Ukraine

Vier Deutsche sterben bei Flugzeugabsturz über Ukraine

Bei dem Absturz einer Boeing 777 mit mehr als 300 Menschen an Bord sollen auch vier Deutsche ums Leben gekommen sein. Das sagte der Vizepräsident der Fluggesellschaft Malaysia Airlines Europe.

Eine Passagiermaschine der Malaysia Airlines mit 283 Passagieren und 15 Besatzungsmitgliedern an Bord ist am Donnerstag im Osten der Ukraine abgestürzt und in umkämpftem Gebiet zerschellt. Es gab keine Überlebenden. Am Boden soll es weitere Tote gegeben haben.

Die Staatsführung in Kiew und prorussische Separatisten werfen sich gegenseitig den gezielten Abschuss der Boeing 777 vor.

Unter den Opfern seien auch vier Deutsche, teilte der Vizepräsident der Fluggesellschaft Malaysia Airlines Europe, Huib Gorter, am Donnerstagabend am Amsterdamer Flughafen Schiphol mit. Vom Auswärtigen Amt in Berlin gab es dafür zunächst keine Bestätigung. Man arbeite mit Hochdruck daran, die Situation aufzuklären. „Wir möchten uns noch nicht dazu äußern, ob sich Deutsche unter den Opfern befinden“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts.

Von den Opfern kamen nach bisherigen Angaben 154 aus den Niederlanden. An Bord waren außerdem 27 Australier, 23 Malaysier, 11 Indonesier, 6 Briten, 4 Belgier, 3 Philippiner und ein Kanadier. Von den anderen Passagieren steht die Nationalität noch nicht fest.

Die Maschine war um 12.15 Uhr von Amsterdam abgeflogen mit dem Ziel Kuala Lumpur. Malaysia Airlines bestätigte den Kontaktverlust mit Flug MH17 um 16.15 Uhr MESZ. Zu diesem Zeitpunkt sei die in rund 10.000 Meter Höhe schwebende Maschine etwa 50 Kilometer von der russisch-ukrainischen Grenze entfernt gewesen.

Nach dem Absturz wurde der Luftraum über der Ukraine komplett gesperrt.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat der Ukraine die Verantwortung für den Absturz des Passagierflugzeuges im Osten des Landes zugeschrieben. Die schreckliche Tragödie wäre nicht passiert, wenn es in der Ostukraine keinen Krieg gebe, sagte Putin am späten Donnerstagabend bei Moskau.

Von Boden-Luft-Rakete getroffen

Die Agentur Interfax meldete, das Flugzeug sei von einer Boden-Luft-Rakete vom Typ Buk getroffen worden. In der Ostukraine liefern sich seit Wochen Soldaten und prorussische Separatisten heftige Gefechte. Der Berater des ukrainischen Innenministeriums sagte, die Rakete sei von Separatisten abgefeuert worden. Am Abend meldete Interfax, prorussische Separatisten hätten den Flugschreiber der Boeing im Trümmerfeld an der Absturzstelle entdeckt.

Auch US-Vizepräsident Joe Biden sprach von einem Abschuss der Maschine. Der Absturz sei sei „kein Unfall“, die Maschine sei „vom Himmel geholt worden“, sagte Biden nach Angaben des TV-Senders MSNBC in Detroit. Das entspricht der Einschätzung des US-Geheimdienstes, der von einem Raketenbeschuss ausgeht. Die „Washington Post“ zitierte einen namentlich nicht genannten Geheimdienstbeamten.

USA sagt Hilfe bei Aufklärung zu

Die USA hatte ihre Unterstützung bei der Aufklärung des Absturzes zugesagt. „Die Vereinigten Staaten werden jede mögliche Hilfe anbieten, um festzustellen, was passiert ist und warum“, sagte US-Präsident Barack Obama und sprach von einer „schrecklichen Tragödie“. Vizepräsident Joe Biden übermittelte das Hilfsangebot nach Angaben des Weißen Haus in einem Telefonat mit Poroschenko.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, falls die Boeing tatsächlich abgeschossen worden sein sollte, wäre dies „eine weitere, tragische Eskalation des Konflikts“.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich entsetzt über den Flugzeugabsturz geäußert und eine internationale Untersuchung gefordert. „Dass Hunderte völlig Unbeteiligte auf diese furchtbare Weise ums Leben kommen, versagt mir die Sprache“, sagte Steinmeier bei einem Besuch in Mexiko-Stadt.

Ukraine-Präsident wirft Separatisten Abschuss vor

Die ukrainische Regierung und die prorussischen Separatisten haben sich gegenseitig für den Abschuss der Passagiermaschine über dem Konfliktgebiet Donezk verantwortlich gemacht. In Kiew warf Präsident Petro Poroschenko den Separatisten vor, die Maschine MH17 abgeschossen zu haben – wie zuletzt mehrere ukrainische Militärflugzeuge. Die ukrainische Luftwaffe habe mit der Tragödie nichts zu tun, teilte er mit. Poroschenko erklärte: „Die Streitkräfte der Ukraine sind nicht gegen irgendwelche Ziele in der Luft aktiv geworden.“

Die prorussischen Kräfte hingegen warfen den ukrainischen Streitkräften den Abschuss vor. Die Boeing 777 sei nahe der Großstadt Donezk abgestürzt, sagte der selbst ernannte Premierminister der nicht anerkannten „Volksrepublik“, Alexander Borodaj. Die Aufständischen hätten keine Abwehrwaffen, um Maschinen in einer Höhe von 10.000 Metern abzuschießen. Es handele sich um eine „Provokation“ der ukrainischen Luftwaffe, sagte Borodaj.

