comedy über Hipster, Do-it-yourself-Tipps oder Computerspielvideos spiegeln die heutige Lebenswelt der Heranwachsenden. Youtuber wie Ape Crime, Die Lochis, Dagi Bee oder LeFloid sind Popstars und werden verehrt. Im Mai und August 2015 kamen 21.500 Jugendliche zu den deutschen Video Days, wo Fans – die meisten Besucher waren elf bis 15 Jahre alt – ihre Youtube-Stars treffen können. Auf Platz eins der deutschen Youtube-Charts steht „Gronkh“, ein Portal, das sogenannte „Let’s play“-Videos bietet: Computerspieler filmen sich dabei selbst beim Spielen und kommentieren das Gesehene. Auf Platz zwei steht der Musikkanal „Kontor TV“, dann folgen Y-Titty.

Für den Erfolg der Youtube-Känale hat Ilg eine Erklärung. „Erstens gibt es im Fernsehen für Teenager zu wenig Bezugspersonen. Für Kinderserien sind sie zu alt, für Joko & Klaas noch zu jung.“ Die Nähe der Youtube-Stars, die ihre Videos oft in den eigenen Zimmern drehen, fasziniere die Jugendlichen. Drittens könnten die Fans die Inhalte über die Kommentarfunktion mitbestimmen.

Für das lineare Fernsehen mit festen Sendeterminen und ehemaligen Moderatorenlegenden wie Stefan Raab, Thomas Gottschalk oder Günther Jauch hat das dramatische Konsequenzen: Mit den Zuschauern sinkt auch die Relevanz des Mediums Fernsehen. Aber: Sterben wird das Fernsehen nie. „Youtube wird das Fernsehen niemals ganz ablösen“, sagt Joan Kristin Bleicher, Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Hamburg. „Youtube wird immer nur eine Ergänzung zum Fernsehen bleiben.“

Aber wie lange noch? „Man weiß als einzelner Youtuber nicht, wie lange das für einen gut geht“, sagt Ilg.