Ist es die pure Verzweiflung, die die Angehörigen der 18 bei der Germanwings-Katastrophe verunglückten Schüler aus Haltern zu dem offenen Brief an Lufthansa-Chef Carsten Spohr trieb? Oder die schiere Wut über den aus ihrer Sicht unsäglichen Umgang der Airline mit dem Unglück? In jedem Fall drücken die Zeilen ihr ganzes Leid aus. Leid, dass Unbeteiligte fast wieder zu vergessen drohten. Gleich in den ersten Zeilen des Briefes, der am Dienstag veröffentlicht wurde und der der „Bild“-Zeitung vorab vorlag, bemängeln die Angehörigen die subjektiv fehlende Anteilnahme des Lufthansa-Chefs am Schicksal der Schüler. „Herr Gauck, Frau Merkel und Frau Kraft (Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, d. Red.) haben mit uns gesprochen“, schreiben die Angehörigen. „Sie nicht“. Eine Entschuldigung? Gab es offenbar nicht.
Genau darauf aber haben die Hinterbliebenen aber offensichtlich gewartet. „Wir hatten erwartet, irgendwann in diesen schweren Tagen eine Entschuldigung von der Lufthansa zu hören. Eine Entschuldigung dafür, dass von Ihrem medizinischen Dienst bei den Kontrollen der Aktenvermerk über die Vorerkrankung des Piloten nicht beachtet worden ist. Eine Entschuldigung dafür, dass die Lufthansa sich gegen ein ständiges Vier-Augen-Prinzip im Cockpit entschieden hatte. Eine Entschuldigung dafür, dass bei mehr Sorgfalt beim Umgang mit solchen Risiken unsere Kinder vielleicht noch am Leben wären.“ Nichts dergleichen hätten die Eltern gehört. Stattdessen hätte sich Spohr nur um die Lufthansa-Kundschaft gekümmert und große Traueranzeigen geschaltet. Diesen Vorwurf lässt die Kranich-Airline nicht auf sich sitzen. In einer ersten Stellungnahme gegenüber der „Bild“ tritt Lufthansa-Sprecher Andreas Bartels diesen Vorwürfen entschieden entgegen: „Vom 1. Tag an hat Herr Spohr zu seiner Verantwortung für das Unglück gestanden – und sich für das Leid, das die Katastrophe über die Familien gebracht hat, entschuldigt.“
Trauerfeier in Frankreich
Das sehen die Angehörigen freilich anders. Auch die für Freitag geplante Trauerfeier im französischen Le Vernet halten die Angehörigen für ein falsches Spiel. „Die Lufthansa hat nicht davon gesprochen, dass wir nur Teile unserer Kinder zurückbekommen haben und dass die übrigen Teile – soweit sie gefunden werden – nun anonym in Le Vernet beigesetzt werden“, werfen die Angehörigen dem Lufthansa-Chef vor. Das sei so nicht richtig, betont Bartels in der „Bild“-Zeitung. In vielen Fällen konnten gefundene Leichenteile nicht zugeordnet, weswegen sie auch nicht an die Angehörigen überführt werden konnten. Daher würden sie nun in Frankreich beigesetzt.
Besonders schmerzvoll aber empfinden die Angehörigen das Schmerzensgeld-Angebot der Lufthansa. „Das Leben eines jeden unserer Kinder und unseren Schmerz mit fünfundvierzigtausend Euro zu bemessen, beleidigt uns und vor allem unsere Kinder zutiefst“. Dieses würde einem „dafür geradestehen“ nicht entsprechen. Der anschließende Vergleich spricht Bände. Die Entschädigung, die ihnen angeboten wurde, würde Spohr als Gehalt überwiesen bekommen – „jede Woche“. Die Reaktion des Lufthansa-Sprechers in der „Bild“ ist wenig einfühlsam. Spohr sei im Geschäftsjahr 2014 mit 2,07 Millionen Euro „vergütet“ worden. Das entspricht einem Wochensalär von exakt 39.807,69 Euro.
Dennoch geben sie dem Lufthansa-Chef die Chance zur Wiedergutmachung. Zumindest in finanzieller Form. So solle Spohr respektive die Lufthansa den Hinterbliebenen stattdessen „zusätzliche Sorgen“ nehmen. Die Finanzierung der Ausbildung der Geschwister zum Beispiel. Oder aber die Kosten der Pflege der Großeltern. Kürzlich hatten die Hinterbliebenen das Schmerzensgeld-Angebot der Lufthansa abgelehnt. Der Anwalt der Angehörigen, Elmar Giemulla aus Berlin, forderte mindestens 100.000 Euro für jedes Opfer. Er vertritt mehr als 30 Familien.
Die Lufthansa zahlt den Hinterbliebenen nach eigenen Angaben aber deutlich mehr Geld, als dies bisher von den Familien genannt worden ist. Im Durchschnitt würden sie mehr als 100.000 Euro erhalten, sagte der Lufthansa-Sprecher Andreas Bartels am Dienstag. Wenn es sich bei dem Opfer um den Hauptverdiener einer Familie handele, könne die Summe auch über einer Million Euro liegen.
Zum Ende des Briefes schlagen die Angehörigen wieder einen trauernden Ton an. Jeder gehe anders mit seiner Trauer um. Während sich einige in die Arbeit gestürzt hätten, ist bei anderen an einen geregelten Lebensalltag noch immer nicht zu denken.