In der betroffenen Region gibt es schwere Gefechte. Die Separatisten hatten zuletzt mehrfach zugegeben, ukrainische Kampfjets, Transportmaschinen und mehrere Hubschrauber abgeschossen zu haben.

Ein Militärkommandeur der Rebellen erklärte vor den Nachrichten über den Abschuss der Verkehrsmaschine, seine Kämpfer hätten in demselben Gebiet ein Truppentransportflugzeug vom Typ Antonow An-26 abgeschossen. Die Armeeführung in Kiew wiederum warf Russland am Vormittag vor, ein Militärflugzeug über der Ostukraine abgeschossen zu haben. Die Regierung in Moskau wies die Vorwürfe als absurd zurück.

Der Dienst Flightradar24 zeigt bei Twitter die letzte erfasste Position von Flug MH17:

Entlang der ukrainisch-russischen Grenze kommt es immer wieder zu Gefechten zwischen dem ukrainischen Militär und bewaffneten Separatisten. Russland und die Ukraine weisen sich gegenseitig die Schuld am Blutvergießen zu.

Unterdessen sind bei Youtube Bewegtbildaufnahmen aufgetaucht, die angeblich die Absturzstelle der Boeing zeigen.

Die britische BBC verbreitet unterdessen bereits Aufnahmen von der Absturzstelle auf einem Feld in der Ostukraine. Weit verstreut liegen rauchende Trümmer in dem Bereich, außerdem Dutzende Leichen. Rettungskräften zufolge seien bereits mindestens 100 Leichen nahe des Dorfes Grabovo gefunden worden. Die Trümmer verteilten sich in einem Umkreis von rund 15 Kilometern.

Unter den Wrackteilen wurde auch das Heck der Boeing entdeckt. Dieses war separat in einem Getreidefeld aufgeschlagen. Es trägt das Emblem von Malaysia Airlines. Kämpfer der Separatisten und mehrere Feuerwehrautos befanden sich an der Absturzstelle.

Ein Bauer war Augenzeuge des Absturzes

Ein Augenzeuge berichtete laut Reuters: „Ich saß in meinem Traktor auf dem Feld, als ich erst ein herannahendes Flugzeug hörte, dann einen Knall und Schüsse. Dann sah ich, wie das Flugzeug zu Boden ging und in Teile brach. Es gab dicken schwarzen Rauch.“

Ein angeblicher separatistischer Rebell nahe Krasnyi Luch sagte laut Reuters: „Von meinem Balkon aus sah ich, wie ein Flugzeug aus großer Höhe in den Sinkflug ging. Dann hörte ich zwei Explosionen.“ Er bestritt, Rebellen hätten die Boeing abgeschossen.

Fluggesellschaften ändern Routen und meiden Ukraine

Die deutsche Fluggesellschaft Lufthansa hat als Reaktion auf den Absturz ihre Flugrouten geändert. „Die Lufthansa hat sich entschieden, von sofort an den ukrainischen Luftraum weiträumig zu umfliegen“, sagte eine Sprecherin der Fluglinie. Von der Entscheidung, die Flugrouten zu ändern, seien im Laufe des Donnerstag noch vier Flüge betroffen.

Auch die russische Airline Aeroflot teilte mit, den Luftraum ab sofort zu meiden. Von British Airways, die das Gebiet einmal täglich Richtung Kiew überfliegt, hieß es am Abend, man wolle die Route überprüfen. Das französische Verkehrsministerium forderte Fluggesellschaften dazu auf, den Luftraum über der Ukraine bis auf Weiteres nicht mehr zu nutzen. Die Schutzmaßnahme werde mindestens so lange gelten, bis die Ursache für die Flugzeugkatastrophe geklärt sei, hieß es. Die größte französische Fluggesellschaft Air France hatte zuvor bereits mitgeteilt, den Osten der Ukraine mit sofortiger Wirkung nicht mehr zu überfliegen. Über die Krim fliege man bereits seit dem 3. April 2014 nicht mehr.

Dutzende Flüge von Airlines wie Lufthansa, Air France und KLM gingen bisher täglich durch den Luftraum der umkämpften Ostukraine:

Für Malaysia Airlines ist der Absturz der zweite schwere Schlag innerhalb weniger Monate. Am 8. März war eine Maschine der Fluggesellschaft auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking verschwunden. Vom Flugzeug und den 239 Insassen fehlt trotz der größten Suchaktion in der Geschichte der Luftfahrt bis heute jede Spur.

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